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Interview mit Christoph Metzelder „Im Moment in einer anderen Welt zu Hause“

29.06.2006 ·  Lange war der WM-Einsatz von Christoph Metzelder nicht absehbar. Nun ist der 25jährige eine feste Größe. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über Klinsmanns Vertrauen, Energie im Nationalteam und neuen Mut in Deutschland.

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Vor ein paar Monaten noch war der WM-Einsatz von Christoph Metzelder alles andere als absehbar. Verletzungen zeichneten seinen Weg, nachdem sein Stern bei der Weltmeisterschaft 2002 aufgegangen war. Erst in der Endphase der abgelaufenen Bundesliga-Saison kam er bei Borussia Dortmund wieder zu regelmäßigen Einsätzen. Mittlerweile ist der 25jährige eine feste Größe in der Defensive der deutschen Nationalelf. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Metzelder über Klinsmanns Vertrauen, die Energie im Nationalteam und den neuen Mut in Deutschland.

Wie fühlt sich der WM-Heimvorteil an?

Das emotionalste Spiel bei der WM vor vier Jahren war das Halbfinale gegen Südkorea in Seoul. Da haben wir als gegnerische Mannschaft gespürt, wie es ist, in einem Land zu spielen, in dem an diesem Tag 1,5 Millionen Menschen in roten T-Shirts in der Stadt waren. Du kommst in ein Stadion, in dem 80.000 Fans sind, die ihr Land frenetisch nach vorne pushen. Da haben wir erlebt, wie diese südkoreanische Mannschaft diese Energie aufgenommen hat und weit über ihren eigentlichen Möglichkeiten gespielt hat - und jetzt merken wir in Deutschland, wie uns diese Emotionen in den Städten und in den Stadien sehr viel Kraft geben. Vor dem Spiel gegen Schweden hat Sönke Wortmann einen Zusammenschnitt gezeigt vom Spiel gegen Polen, und wir haben noch einmal gespürt, was im Dortmunder Stadion nach dem 1:0 von Oliver Neuville los war. Da merkt man, wie unglaublich stolz man ist und wie die Emotionen noch mal in einem hochkommen, wie die Motivation steigt. So sind wir dann auch in das Spiel gegen Schweden gestartet. Wir sind momentan sehr gut in der Lage, die Euphorie in die richtigen Bahnen zu kanalisieren und kurz vor dem Spiel zu nutzen.

Sie sind auf dem totalen WM-Trip?

Es ist ein Wechselspiel, das wir mit der Euphorie in Deutschland eingehen. Wir müssen in den Tagen nach einem Spiel die Begeisterung auch ausblenden können, um nicht selbstzufrieden zu werden. Wir müssen gierig bleiben. Am Spieltag aber müssen wir diese Atmosphäre im Land und die Kraft, die darin liegt, wieder in uns aufsaugen. Das ist ganz entscheidend, um unsere optimale Leistung zu bringen. Was im Moment geschieht, ist mit normalen Länderspielen nicht zu vergleichen. Es ist doch kein Zufall, daß alle gastgebenden Länder bei Weltmeisterschaften sehr weit kommen. Was hier los ist, wenn wir in Führung gehen, ist ein Signal an jeden Gegner. Wenn man ausländische Zeitungen liest, dann weiß man, daß dies in den vergangenen Wochen alle registriert haben.

An den Zuschauern alleine kann es nicht liegen. Borussia Dortmund hat zum Beispiel in den vergangenen Jahren immer wieder seine entscheidenden Spiele trotz des phantastischen Publikums verloren. Was ist jetzt bei der Nationalmannschaft anders?

Wir sind optimal vorbereitet worden, nicht nur körperlich. Auch in vielen Bereichen, die auf den ersten Blick mit dem Kerngeschäft Fußball nichts zu tun haben. Die Mannschaft wurde mit Dingen konfrontiert, die der Persönlichkeitsentwicklung dienen, das beginnt jetzt zu greifen. Wir haben außerdem Spieler in unserer Mannschaft, die schon viel erreicht und erlebt haben und das Team führen. Es hat sich bei uns aus dieser Mischung ein Gefühl entwickelt, das man mit Worten nicht erklären kann. Es ist ein Gefühl, wie wir es auch einmal in unserem Dortmunder Meisterjahr hatten, als wir acht Spiele nacheinander gewannen, und das man auch nicht mit Daten belegen kann. Aber wenn man auf den Platz geht, dann weiß man, was es ist: Das Gefühl, daß man ein Spiel nicht verlieren kann - das ist eine unglaubliche Ausstrahlung, die eine Mannschaft in solchen Momenten gegenüber ihrem Gegner hat. Im Moment glauben wir, daß wir Bäume ausreißen können, ohne daß es dafür fundamentale Gründe gibt. Vor dem Spiel gegen Schweden habe ich versucht, mich an die WM vor vier Jahren zu erinnern. Aber damals hatte ich dieses Gefühl nicht. Ich glaube heute ganz fest, daß unser Traum erst am 9. Juli mit dem Gewinn des WM-Pokals endet.

