04.07.2006 · Deutschland gegen Italien - das ist kein Kampf ums Dasein, sondern der Versuch, eine winzige Meinungsverschiedenheit unter Nationen zu klären, die einander so nahestehen wie keine zwei anderen. Von Dirk Schümer.
Von Dirk Schümer, VenedigAm Sonntag abend um neun hallte die deutsche Nationalhymne über die stillen Gassen der venezianischen Altstadt. Fußball? Hatte Deutschland etwa schon gewonnen? Nein, natürlich hatte Italien gesiegt, aber Gott sei Dank nur beim Autorennen und mit einem Deutschen am Steuer, den Millionen Italiener seit Jahren vergöttern und dem sie auch an diesem Abend die Daumen gedrückt hatten bis zur Schmerzgrenze. Nun müssen sich die Tifosi für ein paar Stunden umstellen. Heute sind die Deutschen nicht mehr Schumi im Ferrari und auch nicht mehr Ratzi im Papamobil. Heute sind die Deutschen elf Feinde.
Oder doch nicht? Mit der klaren Trennung in wir und ihr gemäß Carl Schmitt haben es die pragmatischen und kompromißbereiten Italiener traditionell nicht besonders. „Auf der Suche nach dem verlorenen deutschen Touristen“ betitelte auch am Wochenende zum x-ten Mal ein italienisches Journal den melancholischen Standardtext über die ausbleibenden dicken Freunde aus dem Norden. Dabei können die Italiener von solchen Tedeschi in Massen gar nicht genug kriegen. Und auch sonst gibt es in Europa keine zwei Völker, die sich ähnlich gern haben und trotzdem gerne mißverstehen. „Italia und Germania“, so schrieb für die „Repubblica“ Emanuela Audisio in einer Ode an diese zärtliche Rivalität, „sind wie Mamma und Papa. Dann und wann kurz vor der Scheidung, manchmal auf der Flucht voreinander. Und dann kommen sie immer wieder zusammen.“
Pasta für Ballack
Diese verzwickte Zweierbeziehung begann allerspätestens mit Mussolini, vertiefte sich mit Millionen Gastarbeitern und Touristen und führte mit der kollektiven Toskanatherapie der deutschen Bourgeoisie seit den achtziger Jahren zur Vergötterung alles Italienischen. Die Vollendung dieses Prozesses der Italianisierung Deutschlands, welche Cimbern, Teutonen, Goten, Staufer und Wehrmacht sogar durch einen Kollektivumzug herbeiführen wollten, ist die konsequente Auswahl des Kochs für die deutsche Nationalmannschaft 2006: Saverio Pugliese tischt leichte Pastaküche auf, denn mit nichts anderem sind Klinsmanns Schützlinge sozialisiert worden.
Würstel, Sauerkraut, Starkbier - das alles würden deutsche Spieler gar nicht herunterbekommen. Und auf eine Vespa, in einen kleinen Fiat würden sich italienische Spieler höchstens zu Werbezwecken setzen, denn sie schwören naturgemäß auf deutsche Luxuslimousinen. So kreuzen und ergänzen sich die Träume der germano-italienischen Kultur harmonisch. Daß in diesem Hegelschen Zivilisationsprozeß die beiden Länder längst ineinander verwachsen sind, vermerken Italiens Medien spätestens bei dieser WM. Deutschlands Kultur sei „lateinischer, als wir alle glauben“, melden fassungslose Reporter angesichts des deutschen Partyotismus in den Süden, wo man die Erfolge der Azzurri angesichts der heimischen Skandale leider etwas verkniestert, ja fast deutsch beäugt.
Plamäßiger Pessimismus
„Sie sind stark, diese Tedeschi, viel zu stark“, unkt in einer Bar am Rialto ein Rentner beim morgendlichen Schoppen. „Wir haben bisher nicht gut gespielt, und jetzt machen sie uns den Garaus. Basta.“ Aber auch solchen Pessimismus muß man in Italien richtig deuten. Weise geworden durch Jahrhunderte voller Katastrophen und Besatzungen, verbietet die „Scaramanzia“, der allgegenwärtige Aberglaube, jede übergroße Zuversicht. Italienische Wettfreunde setzen das Geld mit Vorliebe auf den Gegner, und die Nationalmannschaft bucht bei solchen Turnierspielen traditionell immer den Rückflug für den nächsten Morgen. Dann ist die Freude nur um so größer.
