08.06.2006 · Das „erste Mal“ kommt manchmal später als erhofft. Im fortgeschrittenen Fußballeralter von 36 Jahren bestreitet Torhüter Jens Lehmann am Freitag in München das erste WM-Spiel seiner Karriere. Furcht vor dem Scheitern hat der Debütant nicht - behauptet er jedenfalls.
Von Peter Heß, BerlinOliver Kahn war der Titan. Wer ist Jens Lehmann? Von der neuen Nummer eins im deutschen Tor wird zu diesem Thema im Moment niemand eine Antwort erhalten. Stunden vor dem Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft 2006 ist kein Zeitpunkt zur Selbstreflexion. „Ich habe im Hinblick auf den Freitag nichts davon, die Gedanken auf die Vergangenheit zu richten“, sagte der 36 Jahre alte Torwart am Mittwoch. Lehmann konzentriert sich lieber auf das Wesentliche.
Irgendwie verständlich. Acht Jahre lang hat er für diesen Augenblick und um diese Position gekämpft, gearbeitet und gelitten. Der Torwart würde es sich nicht verzeihen, wenn etwas schief ginge gegen Costa Rica, weil er sich ablenken ließ. Er weiß, wie sich das anfühlt, es ist in seiner Laufbahn schon genug schief gegangen. Zu Beginn seiner Profikarriere in Schalke opferte ihn Trainer Berger den Fans. Nach drei Gegentoren in 27 Minuten wurde Lehmann auf Verlangen des Fußballvolkes aus dem Spiel genommen. Er fuhr mit der Straßenbahn nach Hause und kehrte erst nach zehn Spielen auf der Ersatzbank ins Tor zurück. Seine erste Auslandsepisode dauerte beim AC Mailand nur fünf Ligaspiele. Im letzten kassierte er ein Gegentor und verschuldete einen Foulelfmeter. Erbost nahm ihn der Trainer vom Platz - und dann wehrte Ersatzmann Rossi auch noch den Strafstoß ab. Lehmann floh nach Dortmund.
Vom Schicksal eingeholt
Dort sah der Keeper fünf Mal die Rote Karte. Alle waren froh, als ihn Arsenal London verpflichtete. Und auch dort flog er zwischenzeitlich aus dem Tor. Kein Torhüter seiner Klasse mußte in einer insgesamt erfolgreichen Laufbahn so viele Rückschläge hinnehmen wie der 36 Jahre alte Essener. Sogar als sich alles zum Besten wendete, als Klinsmann ihn über Oliver Kahn stellte, als er von seinem Arsenal-Trainer Wenger den „Heldenstatus“ verliehen bekam, holte ihn das Schicksal ein: Rot im Champions-League-Finale gegen Barcelona wegen einer Notbremse an Eto'o.
Wer ist Jens Lehmann? Ein Pechvogel, der auch der Nationalmannschaft die Heim-WM irgendwann verderben wird? Nein. Der Modellathlet hat schon oft bewiesen, daß er über lange Phasen ein hohes Leistungsniveau halten kann. In der Nationalmannschaft blieb er zwischen Februar 2002 und Februar 2005 genau 530 Spielminuten lang ohne Gegentor. In der Champions League hält er den Rekord in dieser Statistik mit 767 Minuten.
Er spekuliert gerne
Daß Lehmanns Arbeitsleben - ganz anders als das seiner Kollegen Kahn und Hildebrand - häufiger durch Aufenthalte auf der Auswechselbank unterbrochen wurde, liegt an seinem Charakter und seiner Spielweise. Kaum ein Torhüter spielt riskanter als Lehmann. Er spekuliert viel, versucht die nächste Aktion des Angreifers zu antizipieren. Dabei unternimmt der Essener Ausflüge aus seinem Tor, vom Fünfmeterraum bis außerhalb des Strafraums. Dadurch verhindert er viele gefährliche Szenen, bevor sie überhaupt entstehen können, aber durch Fehleinschätzungen beschwört er auch unnötig erscheinende Krisensituationen herauf.
Wenn Lehmann falsch liegt, sieht das bisweilen tölpelhaft aus. Außerdem ist die deutsche Nummer eins eine Persönlichkeit, der Fehler nicht so leicht verziehen werden. Er begegnet der Öffentlichkeit vor allem spröde. Auch bei den meisten Mannschaftskollegen steht er nicht im Ruf, besonders umgänglich zu sein. Viele haben Schwierigkeiten damit, Lehmann Mitleid entgegenzubringen. Dazu arbeitet der Torwart zu verbissen und zu wenig entspannt.
