28.06.2006 · Auf den Spielplätzen dieser WM ist Platz für viele unterschiedliche Menschen. Große und kleine, muskulöse und hagere, drahtige und massige. Ja, sogar ein Dickerchen ist darunter. Aber wie muß er aussehen - der perfekte Fußballer? Gibt es den idealen Körperbau, um diesen Beruf bestens ausüben zu können? Eine Analyse von Peter Heß.
Von Peter HeßAuf den Fußballplätzen dieser Weltmeisterschaft ist Platz für viele unterschiedliche Menschen. Große und kleine, muskulöse und hagere, drahtige und massige. Ja, sogar ein Dickerchen ist darunter, wenn man der Bezeichnung von Carlos Eduardo Barata folgen will, die er für seinen Cousin Ronaldo gefunden hat. Aber wie muß er aussehen - der perfekte Fußballer? Gibt es den idealen Körperbau, um diesen Beruf bestens ausüben zu können? Existiert der allgemeingültige Bauplan für Gen-Manipulatoren oder Wissenschaftler in der Tradition Dr.Frankensteins?
Jeder kann sich den perfekten Fußballer in seinen Träumen zusammensetzen. Der Spieler, dessen Schüsse die Tornetze zerfetzen, den Sprint- und Sprungvermögen zu Leichtathletik-Weltrekorden befähigen, der alle Zweikämpfe gewinnt, alle Pässe an den Mann bringt, und - wenn er sich für ein Dribbling entscheidet - nie den Ball verliert. Kurz und gut: der pro Spiel zehn Tore schießt und zehn Gegentreffer verhindert. Besonders Kinder - und auch der Fußballfan wird ja dieser Tage wieder zum Kind - befassen sich mit solchen Fragen, und oft tragen diese omnipotenten Fantasiehelden ihre eigenen Gesichtszüge. Sie könnten sich jedoch in viele Körper hineinversetzen - den Idealtypus für traumhaften Fußball gibt es nicht.
Technik ist lernbar
Man kann klein sein wie Thomas Häßler oder Roberto Carlos, um mit strammen Schüssen Torhüter das Fürchten zu lehren - oder groß wie Kaka oder Lucio. Knubbelige Gestalten wie Gerd Müller taugen zum Torjäger - oder hochaufgeschossene wie Jan Koller. Ben-Johnson-Typen wie David Odonkor sprinten ihren Gegnern davon - genauso wie der Schlaks Robin van Persie. Auf die Gene kommt es an und das Talent und die Fähigkeit, eine Technik zu erlernen.
Die verschiedenen Spielpositionen und die damit verbundenen unterschiedlichen Aufgaben favorisieren jedoch bestimmte Körperformen. Ein Philipp Lahm wäre bei aller fußballerischer Begabung als Mittelstürmer überfordert. Um sich im Strafraum durchzusetzen, brauchte der Bayern-Verteidiger mehr Masse und/oder mehr Länge. Seine zierlichen Maße bestimmen sogar seine Rolle als Außenverteidiger. Mit 1,70 Metern Größe und nur 62 Kilo Gewicht fehlt es dem bisher überragenden deutschen Spieler dieser WM ein wenig an Durchsetzungsvermögen, um "außen herum" - an der Seitenlinie - am Gegner vorbeizudribbeln. Dazu müßte er seinen Körper zwischen den Ball und den Gegner stemmen und sich nicht wegdrücken lassen. Viel leichter fällt es ihm, nach innen zu ziehen, wo keine Seitenlinie seinen Spielraum begrenzt.
Größe und Athletik
Lahm legt den Ball mit etwas größerem Abstand vorbei - dank seiner Antrittsschnelligkeit und seiner exakten Ballführung läßt er dann seinen Gegner einfach stehen. Und von links kommend, den Ball am rechten Fuß führend, stellt er eine direkte Bedrohung für die Strafraummitte und das Tor dar, und nicht nur eine indirekte als Flankengeber von der Torauslinie. Das macht Lahm so wertvoll, wie das 1:0 gegen Costa Rica im Eröffnungsspiel bewies. Deshalb gehört Lahm zu den wenigen "Rechtsfüßern", die auf der linken Seite erfolgreicher sind als auf ihrer angestammten.
