02.03.2006 · Nach dem Zusammenstoß mit der atemraubenden Fußball-Wirklichkeit ist die tatsächliche Lage im deutschen Fußball wieder einmal ernst. So ernst wie kurz vor der Europameisterschaft 2004.
Von Michael Horeni, FlorenzMan muß es auch mal positiv sehen: Michael Ballack hat sich in Florenz nicht verletzt. Auch die Bürde des Favoriten muß die deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft als Gastgeber nicht tragen, denn freundlicher als beim 1:4 gegen Italien kann man auch in 98 Tagen bei der WM das Motto des Sommers, die Welt zu Gast bei Freunden, sportlich nicht interpretieren. Aber Ironie beiseite: Nach dem Zusammenstoß mit der wunderbaren, atemraubenden Fußball-Wirklichkeit, mit der ein tatsächlicher WM-Favorit wie die Squadra Azzura einen hilflosen deutschen Möchtegern-Weltmeister nur zu gerne bekannt machte, ist die tatsächliche Lage im deutschen Fußball wieder einmal ernst. So ernst wie kurz vor der Europameisterschaft 2004 als eine ebenso desaströse 1:5-Niederlage in Rumänien die Grenzen deutscher Leistungsfähigkeit ein paar Monate später in Portugal vorwegnahm.
Ein erschütterter Bundestrainer wollte angesichts einstürzender deutscher Fußballträume das deutsche WM-Projekt zwar weiter rhetorisch am Leben halten. Aber angesichts der bedingungslosen Kapitulation vor einer Fußball-Großmacht erinnerten die Parolen vom WM-Titel nur noch an sozialistische Siegesgewißheit - weit abgelöst von den Erfahrungen an der Basis. In Florenz ist die von Klinsmann seit Amtsbeginn propagierte Hoffnung auf eine kontinuierliche Entwicklung der jungen Mannschaft bis zur WM schwer erschüttert, wenn nicht gar zerstört worden.
Klinsmanns Weg der Verjüngung ist ohne Alternative
Seit dem Confederations Cup hat sich das deutsche Team immer weiter von seiner Bestform entfernt - nur das 0:0 in Frankreich im letzten Spiel des Jahres 2005 erinnerte an die Leistungen, zu denen Klinsmanns Team auch einmal fähig war. Was bleibt für eine erfolgreiche Weltmeisterschaft ist nach drei bitteren Niederlagen, zwei Unentschieden und nur einem Sieg in dieser Spielzeit nicht die begründete Aussicht auf eine sich stetig steigernde Mannschaft, die zwangsläufig im Sommer ihrem Höhepunkt zustrebt. Allein die vage Hoffnung, durch den Heimvorteil und günstige Umstände mehr zu erreichen, wird das deutsche Team bis zur Auftaktbegegnung am 9. Juni gegen Costa Rica noch begleiten.
Klinsmanns Weg der Verjüngung ist andererseits ohne Alternative. Bessere Spieler als gegen Italien hat der deutsche Fußball leider nicht zu bieten. Wer mag schon glauben, daß eine Rückkehr des hinausgeworfenen Manndeckers Christian Wörns zu anderen Ergebnissen und Erkenntnissen führte? Die junge Auswahl des Bundestrainers wird sich weiterentwickeln. Daran besteht kein Zweifel. Aber es sieht nicht mehr danach aus, daß ihr dies im Eiltempo gelinge, um schon bei dieser WM die höchsten Ansprüche zu erfüllen.
Klinsmann wird sich nicht fragen müssen, ob er seinen inhaltlich kaum umstrittenen Kurs ändern muß. Wohl aber, was er dafür tun kann, um wenigstens das latente Reizklima zwischen ihm und dem Gros der deutschen Fußballfamilie bis zum WM-Auftakt zu mildern. Das Gegenteil ist jedenfalls der Fall, wenn ausgerechnet der deutsche Trainer beim großen WM-Workshop in Deutschland in der nächsten Woche fehlt, während zwanzig Kollegen aus aller Welt nach Düsseldorf kommen. Dort würde dann zumindest der Bundestrainer finden, was seine Mannschaft in Florenz vergeblich suchte: Anschluß an die Weltspitze.