Seit wann spüren Sie das Gefühl in sich?

Seit dem Spiel gegen Polen, das war ein Schlüsselerlebnis: Die Dramaturgie, in diesem riesigen Stadion bei einer unglaublichen Stimmung kurz vor Schluß das 1:0 zu machen - das war von den Emotionen ein gefühltes Endspiel. Dabei war es nur das zweite Gruppenspiel. Das Spiel danach gegen Ecuador hätte auch ein Freundschaftskick werden können. Aber wir haben mit großem Willen dafür gesorgt, daß es eine ernstzunehmende Partie wurde. Das war der nächste Schritt. Im Spiel gegen Schweden ist die Mannschaft an der Herausforderung der K.-o.-Runde noch mal gewachsen. Jetzt ist die Herausforderung gegen Argentinien noch mal größer. Argentinien ist die einzige Mannschaft, die neben individueller Klasse, neben ihren Künstlern auch als Team hervorragend funktioniert. Wie wir uns jedoch in den vergangenen Wochen mit jedem Spiel, mit jeder Herausforderung gesteigert haben und gewachsen sind, das gibt uns sehr viel Selbstvertrauen und Zuversicht in die eigene Stärke. Vor drei Wochen wären wir das Spiel ganz anders angegangen - jetzt sind wir auf Augenhöhe.

Vor ein paar Wochen sagten Sie, daß niemand in der Mannschaft ahnt, was bei der WM auf das Team zukommt. Was hat das Team verändert?

Ein einschneidendes Erlebnis war das öffentliche Training in Düsseldorf. Da waren 45.000 Zuschauer, sie waren uns gegenüber absolut positiv. Sie haben nicht in den Kategorien von Sieg oder Niederlage gedacht. Obwohl wir am Abend vorher beim 2:2 gegen Japan nicht so gut gespielt haben, wurden wir von den Fans gefeiert. Man hat gemerkt, daß die Lust auf die WM auch ein bißchen unabhängig von unserem sportlichen Abschneiden ist. Aber uns war am Anfang der WM noch nicht klar, inwieweit wir sportlich mithalten können. Jetzt wissen wir es.

Woran erkennt man die Stärke eines Teams abseits des Spiels?

Wenn man in so einem Turnier, in dem man viele Wochen zusammen ist, die Stärken einer Mannschaft einschätzen will, dann muß man sich genau die Spieler anschauen, die persönlich enttäuscht sind, weil sie nicht spielen oder sauer auf die ein oder andere Entscheidung des Trainerstabs sind. Wenn diese Spieler dann aber trotzdem am Spieltag der Mannschaft unheimlich viel Energie geben, ist das Team stark. Vor dem Spiel gegen Schweden hat bei uns zum Beispiel Thomas Hitzlsperger in der Kabine noch einmal das Wort ergriffen und alle gepusht. Es ist wirklich erstaunlich, wie es im Moment funktioniert, daß Spieler trotz ihrer persönlichen Enttäuschung immer das große, gemeinsame Ziel verfolgen und der Mannschaft Kraft geben.

In den Diskussionen der letzten Jahre gab es eine These: Der deutsche Fußballprofi ist faul, er trainiert zu wenig, ist selbstgenügsam und nimmt neue Dinge nicht auf. Diese Nationalmannschaft ist das genaue Gegenteil - was sagt uns das?

Was hier im Moment passiert, ist bedingt durch das absolute Großereignis WM im eigenen Land. Das kommt für keinen Spieler dieser Generation mehr wieder. Der Anreiz, besonders viel dafür zu investieren, liegt auf der Hand. In diesem Prozeß ist aber eine Spielergeneration entstanden, die begriffen hat, daß die individuelle Arbeit außerhalb des Trainings unheimlich wichtig ist. Wenn ich den persönlichen Ehrgeiz habe, als einzelner Spieler in die Weltspitze vorzudringen, dann muß ich realisieren, daß das normale Mannschaftstraining nicht reicht. Ich muß alles ausschöpfen, was zur Verfügung steht, um meine Leistung zu steigern. An dieser Entwicklung hat Jürgen Klinsmann einen entscheidenden Anteil. Er war der Mannschaft in seinem Denken, in seiner Ansprache und in seinem Optimismus immer sehr weit voraus. Er hat uns von Dingen erzählt, die wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht glauben und begreifen konnten. Er hat dafür sehr viel Kritik geerntet, auch in den Medien. Aber er hat uns optimal auf dieses Turnier vorbereitet. Heute profitieren wir alle davon. Die Mannschaft ist total bereit, neue Methoden aufzunehmen, über die man am Anfang vielleicht gelächelt hat.

Der neue Weg von Klinsmann wird trotz der Erfolge bei der WM in der Bundesliga noch immer von einer gewissen Skepsis begleitet. Woran könnte das liegen?

