18.05.2006 · Der FC Barcelona hat die Champions League gewonnen. Im Finale setzte sich der spanische Meister gegen den FC Arsenal London mit 2:1 durch. Der deutsche WM-Torhüter wurde zur tragischen Figur des Abends.
Von Peter Heß, ParisEs hätte ein Fußballfest werden können, es wurde ein Drama. 18 Minuten lang machten der FC Barcelona und der FC Arsenal London vor 77.000 Zuschauern im ausverkauften Stade de France bei Paris aus dem Finale der Champions League einen echten Fußball-Gipfel. Zwei Mannschaften präsentierten Fußballkunst auf höchstem Niveau: mit Wucht und Eleganz, voller Esprit, Athletik und Akrobatik. Das Geschehen wogte hin und her, zwei selbstbewußte Teams spielten um die Vorherrschaft auf dem Feld.
Doch dann griff Jens Lehmann ein, und ganz nach deutscher Fußballart nahm der Essener im Tor von Arsenal dem Spiel fast alle Leichtigkeit, drückte es in Richtung erbitterten Kampf. Lehmann wollte nur das Beste, aber statt des Balles traf seine Hand kurz hinter dem Strafraum den Fuß von Barcelonas Torjäger Eto'o. Hätte Schiedsrichter Hauge geahnt, daß der Ball weiter zu Giuly rollen und der Rechtsaußen von Barcelona das 1:0 schießen würde, vielleicht hätte er auf Vorteil erkannt. Aber der Norweger pfiff rasch - und das Schwere hielt Einzug in dieses Finale. Rot für Lehmann, Arsenal einer weniger, eine Abwehrschlacht statt einer Gala.
„Ich gebe ihm keine Schuld“
Auch diese Art von Fußball hat ihren Reiz. Zumal Campbell den Außenseiter in Unterzahl in Führung per Kopfball in Führung brachte (37.) und der Favorit lange vergeblich dem Ausgleich hinterherrannte. Aber dann fand Eto'o in der 76. Minute aus spitzem Winkel doch noch die Lücke, und vier Minuten später erzielte Belletti den Treffer zum Triumph für Barcelona.
„Eine Tragödie“, murmelte Lehmann immer wieder nach dem Spielende. „Es ging um Sekundenbruchteile, ich habe mich verschätzt, das war nicht gut.“ Sein Trainer Arsene Wenger unterließ es, der deutschen Nummer eins Vorwürfe zu machen. „Ich gebe ihm keine Schuld. Er hat sich früh entschieden, sein Tor zu verlassen. Er tauchte ab, er rutschte, da weiß niemand, wo er landet.“ Daß der Rutscher mit einem Foul endete, mochte der Coach von Arsenal nicht bestreiten. „Es war ein Foul außerhalb des Strafraums, da fällt es schwer, gegen den Platzverweis zu protestieren“, gab Wenger zu.
Helden ohne Lohn
Seine Mannschaft machte das beste aus der Situation. Sie verteidigte so aufopferungsvoll und geschickt, daß Ronaldinho und der Rest der Offensivabteilung von Barcelona schon geniale Momente benötigte, um zu Torchancen zu kommen. In jeder Phase des Spiels wurde deutlich, warum Arsenal in den 12 Begegnungen bis zum Finale ungeschlagen geblieben war und nur zwei Gegentore hatte hinnehmen müssen. Doch in zwei, drei Momenten waren die Londoner auf ihr Glück angewiesen. So zum Beispiel als Eto'o in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit den Pfosten traf.
„Aber irgendwann fiel ihnen auch nicht mehr viel ein“, gab Lehmann bei der Analyse des Endspiels zu bedenken. Das war Mitte der zweiten Halbzeit, als Henry bei einem Konter das 2:0 für Arsenal auf dem Fuß hatte. „Ich wußte danach sofort, daß es noch einmal ganz schwer werden würde“, sagte Wenger zu dieser Szene. Und so nahm das Schicksal gegen Arsenal seinen Lauf. Barcelona schöpfte noch einmal Mut: „Wir dachten an Liverpool im vergangenen Jahr, das ein 0:3 aufgeholt hatte. Wir schworen, uns erst nach dem Abpfiff geschlagen zu geben“, beschrieb Eto'o die Stimmung in seinem Team. Wenger haderte damit, daß dem 1:1 ein Abseits vorausgegangen sei, an der Klasse des Gegners ließ er keinen Zweifel. Barcelona und seine Mannschaft seien die Zukunft des europäischen Vereinsfußballs: „Wir hätten heute nicht viel besser spielen können. An diesem Abend waren meine Spieler Helden, aber sie wurden nicht dafür belohnt“, lobte der Franzose seine Mannschaft.
„Wir brauchen Thierry Henry“
In der englischen Liga reichte es nur für Rang vier. Seinen jungen Spielern fehlt es in der harten Meisterschaft noch an Konstanz. Aber nach oben hat sein Team schon jetzt kaum Grenzen, höchstens der FC Barcelona könnte eine bilden. „Wir machen riesige Fortschritte“, sagte Wenger stolz. „Wir können sehr schnell eine ganz große Mannschaft werden - aber dazu brauchen wir Thierry Henry“, erklärte Wenger.
Der Vertrag seines Landsmannes mit Arsenal läuft in diesem Sommer aus. Der Stürmer hat sich noch nicht entschieden, ob er nach sieben Jahren in London noch einmal verlängert. Auch aus Barcelona soll dem 29 Jahre alten Franzose ein Angebot vorliegen. Es müßte ihn reizen, mit Eto'o, Ronaldinho, Deco und Giuly zu zaubern und zu wirbeln. In Spanien wäre Henry aber nur ein König unter vielen. Bei Arsenal hat er den Thron für sich allein. „Sein Einfluß auf das Team ist ungeheuer groß“, behauptet Trainer Wenger. Der Mannschaftskapitän, der als pfeilschneller Außenstürmer begann, ist längst Kopf und Seele des Teams, Torjäger, Vorbereiter und kämpferisches Vorbild in einem. Sollte sich Henry dem FC Barcelona anschließen, wäre Arsenal im Zukunftsduell mit den Spaniern kein ernsthafter Gegner mehr - und ein weiteres mitreißendes Champions-League-Finale wie 2006 reine Utopie.