Daß das deutsche Vorurteil über die vermeintlich leichtfüßigen, oberflächlichen, chaotischen Italiener ziemlich verkehrt ist, müßte ein Studium ihrer Fußballtaktik eigentlich klarstellen. Alles ist hier genau geplant, kein Team hält taktische Disziplin derart ein und baut zuerst auf Sicherheit. Wir kommen aus der Armut, wir mußten mit wenig auskommen - so erklären Mentalitätshistoriker den Catenaccio. Und nicht mal ihre Lieblingsdisziplin, das Jubeln, will den Italienern mehr richtig gelingen, selbst ihre berühmten Autocorsi rollen bislang mit angezogener Bremse, dazu ist der kollektive Abhörskandal einfach zu ernst, weil das Geflecht von mafiösen Strukturen in Fußball, Banken, Mafia, Adel, Politik und Medien vielen Italienern einfach nur peinlich ist. Besser erst mal kein Aufsehen erregen.
Nur ein bißchen „rispetto“
„Wir sind eben so, es wird sich nichts ändern“, beteuern in solchen wiederkehrenden Skandalphasen viele Italiener mit resignativem Masochismus. Die Offenbarung der eigenen Schwäche, die Anklage der brutta figura ist tief empfunden und zugleich eine Gesprächstaktik, mit der die Italiener stets weit gekommen sind. Meist unterschätzt und geschmäht, haben die Auswanderer in aller Welt ihre italienische Lebensart durchgesetzt, wie die Italiener in Europa aus ihrer industriellen Rückständigkeit und Mauschelpolitik zu einem veritablen Wirtschaftswunder durchgestartet sind. Ähnlich schlau nutzte der Obermotivator und Mittelfeldterrier Gennaro Gattuso eine infantile Satire auf das vermeintliche italienische Schmarotzertum im Internetforum des „Spiegels“ zu einer pathetischen Frage der Ehre: Seine kalabresischen Eltern und Onkel - haben sie es nach der armseligen Schufterei in Deutschland verdient, sich nun auch noch verhöhnen zu lassen? No! Wirklich beleidigt wirkte der verschmitzte Gattuso nicht gerade, aber so motiviert man eine Mannschaft, die sich gegenüber den deutschen Gastgebern ohnehin benachteiligt sieht und daher grimmig agieren will wie angeschossenes Wild.
Was die Italiener von ihren deutschen Geistesbrüdern begehren und in jedem Fall verdienen, ist „rispetto“. Spüren sie den, wird es mit dem deutsch-italienischen Fußballkrieg nicht so arg werden, denn kriegerische Attitüde ist auch den jungen, selbstbewußten Italienern - trotz des martialischen Textes ihrer Mameli-Hymne - äußerst fremd. Und haben die Italiener nicht unter Verzicht auf kategorisches Berserkertum, anders als die Deutschen, ihr wunderschönes Land vor der Zerstörung bewahrt? Letztlich begreift man in der römischen Kultur des Gebens und Nehmens darum auch ein Fußballspiel als Ritual, als soziale Tatsache, als Ausdruck des ewigen Interessenkonfliktes zwischen Menschen, mit denen man reden, gestikulieren, handeln, ja sogar spielen kann, bevor man sich Böses antut. Fußballkrieg ist nur etwas für Barbaren, zu denen man die Deutschen in ihrer von Klinsmann attestierten „bestechlichen Form“ nun wirklich nicht mehr rechnen möchte.
Was uns heute abend erwartet, ist also kein Kampf auf Leben und Tod, sondern allerhöchstens eine kleine Meinungsverschiedenheit, die sich unter Freunden klären läßt. Klose und Podolski müssen nur mit ein paar Toren ein Angebot machen, das kein vernünftiger Italiener ablehnen kann. Auch der deutsche Papst in Rom, dem als Anhänger der Trinität eine doppelte Loyalität keinerlei Probleme bereiten dürfte, blickt darum völlig entspannt nach Dortmund. Mit Blick von den Hügeln der Ewigen Stadt relativieren sich nämlich alle familiären Zwistigkeiten auf dem flachem Rasen. Die Fleischwerdung der deutsch-italienischen Symbiose, der treudeutsche ARD-Commissario Brunetti in Venedig, hat sich entsprechend für die pragmatische Austragung dieses Konfliktes entschieden. Schauspieler Uwe Kockisch kündigte uns an, heute abend nach den Dreharbeiten auf seinem Balkon die Flaggen beider Länder herauszuhängen. Schließlich haben Deutschland und Italien immer nur mit- und nie gegeneinander gewonnen.