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WM-Zwischenbilanz Die afrikanische Krankheit

16.06.2006 ·  Kommt Afrika, der schlafende Riese, wieder mal nicht aus den Federn? In den ersten sieben Spielen afrikanischer Mannschaften gab es fünf Niederlagen und zwei glückliche Unentschieden. Warum der Schwarze Kontinent im Fußball auf der Stelle tritt.

Von Christian Eichler
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Fünf Spiele, fünf Niederlagen - und dann noch das so glückliche wie peinliche 2:2 der Tunesier gegen Saudi-Arabien. Kommt Afrika, der schlafende Riese des Fußballs, wieder mal nicht aus den Federn? 1974 in Deutschland war Zaire als erstes schwarzafrikanisches Land bei einer WM dabei - und wurde mit 0:6 Punkten und 0:14 Toren nach Hause geschickt.

Die Rolle als Prügelknabe haben die Afrikaner längst abgelegt. Von jeder WM seitdem brachte mindestens ein afrikanisches Team wenigstens einen Sieg mit - Kamerun 1990 und Senegal 2002 brachten es sogar ins Viertelfinale. Und doch fehlte das Fünkchen Organisation und Stabilität, um auch mal gegen die Großen aus Europa oder Südamerika zu bestehen.

Ungeübt und vom Tempo überfordert

Die traditionellen Schwächen zeigen sich auch bei dieser WM: fahrige Torhüter, noch mehr aber überforderte Innenverteidiger wie der Angolaner Jamba (aus der heimischen Liga), der sich vom Portugiesen Luis Figo beim entscheidenden Tor zum 0:1 plump überlaufen ließ; oder der Togoer Abalo (hauptberuflich auf Zypern aktiv), den seine Schläfrigkeit eine Gelb-Rote Karte gegen Korea kostete - und den Freistoß, der seinem Team sportlich das Genick brach. Afrikas Stürmer und Mittelfeldspieler sind in den besten Ligen Europas gefragt - allein der FC Chelsea ließ sich Didier Drogba, Michael Essien und Nigerias Jungstar John Obi Mikel zusammen fast 100 Millionen Euro kosten. Doch für Drogba und die Elfenbeinküste ist nach der zweiten Niederlage die WM nach der Vorrunde beendet. (siehe auch: 2:1 gegen Elfenbeinküste: Holland rettet sich über die Zeit)

Doch die Europäer holen wegen bewährter Qualität aus eigener Produktion selten Afrikaner fürs Tor oder für die Innenverteidigung. Entsprechend ungeübt und vom Tempo überfordert sehen diese bei der WM oft aus. Selbst Verteidiger, die sich in Europa durchsetzten, leisten sich manchmal jene afrikanischen Aussetzer, für die Sammy Kuffour auch in besten Bayern-Zeiten bekannt war. Den Italienern schenkte er das 2:0 mit einem Harakiri-Rückpaß.

Überheblichkeit in der Qualifikation

Nur die Elfenbeinküste scheint davon ausgenommen. Noch nie kam eine schwarzafrikanische Mannschaft so abwehrstark, so gut vorbereitet, so europäisch zu einer WM. Und doch hat es nicht gereicht, weil Argentinien (1:2) und Holland (1:2) doch eine Spur zu stark war. Und damit ist im Grunde alles so, wie es vorhergesagt wurde: Die besten afrikanischen Teams scheiterten an ihrer Überheblichkeit in der Qualifikation: Nigeria, Kamerun, Senegal. Die beiden besten qualifizierten Teams haben die schwersten WM-Gruppen: Elfenbeinküste und Ghana. Die beiden Nobodys Togo und Angola sind spielerische Leichtgewichte, für die schon die Teilnahme ein kleines Wunder ist. Bliebe nur Tunesien, das sich vielleicht irgendwie durchwursteln kann - und doch kaum für eine WM-Überraschung taugt. Und schon gar nicht für den Afrika-Zauber, den man seit Kamerun und Roger Milla 1990 bei jeder WM herbeisehnt.

