13.05.2006 · Sein Standing in der Premier League und beim Starensemble des FC Arsenal mußte sich Jens Lehmann hart erkämpfen. Der ehemalige Leistungsträger in Schalke, Mailand und Dortmund stand im Ruf, Hitzkopf und Wackelkandidat in einer Person zu sein.
Von Ulrich Friese, LondonFür Jens Lehmann stimmt das Lebensgefühl in London. Der gebürtige Essener wurde jüngst Vater einer Tochter, er ist seit wenigen Wochen die Nummer eins im Tor der deutschen Nationalmannschaft, und am kommenden Mittwoch tritt sein Arbeitgeber Arsenal London - zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte - im Finale der Champions League gegen den FC Barcelona an. "Vielleicht erlebe ich die schönste Zeit, die ich je hatte", sinnierte der 36 Jahre alte Profi kürzlich in einem Interview.
Zieht man die Aussagen von Londoner Taxi-Unternehmern als Stimmungsbarometer heran, schwimmt der einzige deutsche Stammspieler in einem englischen Erstligaklub gegenwärtig auf einer Welle der Sympathie. "Lehmann ist der würdige Nachfolger von Jürgen Klinsmann, als der noch bei uns im Sturm von Tottenham Hotspurs wirbelte", sagt Brian Gallagher, der seit Jahrzehnten mit seinem "Black Cab" durch die Themse-Metropole kurvt. Professionelle Beobachter in England bewerten die Lebensläufe der beiden deutschen Spitzenfußballer ähnlich. Die Sonntagszeitung "Observer" schlug unlängst ernsthaft vor, Lehmann zu "Englands Fußballer des Jahres" zu küren. Den Titel, der für deutsche Spieler einem Ritterschlag durch die Queen gleichkommt, hatte sich zuvor auch Klinsmann verdient.
Sein Standing in der Premier League und beim Starensemble des FC Arsenal mußte sich Lehmann hart erkämpfen. Der ehemalige Leistungsträger in Schalke, Mailand und Dortmund stand anfangs beim Londoner Traditionsklub im Ruf, Hitzkopf und Wackelkandidat in einer Person zu sein. Arsene Wenger, der Arsenal in seinen fast zehn Jahren als Trainer zu mehreren Meistertiteln und Pokalfinalsiegen führte, fackelt bei unsicheren Kantonisten nicht lange und mustert sie meist gnadenlos aus. Der Zorn des französischen Fußball-Professors traf Lehmann im November 2004, als Arsenal im Auswärtsspiel gegen Liverpool verlor und der deutsche Torhüter bei beiden Gegentoren patzte. Wenger verbannte Lehmann danach über zehn Wochen auf die Ersatzbank.
Der Schlag saß. Bei Lehmann löste Wengers Strafaktion offenbar eine Art Existenzkrise aus. "Mein ältester Sohn weinte dauernd, weil er dachte, wir müßten London wieder verlassen", erinnert er sich. Um seine Ehre und die der Familie zu retten, besann sich Lehmann auf die Qualitäten eines Einzelkämpfers und eroberte mit intensivem Training seinen Stammplatz am Vereinssitz in Highbury zurück. Das Vertrauen Wengers gewann Lehmann, als er vor einem Jahr im Pokalfinale gegen den Rivalen Manchester United in Bestform glänzte und Arsenal mit einem gehaltenen Elfmeter den Sieg bescherte. Zum "Darling in Highbury" stieg der Nachfolger der Arsenal-Legende David Seaman schließlich auf, als er im Halbfinale gegen den FC Villarreal Arsenal mit einer Serie von Glanzparaden den Einzug ins Finale der Champions League ebnete. "Jens bewies seine Klasse und Entschlossenheit", lobte Zuchtmeister Wenger den einstigen Quertreiber, der in der Königsklasse des europäischen Spitzenfußballs seit 655 Spielminuten kein Gegentor mehr kassierte.
"In London habe ich am meisten gelernt", sagt Lehmann. Das Resümee seines fast drei Jahre währenden Gastspiels auf der Insel erfaßt dabei nicht nur den fachlichen Respekt gegenüber Wenger, der weltweit als Meister seines Faches gilt. Auch unter menschlichen, kulturellen Aspekten erweise sich der Aufenthalt in der Weltstadt mit ihren vier Millionen Briten und drei Millionen Ausländern als überaus fruchtbar. "In Deutschland werden ausländischen Fußballern unsere Werte und Denkweisen übergestülpt, hier läßt man es zu, daß verschiedene Vorstellungen nebeneinander existieren", sagt er.
Andererseits konnte Lehmann manchen Einheimischen davon überzeugen, daß Deutsche - im Gegensatz zum gängigen Klischee auf der Insel - zum Lachen nicht in den Keller gehen. "Jens hat mehr schwarzen Humor als mancher Engländer", sagt Ehefrau Conny. "Fragen Sie seine Mitspieler."