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Joseph Blatter König Fußball

07.06.2006 ·  Die Fifa ist nur ein eingetragener Verein. Doch sie beherrscht Spiel und Geld im Fußball. Und Joseph Blatter ist der Größte: Ihm stehen Präsidentensuiten, beflaggte Limousinen und Sessel in den Stadien zur Verfügung, die auf Höhe der Mittellinie postiert werden müssen.

Von Georg Meck und Winand von Petersdorff
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Einzigartiges Grönland. Die Insel gehört nicht zur Fifa. Sie verdankt dieses Privileg der Verletzung alter Fifa-Statuten, die Naturrasen-Stadien verlangen, was im Packeis schwer zu organisieren ist. 207 Mitgliedsländer hat die Fifa, nachdem jüngst die Komoren erfolgreich aufgenommen wurden. Damit ist die Fifa größer als die UN, wie Präsident Joseph „Sepp“ Blatter gelegentlich ins Gespräch einstreut, wenn mal wieder über Straßensperren oder Steuervorteile für die Fifa gemosert wird.

Was einem Kofi Annan zusteht, das ist für JSB - so das interne Kürzel des Fifa-Bosses - in dessen Wahrnehmung nur recht und billig. Auch wenn selbst die WM-Sponsoren über die rumänischen Züge spotten, die die Beweihräucherung des Fifa-Obersten annimmt. Von der Präsidentensuite über die beflaggten Limousinen bis zum Sessel im Stadion, der nach Blatters Order exakt auf Höhe der Mittellinie postiert werden muß.

Entwicklungshelfer oder Friedensstifter?

Dabei ist der Herrscher über den Weltfußball strenggenommen nicht mehr als der Vorsitzende eines eingetragenen Vereins. Dies ist die Rechtsform des Fifa-Konzerns, der das Monopol auf das ehemals freie Gut Fußball erlangt hat. Dabei braucht es im Grunde zu dem Spiel nicht viel mehr als einen Ball - eine abwegige Ansicht in der Funktionärswelt des Joseph Blatter, der es geschafft hat, dem Fußball eine höhere weltpolitische Dimension - Entwicklungshelfer und Friedensstifter - zu geben und ihn gleichzeitig nach allen Regeln des Kommerzes auszupressen

Mächtiger dürften global nur die Vereinigten Staaten und regional der ADAC sein. Die Fifa schreibt über sich solche bemerkenswerten Sätze wie: „Die Fifa-Verwaltung wird in ihrer täglichen Arbeit von mehr als 25 ständigen Ausschüssen und zwei gesetzgebenden Organen unterstützt: dem Disziplinarausschuß und dem Berufungsausschuß.“ Wie bitte? Gesetzgebende Organe? Die Einsicht dürfte sich verfestigen, daß sich in der nagelneuen, 220 Millionen Franken teuren Zentrale in Zürich an der Fifa-Straße eine Weltregierung des Fußballs festgesetzt hat.

Fußballbeamte mit juristischem Feingefühl

Deren Machtexpansion stößt allerdings zunehmend auf Mißmut. Selbst aus der Sicht von Fifa-Partnern treiben es die Funktionäre allmählich zu bunt; wenn etwa an Geldautomaten in Stadien die Logos der Bank abgeklebt werden müssen, weil die nicht zu den Sponsoren zählt. Daß zur WM in den Bannmeilen um die Arenen nicht einmal Milch ausgeschenkt werden darf, weil Coca-Cola nun mal einer der wichtigsten Fifa-Sponsoren ist, wird als Posse am Rande abgebucht werden können, solange die Mütter ihre Säuglinge noch stillen dürfen.

Aber darf man außerhalb von Grönland eigentlich seine Jungs noch zum Bolzen schicken, ohne in Zürich eine Erlaubnis einzuholen? Man ahnt da rechtsfreie Räume, in die Schweizer Fußballbeamte mit juristischem Feingefühl stoßen könnten. Im 141 Seiten dicken Fifa-Pflichtenheft für die WM-Stadien ist der Neigungswinkel der Rückenlehnen ebenso festgelegt wie die Grünfärbung des Rasens. Die soll an allen Spielorten gleich sein, damit die Zuschauer nicht abgelenkt werden - oder warum auch immer. In der ehemaligen Allianz-Arena - seit die Fifa am 25. Mai dort das Hausrecht übernommen hat, darf man auf keinen Fall Allianz-Arena zur Allianz-Arena sagen - mußte deshalb der alte Rasen ausgewechselt werden. Kostenpunkt: 100.000 Euro. „Das war nicht in meinem Sinne. Der alte Rasen war besser“, grummelt Arena-Chef Peter Kerspe.

