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Fußballschuhe Die Berechnung des Unberechenbaren

13.06.2006 ·  Schneller laufen, höher springen, härter schießen: High-Tech an den Füßen soll den Spielern zum Erfolg verhelfen. Obwohl sie mit zahlreichen positiven Eigenschaften ausgestattet sind, sind die Fußballschuhe von heute ein Hauch von Nichts.

Von Walter Wille
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Grasgrün mit Rasendekor! Darauf muß man erst einmal kommen. In diesen ersten Tagen der Weltmeisterschaft sieht es um die Füße mancher Spieler herum plötzlich merkwürdig aus. Männer von der Elfenbeinküste, aus Polen, Portugal, Ekuador, Togo, Paraguay oder Iran laufen in Schuhen mit Rasentarneffekt herum. Weitere werden folgen. Auffallen durch Unauffälligkeit - und einen weißen Puma-Streifen, der nun besonders deutlich hervorsticht. Das ist das verrückteste Design, seit es Stollen unter der Sohle gibt.

Auch nicht schlecht: Poldi neulich in einer seiner letzten Bundesliga-Partien für den 1.FC Köln, wie er in seinen ganz neuen, extrem auffälligen Adidas-Schuhen in Neongelb einen Freistoß in den Torwinkel drischt, ein ganzes Wochenende lang immer wieder zu sehen in Zeitlupe. Besser kann es nicht laufen für die Marketingstrategen eines Anbieters. Oder Thierry Henry im Finale der Champions League, dessen schwereloser Laufstil den Blick geradezu hypnotisch auf seine Füße lenkt. Was sieht man dort? Minimalistisch blütenweiße Nike-Schuhe mit roter Ferse. So was mag man gar nicht mehr als Schuhwerk bezeichnen. Eher als Kunstwerk des Purismus.

Und doch ist mehr nötig

Die Jugend will haben, was die Idole vorführen. Geschickte Werbung, extravagantes Design, modisches Gespür entscheiden über den Erfolg am Markt. Und doch ist mehr nötig als nur großer Werbewirbel. Die Kundschaft honoriert technische Raffinesse. Die Entwicklung des Fußballschuhs, darin sind sich die großen Anbieter einig, ist jahrzehntelang nur schleppend verlaufen und (anders als zum Beispiel im Fall des Laufschuhs) erst spät - in den neunziger Jahren - richtig in Schwung gekommen.

Stellt man den ersten Adidas „Predator“ von 1994 neben ein Exemplar des Jahrgangs 2006, glaubt man kaum, daß wenig mehr als zehn Jahre dazwischenliegen. Es sieht nach Jahrzehnten aus: hier der grobschlächtige Treter, dort die filigrane High-Tech-Konstruktion. Entsprechend sind die Preise durchgestartet. Spitzenmodelle liegen heute bei 200 Euro. Da kommen Eltern von Nachwuchs mit Ambitionen und wachsenden Füßen die Tränen.

Mit berechnender Genauigkeit genähert

Die Industrie macht heute eine Wissenschaft aus dem Fußballschuh. So forscht seit 1998 Professor Ewald Hennig vom Biomechanischen Institut der Universität Essen für den amerikanischen Nike-Konzern. Der Professor und seine Mitarbeiter haben sich dem scheinbar unberechenbaren Spiel mit berechnender Genauigkeit genähert, um zu erfahren, was den modernen Fußball ausmacht, wie sich der Sport verändert, welche Eigenschaften ein Schuh mitbringen sollte: Testspiele mit GPS am Hüftgurt, um Laufwege und -geschwindigkeiten zu bestimmen; Analysen von vielen tausend Spielszenen der Weltmeisterschaften von 1998 in Frankreich und 2002 in Asien, um herauszufinden, wo der Ball den Fuß trifft, wie geschossen, wie gepaßt wird; Laboruntersuchungen sowie ausgedehnte Feldversuche mit sprintenden Sportlern im Hütchenparcours zwischen Lichtschranken. Und obendrein natürlich Befragungen von Spielern unterschiedlichsten Könnens, um herauszufinden, was die eigentlich selbst von ihrem Arbeitsgerät erwarten. Das Ergebnis hat Hennig etwas überrascht: Komfort und Bequemlichkeit landeten weit vorn, erst mit Abstand folgten Griffigkeit auf dem Rasen, guter Halt des Fußes im Schuh sowie Gefühl für den Ball.

