29.03.2006 · Die Phrase „Solche Geschichten schreibt nur der Fußball“ - heute schon bemüht, wenn Profikickern nach einem Vereinswechsel gegen ihren alten Klub ein Tor gelingt - wird in den Räumen des „Deutschen Sport & Olympia Museums“ mit neuem Leben erfüllt.
Von Alexander Westhoff, KölnDie übermäßig verwendete Phrase "Solche Geschichten schreibt nur der Fußball" - heute schon bemüht, wenn Profikickern nach einem Vereinswechsel gegen ihren alten Klub ein Tor gelingt - wird in den Räumen des "Deutschen Sport & Olympia Museums" mit neuem Leben erfüllt.
Die Macher der Ausstellung "Global Players - Deutscher Fußball in aller Welt" (4. März bis 5. Juni) haben in Köln Anekdoten, Geschichten und Mitbringsel deutscher Fußballreisender aus aller Welt zusammengetragen. Ein Sammelsurium aus Emotionalem, Lustigem und Skurrilem, erlebt und erzählt von Fußballpionieren und -entwicklungshelfern, von Abenteurern und Globetrottern, aber auch von professionellen Fußballehrenden und -spielenden, die es in die Ferne zog.
Fisch bis unters Dach
Letztere siedelten vorrangig in Italien (Klinsmann, Matthäus & Co), Japan (unter anderen Littbarski und Buchwald) und der Türkei (Derwall, Daum, Schumacher). Andere vermittelten deutsches Fußball-Know-how in den entlegensten Winkeln der Erde. Die Ausstellung, die vom Kunst- und Kulturprogramm der Bundesregierung zur Fifa-WM2006 gefördert wird, dreht sich um jene, die auszogen und im Namen des beliebtesten deutschen Volkssports Spuren in der (Fußball-)Welt hinterließen. "Mit der Ausstellung", sagte Museumssprecher Klaus Schopen, "wollen wir der Marketing-Welle der Fifa, die auf uns zurollt, etwas Inhaltliches entgegensetzen."
Sepp Piontek zum Beispiel arbeitete zwei Jahre lang als Nationaltrainer Grönlands. Kein zeitintensiver Job, denn aufgrund des Klimas und der großen Entfernungen zwischen den Städten wurde die Meisterschaft innerhalb einer Woche in Turnierform ausgespielt. Dafür mußte Piontek Abstriche beim Gehalt machen - er wurde in Naturalien bezahlt: Einmal pro Monat wurde seine Tiefkühltruhe bis unter die Dachkante mit Fisch und Meeresfrüchten beladen. Doch selbst bei den wenigen gemeinsamen Trainingseinheiten in Grönland waren seine Schützlinge nicht ganz bei der Sache. Als ein Spieler während der Übungsstunde einen Wal draußen im Meer erspähte, wurden augenblicklich die Boote zu Wasser gelassen, und die Jagd begann - Piontek blieb alleine zurück. Bei seiner Station als Nationalcoach Haitis erging es ihm zumindest in monetärer Hinsicht besser. Zwar mußte er vor jedem Spiel in der Residenz des Diktators seine Aufstellung rechtfertigen, doch nach Siegen gab es reichlich Extra-Taschengeld aus der palasteigenen Geldpresse.
Rat von Adenauer
Mit der Weltläufigkeit des Fußball-Missionars Rudi Gutendorf kann es indes, auch belegt durch einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde, niemand aufnehmen. Der Neunundsiebzigjährige dozierte bislang vor 55 Mannschaften in 29 Ländern über Vollspannstoß und Abseitsfallen. "Machen S'es jut da, Herr Jutendorf! Sonst nehmen die einen aus der Soffjetzone", gab ihm Bundeskanzler Konrad Adenauer in seiner rheinischen Mundart mit auf den Weg, als Gutendorf 1961 auf Geheiß des Auswärtigen Amtes nach Tunesien aufbrach, um Trainer auszubilden und Auswahlmannschaften zu betreuen. In den folgenden 55 Jahren sind Dutzende deutsche Fußballehrer seinem Beispiel gefolgt und leisteten meist abseits der schnöden Fixierung auf Tore, Punkte und Leistungsgrenzen Entwicklungshilfe im Zeichen des Lederballs.
Ebensoviel Raum wie für die genügsamen Exoten und Wanderfußballtrainer wie Klaus Schlappner, der in China als "Vater des Fußballs" gilt und dort erfolgreich ein deutsches Bier mit seinem Konterfei auf der Flasche vertreibt, räumt die Ausstellung "Global Players" den medial ausgeleuchteten Professionellen ein, die von der sportlichen Globalisierung vom heimischen Hof gespült wurden. Dargestellt in großen Überseekisten, gespickt mit Filmbeiträgen, Hörproben und Anschauungsmaterial, wird unter anderen Franz Beckenbauers Zeit bei Cosmos New York und Otto Rehhagels griechischer Triumph bei der Europameisterschaft 2004 dargestellt - eine Zeitreise durch (erfolgreichere) Kapitel deutscher Fußballgeschichte.
Blick auf eine andere Epoche
In Zeiten etlicher internationaler Fehl- und Tiefschläge für den deutschen Fußball, der in Michael Ballack gegenwärtig nur einen Exportschlager besitzt, muß die angeknackste Fanseele gar nicht so weit zurückblicken, um etwas Halt zu finden. Bereits das Panorama des Jahres 1991 mutet wie ein Blick auf eine andere Epoche an: Im Uefa-Cup-Finale zwischen Inter Mailand und AS Rom standen mit den frischgebackenen Weltmeistern Jürgen Klinsmann, Andreas Brehme, Lothar Matthäus, Thomas Berthold und Rudi Völler fünf Deutsche auf dem Spielfeld. Obwohl damals nur drei Ausländer pro Team erlaubt waren, schien der Strom Deutschlands Bester ins "Lira-Paradies" nicht abzuebben. Begleitet wird die Ausstellung von einem vielfältigen Abendprogramm mit Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionsrunden. Der einstige Nationaltrainer Kameruns, Winnie Schäfer, laut "Financial Times" der "am wenigsten afrikanisch aussehende Mensch der Welt", referiert zum Beispiel über das Thema "Voodoo-Kult und Stollenschuh".