04.07.2006 · Die Fifa hat sich bis auf die Knochen blamiert. Nicht die Entscheidung, Frings gegen Italien zu sperren, wirft ein schlechtes Licht auf die Herren des Fußballs. Viel peinlicher ist der Ablauf, der dem Urteil vorausging. Ein Kommentar von Peter Heß.
Von Peter Heß, BerlinDie Fifa hat sich bis auf die Knochen blamiert. Nicht die Entscheidung, Torsten Frings für das Halbfinale gegen Italien zu sperren und mit einer Geldstrafe von 5000 Schweizer Franken zu belegen, wirft ein schlechtes Licht auf die Herren des Fußballs, obwohl durchaus darüber diskutiert werden kann, ob die Strafe verhältnismäßig ist. Viel peinlicher für den Weltfußballverband ist der Ablauf, der dem Urteil vorausging.
Erst 29 Stunden vor dem Anpfiff erreichte die deutsche Nationalmannschaft die Nachricht, auf Frings verzichten zu müssen. Schon das schwebende Verfahren zuvor, störte die Vorbereitung der Mannschaft. Das scheint zwar auf den ersten Blick sekundär, weil die Suche nach der Gerechtigkeit höher zu bewerten ist als die Befindlichkeit des Täters. Aber in diesem Fall verlängerte der Sportverband völlig unnötig die Zeit der Ungewißheit. Die Fifa hätte die Tumulte nach dem Elfmeterschießen zwischen Argentinien und Deutschland nur systematisch untersuchen müssen. Dazu war der Verband aber offensichtlich nicht willens.
Zufällig Fernsehen geschaut
Dabei gab es keine erkennbaren Schwierigkeiten bei der Beweisaufnahme. 25 Kameras hielten am Freitag die Geschehnisse des Viertelfinales im Berliner Olympiastadion fest. Die Fifa hätte nur alle Kassetten anfordern müssen und den perfekten Überblick gehabt. Schon am Samstag abend wäre es der Disziplinarkommission möglich gewesen, eine abschließende Bewertung abgeben und gegebenenfalls Bestrafungen aussprechen zu können.
So aber kleckerte ein Fernsehbeweis nach - es hätten auch noch mehrere folgen können. (Würde notfalls ein Spieler noch vom Anstoßkreis weggeführt werden?) Am Sonntag sah ein Fifa-Funktionär zufällig im Fernsehen, wie Frings im Gerangel dem Argentinier Cruz mit der Faust durchs Gesicht wischte. Er informierte daraufhin die Disziplinarkommission, die das schon abgeschlossene Verfahren wieder eröffnete.
Absolution für Heinze
Es bleibt noch ein anderer schlechter Beigeschmack: Die beherzte Auseinandersetzung der Disziplinarkommission am Sonntag mit dem Einzeldelikt des Torsten Frings steht im krassen Gegensatz zur Zurückhaltung, mit der sie den allgemeinen Tumulten am Samstag begegnete. Die für jedermann empfangbaren Aufnahmen zeigten, daß sich sehr viel mehr argentinische Spieler kraß unsportlich verhielten als der mit Rot bestrafte Cufre und Maxi Rodriguez, gegen den noch ermittelt wird. Alle anderen Argentinier aber erhielten die Absolution, auch Heinze, der - völlig außer Rand und Band - dem deutschen Teammanager Bierhoff an den Kragen wollte.
Haben die Mitglieder der Disziplinarkommission diese Szenen übersehen? Oder als Nichtigkeit bewertet? Ist die Frage, wer das allgemeine Chaos auslöste, das sich in vielleicht 20 Einzelszenen aufsplittete, ganz unerheblich? Muß das Verhalten von Frings nicht im Kontext dazu gesehen werden? Die Fifa hat sich mit ihrem Verhalten unglaubwürdig und angreifbar gemacht. Eine Beweisaufnahme nach dem Zufallsprinzip und nicht erkennbare Bewertungsgrundlagen widersprechen jedem Rechtsempfinden.