Mit seiner ganzen Vernunft versuchte Christoph Metzelder die Enttäuschung zu verarbeiten. Er schaute sogar wieder nach vorne auf die nächste Aufgabe, die für jeden Fußballer eigentlich die pure Qual darstellt. Die letzte Partie, bei der es um nichts mehr geht. „Dritter zu werden bei einer WM ist doch eine tolle Sache. Deshalb werden wir alles geben am Samstag in Stuttgart.“ Gefaßt stellte sich Metzelder der bitteren Wahrheit, obwohl er zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren einen herben sportlichen Dämpfer ganz ähnlicher Art einstecken mußte.
Erst ausgebremst von Brasilien im WM-Finale 2002, jetzt herauskatapultiert in der Vorschlußrunde von Italien. Mit 25 Jahren war der Traum vom großen Titel wieder zerplatzt. Aber eine gewisse Demut war bei dem Dortmunder zu erkennen, die ihn wohl davon abhielt, das ganz große Klagelied anzustimmen. „Die Enttäuschung ist heute sehr groß, aber wenn ein paar Wochen ins Land gezogen sind, können wir stolz sein auf das, was wir geleistet haben.“
Fehlerärmstes Innenverteidigerteam der WM
Es gab reichlich Momente vor dieser Weltmeisterschaft, da hätte Metzelder nicht im entferntesten daran gedacht, überhaupt zu einem wichtigen Teil dieser Fußballmission zu werden. Die langwierige Regenerationsarbeit nach seiner schweren Achillessehnenverletzung, die sich über mehr als ein Jahr hinzog, und die wenigen Einsätze beim BVB ließen ihn nicht unbedingt hoffnungsvoll nach vorne blicken.
Doch der Abwehrspieler erhielt das Vertrauen des Bundestrainers und kämpfte sich heran an seine persönliche Herausforderung, was neben aller mentalen Kraft auch eine medizinische Erfolgsgeschichte für ihn ist. So bitter die Niederlage jetzt gegen die Italiener wirken mag, Metzelder gehört unter dem Strich zu den großen Gewinnern in der deutschen Mannschaft - wie auch sein Defensivpartner Per Mertesacker. Zusammen zählen sie zum stabilsten, fehlerärmsten Innenverteidigerteam dieser Weltmeisterschaft.
„Dann hat Pirlo diesen genialen Moment“
Als Metzelder am Dienstag gegen Mitternacht den Unglücksmoment beschreiben sollte, tat er das nicht etwa mit leidender Stimme, sondern sehr klar und kühl, wie es sich für einen Meinungsführer innerhalb der Mannschaft gehört. „Dann hat Pirlo diesen genialen Moment und steckt den Ball durch. Das war vielleicht der kleine Prozentpunkt, der das Spiel entschieden hat.“
Mertesacker und er konnten in der 119. Minute nichts mehr ausrichten im Strafraum gegen das Zuspiel des italienischen Mittelfeldregisseurs auf den Torschützen Fabio Grosso. Die festen Strukturen waren zu diesem Zeitpunkt längst aufgelöst, so nahe vor dem Elfmeterschießen. Hochengagiert, aber abgeklärt und ruhig in ihren Aktionen hatte das deutsche Innenverteidigerpärchen bis dahin die Abwehrzentrale vor Torwart Jens Lehmann organisiert.
„Über 118 Minuten ein starkes Spiel gemacht“
Metzelder und Mertesacker konnten sich ein weiteres Mal in diesem Turnier steigern, den Lerneffekt der Vorbereitungswochen zeigen. „Wir haben über 118 Minuten ein starkes Spiel gemacht“, sagte Mertesacker zur Gesamtleistung der Mannschaft, um dann in der Beurteilung des Abwehrverbundes ins Detail zu gehen. „Wir wußten, daß gegen Italien noch mehr auf uns zukommt. Aber wir haben wieder gut gestanden und wieder gut verteidigt.“
Daß für den gesperrten Torsten Frings ungewohnterweise der Dortmunder Sebastian Kehl neben Michael Ballack den defensiven Part vor der Abwehr spielte, wußten die beiden Innenverteidiger in ihrem taktischen Verhalten zu berücksichtigen. Sie paßten ihre Spielweise an und gingen noch konzentrierter zu Werke, weil sie hier und da mit Abstimmungsschwierigkeiten durch die Umstellung zu rechnen hatten. Perfekt, würde ihr Trainer sagen, der sich seit Wochen schon positiv geäußert hatte zum Status quo in seiner Abwehr.
Vertrauen tendierte gegen Null
Gerade die zentralen Verteidigerpositionen galten als größte Schwäche, als sich die Nationalelf in den vergangenen zwei Jahren auf die WM vorbereitete. Das Vertrauen in die Defensivqualitäten der zuständigen Spieler tendierte gegen Null, was sich auch in der aufgeheizten Diskussion um die Nichtberücksichtigung des erfahrenen Verteidigers Christian Wörns von Borussia Dortmund offenbarte. Die deutsche Expertenschaft sagte ein Desaster und ein Torfestival der gegnerischen Mannschaften voraus für diese WM, und als Bundestrainer Jürgen Klinsmann dann auch noch den lange verletzten und in Dortmund auf der Ersatzbank schmorenden Metzelder in den Kader berief, zweifelten auch die letzten Aufrechten an der Standhaftigkeit des Abwehrblocks.
„Auch uns mußte Jürgen Klinsmann manchmal davon überzeugen, daß wir an unsere Stärken glauben“, verriet Metzelder einmal während des Turniers. Doch im Lauf der WM-Spiele entstand ein neues Gefühl - das Gefühl einer starken, mitdenkenden, intelligenten Verteidigungslinie, die jeden Tag für ihre Fortentwicklung nutzte. Korrekturen im Zusammenwirken mit dem Mittelfeld, das im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica noch zu offensiv ausgerichtet war, verbesserten das Stellungsspiel der beiden Verteidiger weiter.
„Wichtig ist, daß dieser Weg weitergeführt wird“
In seiner Statistik weist der Internationale Fußball-Verband Metzelder und Mertesacker derzeit mit den besten Zweikampfwerten aus: Wer sich den beiden nähert, hat wenig Chancen durchzukommen. Und bei seinen Aufgaben ging das Verteidigerduo ausgesprochen fair zur Sache. Nur eine Gelbe Karte steht in der Bilanz von Mertesacker und Metzelder. Beide stehen damit auch für die neuen Perspektiven des deutschen Fußballs. Teammanager Oliver Bierhoff drückte es am Mittwoch so aus: „Das Schönste ist, wie die Spieler gewachsen sind.“
Das hörte sich ganz nebenbei an wie ein weiterer kleiner Hinweis an den Bundestrainer, doch bitte schön weiterzumachen. Darauf setzt auch Metzelder, der noch einen weiteren Wunsch mit dieser WM verbindet: „Das Wichtigste ist, daß der DFB generell eine Philosophie beibehält, die jetzt angestoßen wurde, unabhängig von den Personen, die kommen werden. Wichtig ist, daß dieser Weg weitergeführt wird.“
Kompliment
Dr. Wolfgang Kaiser (WolfgangKaiser)
- 05.07.2006, 23:19 Uhr
Teamgeist,Intelligenz,Erfolgswille,Vorbild für Zukunftsfähigkeit
Michael W. PLETSCH (drmwpletsch3)
- 06.07.2006, 12:07 Uhr
Metzelder - der grösste Gewinner dieser WM
W A Marder (wma927)
- 06.07.2006, 22:58 Uhr