Klinsmann ist im deutschen Fußball ein Reformer. Und die Situation, die wir jetzt hier erleben, beschreibt treffend die Situation in allen Bereichen unseres Landes: Wir schreien alle nach Reformen - aber Reformer wollen wir nicht haben. Ich bin ja selbst relativ spät wegen meiner Verletzung zur Nationalmannschaft gekommen. Aber ich habe schon vor zwei Jahren bewundert, wie er den Job mit dem klaren Ziel, Weltmeister zu werden, angegangen ist. Das hat es in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht gegeben. Es gibt in unserem Land seit einiger Zeit eine Kultur, uns schwächer zu sehen, als wir sind. Wenn man aber bei so einem Ereignis mit diesem Druck und dieser Erwartungshaltung bestehen will, dann muß man eine Mannschaft zwei Jahre lang auf dieses Ziel vorbereiten und einschwören. Jürgen Klinsmann hat selbst nach Spielen wie beim 1:4 gegen Italien immer nur an den Turnierstart im Juni gedacht und sich nicht beirren lassen.

Das klingt, als hätten auch Sie in manchen Momenten Zweifel am Weg gehabt.

Natürlich hatte ich die, vor allem, was mich persönlich betrifft. Jürgen Klinsmann hat mir aber auch in Phasen, wo ich nicht gespielt habe, gesundheitliche Probleme hatte und im Verein viele Dinge gegen mich liefen, ein fast unglaubliches Vertrauen geschenkt. Er hat immer gesagt: „Du mußt nur gesund werden, nicht mehr. Fit machen wir dich schon.“ Wenn es jemand gibt, der an dich glaubt, selbst wenn du am Boden liegst, kann man es schaffen. Das ist unglaublich wichtig. So jemanden wie Klinsmann zu haben, der vordenkt und sich nicht beirren läßt, den haben wir für dieses Ereignis gebraucht.

Die Mannschaft erlebt den Bundestrainer jetzt so intensiv wie nie zuvor - wie hat sich das Verhältnis in den vergangenen Wochen entwickelt?

Es war bisher immer schwierig, Dinge von der Nationalmannschaft in den täglichen Arbeitsrhythmus mitzunehmen. In den Vereinen wird anders gearbeitet. Wenn man jetzt aber wochenlang die Trainingsmethodik, die Analyse von Spielen und die Art und Weise der Ansprachen erlebt, kommt man in einen Rhythmus, den man vorher nicht kannte. Ich habe das gemerkt, als wir einen freien Tag hatten und ich nach Dortmund zurückkam. Ich habe mich in Dortmund plötzlich nicht mehr zu Hause gefühlt. Das war skurril. Ich fühle mich im Moment in einer anderen Welt zu Hause, in der Welt der Nationalmannschaft, so wie hier gearbeitet und gelebt wird.

Sie fühlen sich als Elite, weil hier Dinge gemacht werden, die sonst in Fußball-Deutschland so nicht gemacht werden?

Es erfüllt uns mit großem Stolz, was wir mit unseren Spielen und unserer Arbeit auslösen in unserem Land. Ich habe aber schon ein großes Turnier gespielt, und ich weiß, daß man diese Wochen isoliert betrachten muß. Wir haben einen Aufwand an Geld und Manpower betrieben, der sich so nicht wiederholen und auch nicht auf einen Verein übertragen läßt. Wenn jemand hier bei uns eine gute WM spielt, bedeutet das nicht zwangsläufig, daß er danach in seinem Verein auch gut spielt. Die Ansprüche steigen, und viele Bundesligavereine und die Trainer haben ihre eigene Philosophie. Ich halte es für sehr schwierig, einzelne Elemente aus der Nationalmannschaft direkt auf die Bundesliga zu übertragen und umzusetzen. Ich bin aber überzeugt, daß sich manche Dinge trotzdem nicht mehr aufhalten lassen. Die individuelle Arbeit im Fitness-Bereich wird einfach kommen. Da kann sich keiner mehr davor verschließen.

Die Deutschen begeistern sich wie lange nicht für die Nationalmannschaft - hat das Team in diesen Wochen auch etwas für das Land getan?

Die Stimmung fokussiert sich natürlich vor allem auf die Zeit während der WM. Es ist schwer zu sagen, wie lange sie sich danach erhalten läßt. Aber ich glaube trotzdem, daß wir als Team sinnbildlich für dieses Land stehen. Wir sind eine Mannschaft, die in der Kritik stand und der man nicht viel zugetraut hat - und die trotzdem gezeigt hat, daß sie in der Lage ist, viel zu schaffen. Das habe ich auch an einigen Reaktionen von Menschen in schwierigen Situationen mitbekommen, die nun unseren Erfolg zum Anlaß nehmen und sagen: „Selbst in Situationen, wo man glaubt, es geht nicht weiter, kann man noch etwas erreichen.“ Ich finde es wunderbar, daß wir dazu beitragen, daß die Menschen und das Land neuen Mut fassen.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z., 29.06.2006, Nr. 148 / Seite 38
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