Es staut sich Ärger auf

Beim Vorstandsvorsitzenden von Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge, hat sich Ärger aufgestaut: „Bei der Fifa ist man nicht mehr Herr im eigenen Haus“, motzt er in die Landschaft und: „Der Fußball tut Herrn Blatter sehr gut. Ob der Herr Blatter dem Fußball guttut, das möchte ich nicht beantworten.“

Wie kurios es zugeht, erlebt Bayern München. Der Verein hat der Agentur iSe, die der Fifa die Rechte für die Vermarktung der Logen und VIP-Plätze abgekauft hatte, 150.000 Euro für die sechs WM-Spiele im eigenen Stadion bezahlt. Andererseits bekommen die Eigentümer der ehemaligen und künftigen Allianz-Arena von der Fifa 15 Prozent der Zuschauereinnahmen als Stadion-Miete überwiesen. Auftritt Franz Beckenbauer: „Der Fußball braucht eine generelle Reinigung. Man sollte über die Grenze des Geldverdienens reden“, sagt nun der WM-Organisationschef, der einmal aus steuerlichen Gründen von Bayern München zum Operetten-Klub Cosmos New York gewechselt war. Beckenbauer ist der einzige Fußballgott neben Blatter, der sich selbst unverdrossen als die „Nummer eins der Fußballwelt“ feiert.

Grenze des Geldverdienens

Die Grenze des Geldverdienens für die Fifa liegt im Moment bei 850 Millionen Dollar bis zum Jahr 2010. Soviel Geld will die Organisation bis dann von den Erträgen zurückbehalten, wobei das Schweizer Steuerprivileg für Vereine bei diesem Bestreben hilfreich ist. Die Binsenweisheit der Stunde lautet: Mit Fußball läßt sich prima Geld verdienen. Dabei geht es nicht nur um die mindestens 750.000 Franken, die Blatter einstreicht (seine Vorgänger waren noch ehrenamtlich unterwegs). Es geht auch nicht um den famosen Jack Warner, der als Verbandschef von Trinidad und Tobago zum Stimmensammler Blatters aufstieg und es zeitgleich zum Multimillionär brachte. Er hat die Tickets für sein Land über das Reisebüro seiner Familie verkauft. Das fand die Ethikkommission der Fifa nicht richtig. Mehr ist nicht passiert. Entlassen wurde er nicht. Das gehe auch gar nicht, sagt Blatter.

Der Chef eines nationalen Verbandes kann nur von diesem die Kündigung erhalten - wie korrupt der Landesverband auch sein mag. Da wird die allmächtige Fifa kleinlaut. So ist der Funktionär Warner immer noch Fifa-Vizepräsident und meldet sich gerade frohgemut von einer neuntägigen Inspektionsreise in Kanada zurück. Das wichtigste Turnier der Welt soll der Fifa 1,7 Milliarden Euro einbringen. Rund 90 Prozent der Einnahmen holt die Organisation aus den Weltmeisterschaften heraus: Fernsehrechte, Hospitality-Pakete und so weiter. Die WM-Sponsoren zahlen 40 Millionen für dieses Mal. Nächstes Mal sollen es noch mehr sein. Sponsoren wie Philips werden dann nicht mehr dabeisein: „Fußball-Sponsoring wird einem Konzern für Gesundheits- und Lifestyle-Produkte und Technologie nicht mehr gerecht“, sagt Philips-Chef Gerard Kleisterlee.

Blatter hat inzwischen mit sehr schönen Worten verkündet, daß er dem Fußball wohl erhalten bleibe: „Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung, und diese will ich wahrnehmen. Ich werde am Ende des Kongresses in München sagen, daß ich ab 2007 zur Verfügung stehe, wenn die Verbände mich wollen. Ich bin gesund, habe gerade einen Check-up gemacht, und es ist alles in Ordnung.“ 2007 dürfte dann auch Grönland mit von der Partie sein. Seit einiger Zeit gestattet die Fifa auch Kunstrasenplätze. Davon kann die Insel einige vorweisen.

Quelle: F.A.Z., 04.06.2006, Nr. 22 / Seite B10
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