Auch als Innenverteidiger sollte man mindestens 1,80 Meter groß und athletisch gebaut sein - der Trend geht aber eindeutig in Richtung 1,90 Meter, siehe Per Mertesacker, Christoph Metzelder, Lucio, Juan und viele andere. Die starke Physis benötigt der Spieler für die Zweikämpfe am Boden und in der Luft. Viele Trainer mögen es, das Innenverteidigerpaar mit einem großen und einem sehr großen Abwehrspieler zu bilden. Die Engländer John Terry und Rio Ferdinand sind so ein Beispiel, die Schweden Mellberg und Lucic ein anderes. Der eine ist prädestiniert, die quirligen Stürmertypen zu stoppen, der andere die wuchtigen. Gegen den Tschechen Koller, den Engländer Crouch und den Serben Zigic - die Zwei-Meter-Stürmer der WM - zählt jeder Zentimeter, gegen die Dribbelkönige wie Saviola (Argentinien) und Mahdavikia (Iran) Beweglichkeit.
Strategische Aufträge
Im Mittelfeld sind die strategischen Aufträge an die Spieler so unterschiedlich, daß sich dort auch die unterschiedlichsten Typen tummeln. Darüber hinaus sind die Aufgaben allgemeiner gehalten, als explizit Tore zu schießen oder Tore zu verhindern, was wiederum keine speziellen körperlichen Merkmale erfordert. Räume zulaufen kann ein Schlaks wie Michael Ballack genausogut mit seinen langen, raumgreifenden Schritten wie Torsten Frings mit seiner trampelnden Art eines Ackergaules oder ein eleganter Läufer wie Ze Roberto. Zum Spielgestalten eignet sich der durchschnittliche Körper eines Ronaldinho genauso wie der gestreckte eines Kaka.
Eine Fähigkeit muß mittlerweile allen Spielern zu eigen sein, wenn sie in der Weltklasse mithalten wollen, den Großen und Kleinen, den Drahtigen und den Massigeren - Schnelligkeit, vor allem beim Antritt. Das Tempo hat sich auf den Fußballfeldern dermaßen erhöht, daß nur noch die Fixen den Ton angeben. Sogenannte "Stehgeiger" wie der Ungar Lajos Detari gibt es nicht mehr. Selbst ein Genie wie Zinedine Zidane verliert seine Wirkung, wenn die Spritzigkeit zu sehr nachläßt. Wer nicht gut sprinten kann, muß im Sprinttempo denken und antizipieren, und selbst diese Qualität gleicht den Mangel an Speed nicht immer aus. Noch kann ein Michael Ballack mithalten durch seine Spielintelligenz. Aber wenn die Entwicklung so weitergeht, dann werden im Jahr 2022 nur noch Ballartisten mit Raketenantritt den Weltfußball bestimmen, so wie es im Moment Ronaldinho, Thierry Henry und der Kameruner Eto'o tun.
Der Trend zeigt nach Süden
Der Trend zeigt Richtung Afrika und Südamerika. Elfenbeinküste, Argentinien und Ecuador sind bei diesem Turnier mindestens so athletisch und fit wie die europäischen Vorreiter auf diesem Feld, Deutschland und Schweden. Die Kameruner beeindruckten die Welt, als sie bei der WM 2002 ihre Körper in ärmellosen Trikots freizügig präsentierten. Und an Geschmeidigkeit, in der Ballfertigkeit und in punkto Dynamik sind sie im Durchschnitt den Europäern schon jetzt überlegen.
Was Europa im Moment noch rettet, ist der traditionelle Vorsprung in Strategie, Taktik und Disziplin. Es ist kein Zufall, daß die Länder, die die europäischen Stärken und die außereuropäischen verbunden haben, den Weltfußball in den vergangenen 30 Jahren dominiert haben - Brasilien und Argentinien. Dort sind die meisten fußballerischen Traumfiguren am Werk.