Otto Pfister, tageweise als Trainer Togos im Amt, nennt vor allem den "Mangel an Infrastruktur" als Grund für Afrikas Probleme. Es gebe kaum eine kompetente Ausbildung oder medizinische Betreuung für Talente. Zudem werden Verbände oft nach Potentaten-Art geführt, als Hobby von Funktionärsdiktatoren - ein Abbild der politischen Verhältnisse des Kontinents. Was mit einer Infrastruktur möglich ist, zeigt die Fußballschule, die der Franzose Jean-Marc Guillou in Abidjan gründete und aus der viele der heutigen Spieler der Elfenbeinküste kommen, darunter Kapitän Didier Zokora. Der Weg von dort führt zumeist in die französische Liga mit ihrer bekannt guten technischen Ausbildung.

Trainer geringgeschätzt

Manche glauben, daß afrikanischer Fußball nur mit Hexenkraft und Kräuterdoktoren und ähnlichem Zauber funktioniere. In einem WM-Stadion ist es aber eher schwierig, im Mittelkreis ein geschlachtetes Schaf zu vergraben, um böse Geister zu vertreiben. Deshalb setzt Angola nun auf eher unafrikanische Hilfe in Gestalt eines Psychologen, der den Spielern vor der Partie gegen Mexiko an diesem Freitag "Selbstvertrauen und mentale Stärke" schenken soll.

Für gewöhnlich hätten aber eher die Trainer solche Hilfe nötig. Auf keinem anderen Kontinent wird die Arbeit des Trainers so geringgeschätzt, so sehr untergraben wie in Afrika - es ist das eigentliche Problem des Fußball-Kontinents. Vor einem Jahr noch schien eine Wende in Sicht. Die erste Generation von afrikanischen Profis, die sich als Spieler in Europa durchgesetzt hatten, kehrte mit europäischer Trainerausbildung zurück nach Afrika. So schaffte Stephen Keshi, 1994 WM-Kapitän Nigerias, mit Togo die WM-Qualifikation, und Sambia machte mit Kalusha Bwalya, der wie Keshi seinen Trainerschein in den Niederlanden gemacht hatte, einen großen Sprung nach vorn.

Prämienstreit, ein afrikanischer Klassiker

Keshi äußerte die Hoffnung, daß afrikanische Trainer in Afrika endlich respektiert und von Verbandspräsidenten nicht mehr als Marionetten betrachtet würden. Er wollte die Funktionäre überzeugen, "daß wir Entwicklungsprogramme brauchen, die mindestens für Zeiträume von vier bis fünf Jahren ausgelegt sind". Wenige Monate später war Bwalya zurückgetreten (Sambia hat derzeit den dritten Trainer binnen drei Monaten und sucht den vierten). Und Keshi war entlassen, weil Togo beim Afrika-Cup sieglos geblieben war. Diese Kontinentalmeisterschaft, jedesmal keine fünf Monate vor der WM, ist auch so ein Problem: eine stete Schwächung der afrikanischen WM-Chancen - nicht nur wegen der Zusatzbelastung, auch wegen der verläßlichen Trainerentlassungen, die eine ruhige WM-Vorbereitung verhindern. Auf Keshi folgte Pfister, der sich wegen der üblichen Prämienstreitigkeiten wenige Tage vor der WM (auch das ein afrikanischer Klassiker) selbst entließ, dann selbst wieder einstellte - und ob er es nun immer noch ist, muß man von Tag zu Tag neu überprüfen. Gerade hat Pfister juristische Schritte gegen Verbandssekretär Komlan angekündigt. Komlan hatte dem Kölner nach dem 1:2 gegen Südkorea Alkoholprobleme unterstellt und dessen Rückkehr als "Fehler" bezeichnet.

Mit der gerade mal 48stündigen Amtspause zwischen Pfisters Ausstieg und Wiedereinstieg kann man in Afrika übrigens niemanden beeindrucken. Wenige Tage vor der WM wurde der deutsche Trainer Siegfried Bahner beim nigerianischen Erstligaklub Shooting Stars entlassen - und 24 Stunden später wieder eingestellt.

Quelle: F.A.Z., 16.06.2006, Nr. 137 / Seite 40
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