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Christoph Metzelder im Interview „Zweiter zu werden, das reicht nicht“

18.06.2006 ·  Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über den Ansporn durch Mitspieler, Trainer und die Begeisterung der Fans. „Jürgen Klinsmann hat uns den Horizont geöffnet“, sagt der Dortmunder Verteidiger. Gegen Ekuador wird er vermutlich spielen können.

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Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über den Ansporn durch Mitspieler, Trainer und die Begeisterung der Fans. Gegen Ekuador wird er vermutlich spielen können. Metzelder muß wegen einer Sehnenzerrung im rechten Knie an diesem Sonntag mit dem Training aussetzen. Dies teilte der Deutsche Fußball-Bund mit. Der Dortmunder Innenverteidiger hatte sich die Blessur an der Innenseite des Knies zugezogen, wie eine Kernspintomographie ergab.

Der Kontakt zwischen Bundestrainer und Spielern lief in der Zeit vor der Weltmeisterschaft meistens über E-Mails oder Telefon. Wie erleben Sie jetzt Jürgen Klinsmann, wenn Sie jeden Tag mit ihm schon am Frühstückstisch zusammensitzen?

Er ist ein sehr positiver, optimistischer Charakter. Er hat eine unglaublich positive Ansprache. Das finde ich sehr gut. Natürlich ist ihm wie allen anderen vor den Spielen eine große Anspannung anzumerken.

Viele Spieler vermitteln den Eindruck, als vertrauten sie dem Trainer blind?

Die Art und Weise, wie wir vorbereitet wurden auf dieses Turnier, überzeugt uns als Spieler. Experten wurden zu Rate gezogen, wir wurden über Dinge informiert, die eigentlich nicht zum Kernbereich eines Fußballers zählen. Jürgen Klinsmann hat uns den Horizont geöffnet. Wie er uns Stärke einredet und uns nach außen immer verteidigt hat, gibt uns großes Vertrauen.

Sie reden wie von einem Guru.

Das ist der falsche Begriff. Manchmal haben wir uns als Spieler auch gefragt, ob wir die Qualität überhaupt besitzen. Der Trainer war immer davon überzeugt. Das kann ich auch von mir sagen. Ich habe in der Bundesliga-Rückrunde bei Dortmund wenig gespielt, aber er war immer von mir überzeugt. Das ist wichtig für Spieler.

Der Bundestrainer überschrieb die WM-Mission in seinen Ansprachen an die Mannschaft oft mit "Challenge 2006". Hängt dieser Begriff an der Wand im Speisesaal des Hotels?

Der taucht nicht mehr auf. Solche Leitsprüche gibt es nicht mehr. Er muß jetzt mehr auf den jeweiligen Gegner reagieren und Strömungen innerhalb der Mannschaft registrieren. An einem Tag sind wir vielleicht nicht so konzentriert, oder er muß sehr individuell auf die Spieler eingehen.

Sogar Oliver Kahn zieht mit, womit nach der Enttäuschung seiner Nichtberücksichtigung als erster Torwart nicht zu rechnen war.

An seiner Trainingsleistung gibt es nichts zu mäkeln. Vor dem Spiel gegen Polen hat er in der Kabine das Wort ergriffen, was sehr wichtig war für uns. Was er gesagt hat, war sehr kurz, sehr prägnant und auf den Punkt gebracht. Im höchsten Moment der Konzentration hat er noch einmal zur Mannschaft gesprochen. Das war für mich beeindruckend.

Was hat er gesagt?

Das möchte ich nicht weitergeben. Es war auf das Spiel und unsere Mannschaft bezogen. Auch wenn er nicht spielt, baut er für sich und die Mannschaft eine Spannung auf.

Welche Rolle spielt der feste Standort der Nationalelf in Berlin für die überbordende Begeisterung in Fußball-Deutschland?

Ich finde, unser Standort Berlin hat eine große Außenwirkung. Hier zentriert sich die Stimmung, hier ist der Mittelpunkt der Fanbegeisterung, die mittlerweile bis in alle Ecken des Landes reicht. Obwohl wir sehr abgeschottet sind: Für uns Spieler ist das ein tolles Gefühl, diese Stimmung zu sehen.

Wäre es für Sie realistisch, auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor etwas von dieser Begeisterung hautnah erleben zu wollen? Oliver Bierhoff rät ja, mit tiefgezogener Kappe mal drüberzulaufen.

