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Kommentar Fußball frivol

18.01.2006 ·  Die WM-Organisatoren sollten aufhören, ständig die Leidenschaften der Fans durch Emotionszutaten zu bewirtschaften. Fußball ist Kultur, Fußball ist populäre Kultur, aber nur für völlig Ahnungslose ist Fußball Popkultur.

Von Jürgen Kaube
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Man hörte bei vielen förmlich das Kopfnicken, als die Fifa ihre WM-Gala absagte. Hatten sie es, mehr oder weniger insgeheim, nicht schon immer gewußt: Sport ist Sport und Fußball Fußball, was hat Kultur, was haben Andre Heller, Choreographen und Musiker damit überhaupt zu schaffen? Die alte Unterscheidung lautet "Brot und Spiele": Da muß man den Leuten zusätzlich zu den Spielen doch nicht auch noch Spielchen geben. Der Sport selber ist das Fest.

An diesem Argument ist etwas dran, solange man unter Kultur eine sachfremde Zutat und unter einem Fest etwas Überflüssiges versteht. Das Fest einmal dahingestellt - was könnte mit "Kultur" beim Fußball denn überhaupt gemeint sein? Nehmen wir ein Beispiel: Wenn in einem Heimspiel des FC Barcelona die Fans eine krasse Fehlentscheidung zu Lasten ihres Teams vermuten, skandieren sie "Guuuruuuceta! Guuuruuuceta!" Warum? Emilio Carlos Guruceta war jener Schiedsrichter, der im Pokal-Halbfinale von 1970, als Franco noch regierte und "Barca" ein Symbol des katalanischen Widerstands war, ein Foul um Meter in den Strafraum hineinverlagerte, um Real Madrid, dem "Regierungsklub", einen Strafstoß zusprechen zu können. Es folgten legendäre Tumulte. Heute rufen Zuschauer diesen Namen, die damals noch nicht einmal geboren waren. Wenn das kein Fall von kulturellem Gedächtnis ist!

„Guuuruuuceta! Guuuruuuceta!“

Fußball ist nicht nur ein Spiel, sondern auch ein Gewebe von Geschichten, Symbolen, Deutungen - also Kultur. Um das zu wissen, muß man kein Akademiker sein: Jede kommentarfreudige Kneipenrunde im Anschluß an eine Bundesligapartie bestätigt es auf ihre Weise.

Kultur ist also keine Zutat zum Sport, sondern eine Möglichkeit, den Fußball wahrzunehmen. Daß sich für diese Möglichkeit zunehmend Publikum findet, ist offenkundig. Anders ist es kaum zu erklären, welch ungeheuren Aufschwung die Literatur über den Sport genommen hat. Nick Hornby, Engländer und Fan des FC Arsenal London, hat allein in Großbritannien von seinem inzwischen zweimal verfilmten Roman "Ballfieber" mehr als eine Million Exemplare verkauft. Die Essaysammlung "Alle unsere früheren Schlachten" des spanischen Romanciers Javier Marias über seine fatale Anhänglichkeit an Real Madrid liegt schon in fünf europäischen Sprachen vor. Der Bericht von Tim Parks, einem der angesehensten britischen Schriftsteller, über "Eine Saison mit Verona" wurde als teilnehmende Ethnographie der italienischen "Serie A" international gefeiert. Auch ein Buch wie das des Kulturwissenschaftlers Klaus Theweleit über "Das Tor zur Welt" gehört zu den prominenten Einträgen in einer stetig wachsenden Liste von Analysen, Kommentaren, Interpretationen. Was diese Bücher gemeinsam haben, ist die Überzeugung, daß es die Freude am Spiel nicht mindert, darüber nachzudenken und mehr davon zu wissen.

Falscher Gegensatz von Intellekt und Emotion

Demgegenüber wird immer wieder versucht, durch den Gegensatz von Intellekt und Emotion ein vorgeblich akademisches und jedenfalls "verkopftes" Interesse am Sport gegen das der allermeisten Zuschauer auszuspielen. Anschauungen ohne Begriffe sind aber blind. Wer die Abseitsregel nicht begreift, sieht Entscheidendes nicht, soviel werden auch Verächter der "Verkopfung" zugeben. Doch von der Abseitsregel zur Viererkette, von dieser zum Spielaufbau und vom Spielaufbau zurück zu den Mannschaftsaufstellungen, den Trainerhandschriften, aber auch zu den ökonomischen Umständen des Spiels ist es jeweils nur ein Schritt. Man muß keinen dieser Schritte gehen, aber sich dafür zu interessieren tut dem Vergnügen gewiß keinen Abbruch. Daß in manchen Ländern die größten Tageszeitungen Sportzeitungen sind, spricht gegen die Sorge, es sei unpopulär, viel darüber zu reden.

Solange es jedenfalls um den Fußball selber geht. Viel mehr gefährdet als durch seine Intellektualisierung ist das Bild des Fußballs nämlich durch einen frivolen Umgang mit ihm. Der Gegensatz zu Leidenschaft ist nicht Sachkenntnis, sondern Show. Wenn die Gala überflüssig war, wie überflüssig ist dann erst die massenmediale Hingabe ans Werbedeutsch, die ständige Produktanpreisung, die Begleitung der WM-Auslosung durch Heidi Klum? Man sollte, mit anderen Worten, damit aufhören, ständig die Leidenschaften der Zuschauer durch Emotionszutaten zu bewirtschaften. Gewiß, zu Werbezwecken müssen sich Spieler geben, als wären sie so etwas Ähnliches wie Filmstars oder Models. Wenn diese Analogie aber das Verhältnis zum Sportgeschehen beherrscht, geht der Sinn der Sache verloren. Fußball ist Kultur, Fußball ist populäre Kultur, aber nur für völlig Ahnungslose ist Fußball Popkultur.

Quelle: F.A.Z., 18.01.2006, Nr. 15 / Seite 29
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