02.03.2006 · Italiens Presse ist unsicher: Können wir den Triumph überhaupt ernst nehmen? Oder war dies doch ein gar zu schwacher Gegner? „Wenn es so weitergeht, dürften wir in Deutschland viel Spaß haben“, schrieb die Turiner „Stampa“.
Von Dirk Schümer, VenedigNach dem Desaster der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und dem imponierenden Sieg der eigenen Mannschaft scheint sich Italiens Presse nicht ganz sicher: Können wir den Triumph überhaupt ernst nehmen? Oder war dies doch ein gar zu schwacher Gegner? "Wenn es so weitergeht, dürften wir in Deutschland viel Spaß haben", schrieb die Turiner "Stampa" mit der gebotenen Vorsicht. Und auch Nationaltrainer Marcello Lippi riet nach dem "historischen" 4:1: "Wir müssen den Ball flach halten." Allzu oft hatte man vor Weltmeisterschaften die eigene Mannschaft hoch gelobt und war dann enttäuscht worden.
Diesmal soll es - trotz des ebenso imponierenden Sieges in der Vorbereitung gegen Holland in Amsterdam - umgekehrt werden. Anstatt also in einen kontraproduktiven Jubel vor dem Fest zu verfallen, verlegen sich Italiens Medien lieber darauf, die katastrophale Leistung des Gegners mit dem gebotenen Mitleid zu kommentieren.
„Leider war es ein Freundschaftsspiel“
Die "Gazzetta dello Sport" ahnte sogleich einen "Prozeß gegen Klinsmann". Das Foto des Tages zeigt einen einsamen Fan mit Zipfelmütze und deutscher Fahne auf der leeren Tribüne: ein bedauernswerter deutscher Michel, der niemandem mehr Angst einflößt. Von der einst so gefürchteten Mannschaft der "Panzer" war in Florenz nicht einmal mehr ein Torso geblieben, wie die "Repubblica" illusionslos anmerkte: "Ein Spiel wie eine Einbahnstraße." Und der Mailänder "Corriere della Sera" sah Deutschland "moralisch in Stücken" und bedauerte an diesem denkwürdigen Abend nur eines: "Leider war es ein Freundschaftsspiel."
Am sarkastischsten äußerte sich die "Stampa", die mit der gewohnten literarischen Ironie des italienischen Sportjournalismus die Nebensächlichkeiten aufs Korn nahm: "Als sich Michael Schumacher noch gar nicht hingesetzt hatte, stand Deutschland schon in den Boxen." Im Unterschied zur Formel Eins könne es bei der deutschen Nationalmannschaft aber nicht an den Reifen liegen: "In der Abwehr ist überhaupt kein Gummi zu finden, dafür aber jede Menge Marmor an den Füßen."
Vernichtende Kritik
Einmütig wunderte man sich in Italien über die Souveränität, mit der die "Azzurri" den Ausfall von Kapitän Francesco Totti verkraftet und durch offensive Glanzleistungen von Camoranesi und Del Piero kompensiert hatten: "Totti ist natürlich unersetzlich, aber man hat das einfach ignoriert." Vernichtend dagegen die allgemeine Einschätzung der deutschen Spieler: "Welche halluzinogenen Pilze haben nur die Experten gegessen, die uns Jens Lehmann als Torhüter für den AC Mailand andrehen möchten? Oder die den überforderten Ballack zu Inter Mailand holen wollen? Die Mannschaft hat doch auch so schon genug Probleme."
Ansonsten geht Italien genüßlich dazu über, sich auf die Begeisterung Hunderttausender Italiener im Ruhrgebiet zu freuen, die ihr Team im Trainingslager von Duisburg nun mit flammendem Herzen erwarten. Hatte nicht Deutschland in Rom 1990 den Titel gefeiert und den italienischen Gastgebern ihre "festa mondiale" verdorben? Und könnte es 2006 nicht umgekehrt sein? Daß die deutschen Gastgeber nach dem düsteren Aufgalopp von Florenz die Weltmeisterschaft im eigenen Land nun nicht mehr so rosig sehen, kann die Italiener nicht aus der Ruhe bringen: "Das ist ab sofort das Problem von Jürgen Klinsmann, nicht unseres."