„Wahrscheinlich bin ich zu diszipliniert“, gab Lehmann in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ zu. Irgendwie fühlt der Profi, daß sein Leben leichter sein könnte, wenn er lockerer wäre, irgendwie spürt er, wie er sich verhalten sollte. Zum Beispiel mag er es nicht, mit einem Handy fotografiert zu werden, weil das so machohaft, angeberisch businessmäßig aussehe. Auch vertrage es sich nicht mit seinen Ansichten von Elternschaft, das Schlafzimmer zu verlassen, wenn das Baby nachts schreit. Aber er tut es - für Deutschland.
Fanatismus und Akribie
Lehmanns Fanatismus und die Akribie für die Arbeit nimmt es mit der von Oliver Kahn auf. Auf seinem Oberkörper wölben sich die Muskeln, das Resultat täglichen Krafttrainings. Seine Bewegungen sind geschmeidig, keiner treibt so viel Gymnastik im deutschen Team wie er. Nur sein Gesicht verrät die Jahre. Er sei selber erschrocken wie verhärmt er in letzter Zeit aussehe. Mit einer guten Creme wolle er dagegen angehen. Das ist schon mal ein Anflug von Humor, aber richtig locker kann er wohl erst nach seiner Laufbahn als Fußballprofi werden. Die Entscheidung Klinsmanns am 7. April, ihn zur Nummer eins zu machen, hat ihn immerhin schon einmal ein wenig aufgeweicht. Sein Mannschaftskollege von Arsenal, der Franzose Robert Pires, spricht von einem komplett neuen Menschen. Das ist sicher übertrieben, aber der quälende Druck, es packen zu müssen, der Druck, der ihn manchmal ungenießbar machte, ist von Lehmann gewichen.
Er wollte unbedingt spielen in Deutschland, nachdem er seit der WM 1998 bei allen großen Turnieren dabei war, jedoch nie eingesetzt wurde. Für besser als Kahn empfand er sich schon immer. Aber in Deutschland werde nicht nur nach Leistung aufgestellt, sondern manchmal auch, um Unruhe zu vermeiden, bemäkelte der unzufriedene Torwart einmal. Dabei wählte er das Beispiel Lothar Matthäus und vermied, direkt für sich zu werben.
Klinsmann wurde zu seinem Glück
Wäre Rudi Völler Bundestrainer geblieben, Jens Lehmann hätte vielleicht schon seinen Rücktritt aus der Nationalelf erklärt. Jürgen Klinsmann wurde zu seinem Glück. Lehmanns Interpretation der Torwartrolle entspricht exakt den Vorstellungen des neuen Chefs. Selbst der Torwart kann dem Bundestrainer nicht offensiv genug sein. Es kommt Lehmann entgegen, daß Arsenal so spielt, wie es Klinsmann von der Nationalelf gerne sehe. „Bei Arsenal wird High up gespielt, wie man das hier nennt, mit dem Ziel, daß man nicht hinten rein gedrückt wird und seine eigenen Angriffe schon in die Hälfte des Gegners verlagern kann. Bei der Nationalmannschaft versuchen wir, das jetzt auch zu spielen. Das klappt nicht immer auf Anhieb, aber es wird besser und besser.“ Und wenn es nicht klappt, dann ist die Abwehr offen für Konter. Die Aufgabe, die einige Experten Jens Nowotny gerne übertrügen, muß dann Lehmann ausfüllen - er ist der Libero der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
Libero schlägt Titan. So ist es bei Klinsmann. Ob das auch die Öffentlichkeit so sehen wird? Es ist eine große Aufgabe für Lehmann, bei diesem Turnier von gleichem Wert für die deutsche Nationalmannschaft zu sein, wie es der Münchner bei der WM 2002 war. Furcht vor dem Scheitern hat Lehmann nicht - behauptet er. „Ich muß keine Angst haben. Dafür weiß ich, was ich als Fußballspieler kann, und dafür habe ich ein zu schönes Leben.“
Mit dem Aufstieg innerhalb der Hierarchie der Nationalmannschaft hat sich für den Keeper von Arsenal nichts verändert. Er sieht sich nicht in die Rolle des Motivators oder Leithammels gedrängt. „Ich muß das nicht üben, ich bin, wie ich bin. Und wenn ich da eklatante Defizite hätte, dann hätte sich Klinsmann nicht für mich entschieden.“ Stunden vor der Weltmeisterschaft gibt Lehmann den kühlen Profi. Furchtlos, selbstbewußt. Alles unter Kontrolle. Nur keine Schwäche zeigen - wie Oliver Kahn. Wird Jens Lehmann zum nächsten Titan?