Am besten zöge ich mein eigenes Trikot an. Das wäre so übertrieben, daß wohl keiner mit mir rechnen würde. Aber ich glaube nicht, daß ein Besuch dort realistisch ist. Aber am Flughafen, vor dem Hotel, auf dem Weg zum Training bekommen wir eine Ahnung, was sich im Lande gerade entwickelt.

Welches Gefühl haben Sie - die Massen zu bewegen?

Es ist ein unglaublich schönes Gefühl. Diese Begeisterung ist der Lohn für die jahrelange harte Arbeit. Auf der anderen Seite sollten wir bei aller Begeisterung realistisch bleiben und nicht vergessen, an welchem Punkt wir als Mannschaft stehen. Die WM ist noch lange nicht vorbei. Vielleicht ist es deshalb gut, daß wir derzeit abgeschottet leben.

Was glauben Sie, welchen Einfluß hat der Fußball-Hype in Deutschland auf die gegnerischen Mannschaften?

Unsere Gegner werden großen Respekt davor haben. Wenn man jetzt Kommentare aus dem Ausland liest, dann kommt wieder dieser Mythos der deutschen Turniermannschaft auf, der uns eine Stärke gibt, die vielleicht über unserer wirklichen Qualität liegt. Diesen Mythos aufrechtzuerhalten und aufzubauen ist wichtig, um ein Turnier wie dieses erfolgreich zu gestalten.

Wenn Sie heute das Angebot erhielten, mit einer starken eigenen Leistung WM-Zweiter zu werden wie vor vier Jahren, würden Sie einschlagen?

Wir haben zwei große Ziele: Wir wollen begeisternden, mitreißenden Fußball zeigen, in diesem Land etwas in Bewegung setzen. Und dann möchten wir natürlich größtmöglichen sportlichen Erfolg haben. Wer einmal ein Endspiel bei einer WM gespielt hat, weiß, wie schwierig es ist, den Weg bis dorthin zu überstehen. Ich möchte das noch einmal erleben und dann den letzten Schritt machen.

Der zweite Platz reicht Ihnen nicht?

Nein.

Was hat die Mannschaft bisher erreicht? Wo steht sie?

Wir müssen feststellen, daß die anderen großen Nationen auch ihre Probleme haben. Sie zeigen gewiß große Qualität und große Stärke, aber außer Spanien und Argentinien ist keine Mannschaft dabei, die völlig ohne Probleme durchmarschiert. Was uns angeht, haben wir zuletzt sehr intensiv an unserem Defensivbereich gearbeitet und eine gemeinsame Sprachregelung gefunden. Wir müssen die Philosophien jedes einzelnen in der Mannschaft unter einen Hut bekommen. Gegen Polen haben wir uns sehr stabil gezeigt, auch wenn wir das Spiel nicht immer diktieren konnten.

Hat die Abwehr aneinander vorbeigeredet?

Wir spielen in der Defensive alle in anderen Vereinsmannschaften. Die Engländer haben eine andere Definition, die Viererkette zu spielen, als wir in Dortmund. Und dann gibt es noch gewisse Vorstellungen unseres Trainerteams. Ich habe gewisse Dinge überinterpretiert, was dazu geführt hat, daß ich zu großes Risiko gespielt habe. Jetzt haben wir als Mannschaft auch im Verbund mit Jens Lehmann und den defensiven Mittelfeldspielern eine Linie gefunden, die wir voll vertreten können.

Die Stammformation soll sich gegen Ecuador weiter einspielen. Gibt es also am Dienstag keine Wechselspiele?

Es wäre fahrlässig, in einem Turnier wie diesem die Konzentration und Spannung völlig herunterzufahren. Unser Ziel muß sein, Gruppenerster zu werden.

Spielt die bestmögliche Mannschaft?

Davon gehe ich aus.

Das wird die Ersatzleute nicht erfreuen. Können alle Spieler im Kader die derzeitige Begeisterung teilen?

Wer die Reaktion nach dem 1:0 gegen Polen gesehen hat, als auch die Spieler, die im Moment vielleicht persönlich enttäuscht sind, aufsprangen, der bekommt ein Gefühl von der Stimmung. Das war für mich sinnbildlich für unseren Teamgeist. Die Nominierung war ja zum Teil kritisiert worden. Aber man sieht, wie wichtig es ist, neben den besten 23 Spielern auch diejenigen mitzunehmen, die vielleicht nicht zur ersten Elf gehören, aber der Mannschaft Energie geben. Im Moment haben wir eine harmonische Mischung, auch wenn es im weiteren Verlauf des Turniers auch mal knallen sollte.

Aufgezeichnet von Michael Ashelm.

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