Wie ein stromlinienförmiger Hochgeschwindigkeitszug

Hält man sich einen 200 Euro kostenden „Mercurial Vapor III“ vor die Nase, sieht er von vorn aus wie ein stromlinienförmiger Hochgeschwindigkeitszug. Das Spitzenmodell von Nike, einem Sprinterspike aus dem Laufsport nachempfunden, ist das Ergebnis des Bestrebens, Gewicht zu vermeiden, wo immer das möglich ist. Nur 242 Gramm hat ein Probeexemplar der Größe 44 mit Kunststoffnocken auf unsere sensible Küchenwaage gebracht. Die Absicht, die mit einem solch abgemagerten Schuh verfolgt wird, ist klar: den Spieler schneller zu machen, damit er eher am Ball ist (und sei es nur um Millisekunden), seinen Antritt, seine Beschleunigung zu fördern. Darüber hinaus, erklärt Hennig, bedeute weniger Masse einen geringeren Krafteinsatz, weniger Ermüdung und einen härteren Schuß: „Es ist nicht so, daß man die Masse des Fußballschuhs braucht. Mit weniger Gewicht wird der Fuß schneller und dadurch der Schuß härter.“

Als Obermaterial hat man ein extrem leichtes, glattes Synthetikmaterial gewählt, das dem Känguruhleder nachempfunden ist und sich eng an den Fuß anschmiegt. Neben geringem Gewicht machen dem Professor zufolge auch die Traktionseigenschaften und ein paßgenauer Fersenhalt einen Schuh schneller. Die Stollen sind asymmetrisch angeordnet, was den Halt auf dem Rasen verbessern soll, mit einer speziellen Formgebung soll ein „Selbstreinigungseffekt“ erzielt werden, damit keine Erde hängenbleibt. Die Ferse steckt in einer Art Schalensitz, nach Angaben der Entwickler vom Autorennsport inspiriert: ein separat gefertigtes Bauteil aus Kunststoff, das sich nach oben hin verjüngt und die Hacke hält, damit beim Laufschritt alles fest sitzt und nicht das geringste bißchen Energie verschwendet wird. Außen herum soll eine Fersenhülle aus Kohlefaser für eine optimale Druckverteilung sorgen, zur Stabilisierung der Sohle im hinteren Teil wird ebenfalls Karbon verwendet. Das einzige, was konservativ wirkt am „Mercurial Vapor III“, ist die Lochschnürung oben auf dem Spann. Die Schnürsenkel befinden sich also nicht asymmetrisch auf der Außenseite und haben auch keine Abdeckung, wie es seit einiger Zeit häufig zu sehen ist. Hennig hält den Einfluß der Schnürsenkel-Unebenheiten auf die Schußgenauigkeit für gering.

Solche Eigenarten sind Ansichtssache

Ob solche Eigenarten reine Modeerscheinungen oder vielleicht doch ganz nützlich sind, ist Ansichtssache. Bei Puma zumindest sieht man das ein wenig anders. Das Flaggschiff im Modellprogramm, der futuristische „v1.06“ für 165 Euro, den es nun auch in Grasoptik gibt, hat eine Seitenschnürung - zugunsten einer größeren glatten Trefferfläche und höherer Treffsicherheit, wie Uli Kick, Fußball-Marketingmanager in Herzogenaurach, sagt. Der Schnürsenkel verläuft statt durch Löcher durch Laschen und macht sich somit besonders flach, die Zunge wurde eingespart und durch ein Stück elastischen Stoff als Unterlegung der Schnürung ersetzt. Mit dem „v1.06“ ist nach Kicks Worten in dreijähriger Entwicklungszeit der Leichtbau auf die Spitze getrieben worden, für eine ganz bestimmte Zielgruppe: „Viele der Profis wollen möglichst wenig am Fuß haben.“

Ein ausgewachsenes Exemplar in Größe 44 bringt, trotz Alu- statt Kunststoffstollen, gerade einmal rund 235 Gramm auf die Waage. Beinahe die unglaubliche Leichtigkeit eines Badeschlappens. Maßgabe ist es, „den Spieler schneller an den Ball zu bringen“. Dafür wird kein Aufwand gescheut. Die zwölf von Puma für die WM ausgestatteten Nationalmannschaften laufen mit im Windkanal getesteten Trikots mit, so wird behauptet, besonders geringem Luftwiderstand auf. Die Nähte werden nicht mehr durch Fäden zusammengehalten, sondern verklebt, der Kragen ist vorn höher und hinten tiefer als üblich, zum Zwecke höherer Windschnittigkeit. Die aerodynamischen Vorteile, beteuert Puma, seien tatsächlich meß- und nachweisbar. Der Stoff soll äußerst leicht sein. Aber wenig elastisch: Das soll das Ziehen, Zupfen und andere Gemeinheiten erschweren.

Die Fersenverstärkung ist ein aufgesetzter „Käfig“

Zurück zum „v1.06“-Schuh: Dessen Obermaterial besteht aus einer neuartigen, gewebten „ConTec“-Synthetikfaser - mit 0,4 Millimeter Materialstärke viel dünner als Leder (0,9 Millimeter) -, die Regenwasser abperlen läßt. Für die Sohle nimmt man eine Karbonplatte, die Fersenverstärkung ist ein von außen aufgesetzter „Käfig“ - eine Rahmenkonstruktion mit Aussparungen zur Gewichtsreduzierung. Durch einen neuen Leisten (die Form, auf der der Schuh modelliert wird) ist der Schuh an der Fußspitze nicht mehr annähernd rund, sondern paßt sich enger an die kleineren Zehen an - was ebenfalls Materialüberstände und somit das eine oder andere Gramm einspart. Eng wie ein Handschuh soll er anliegen.

Derart filigrane High-Speed-Treter sind nicht jedermanns Sache, zumal sie nicht den Schutz solider Lederschuhe bieten können. Spielmacher, Techniker, schnelle Außenstürmer zählen zur Zielgruppe. Für andere Vorlieben haben sämtliche Anbieter konventionellere, in der Regel auch etwas günstigere Produktlinien im Programm, aus Leder oder auch synthetischen Materialien, die mehr auf Sicherheit und Dämpfung getrimmt sind. Es mag auch nicht jeder mit auffällig schriller Ausrüstung an den Füßen herumlaufen.

Manch einer sucht ein Alleinstellungsmerkmal

Stämmige Defensivleute, Nordeuropäer und ältere Kameraden neigen zum neutralen Schwarz, stellt die Industrie fest. Virtuose Angreifer, Südländer und Jugendliche haben mehr modischen Mut. „Die Funktion ist wichtig, aber bei der Generation der jungen Spieler hat auch das Design eine enorme Bedeutung“, weiß Matthias Mecking, Marketingmanager bei Adidas. Manch einer sucht gar ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Mannschaft. Viele der Besten tragen Sonderanfertigungen, die Bandbreite reicht von einem Kahn, der ein unscheinbares Modell auf Basis des „World Cup“ von 1978 trägt, über Kaka mit dem Schriftzug „Jesus in first place“ auf der Lasche bis zu Beckham mit persönlicher Sonderfarbe, eigenem Logo, den Namen seiner drei Söhne auf der Schuhseite, dem eigenem Autogramm sowie Initialen und Trikotnummer als Stickerei auf der Ferse.

Adidas hat sich, wie seine Konkurrenten, ausgiebig mit der Frage beschäftigt, ob es sinnvoll sein könnte, für bestimmte Spielertypen, die auf bestimmten Positionen eingesetzt werden, Schuhe mit speziellen Eigenschaften anzubieten, und dafür umfangreiche Studien über Bewegungsabläufe vorgenommen. Das Ergebnis lautete: nicht nötig. „Ein Verteidiger muß genauso wendig sein wie ein Stürmer, er benötigt ebenso viel Unterstützung und Halt“, sagt Mecking. Das Spitzenmodell „Predator“ hat seit 1994 enorm abgespeckt von ehemals knapp 500 auf heute rund 300 Gramm. Für die neueste „Predator“-Generation hat man abermals das Gewicht optimiert, allerdings mit Absicht keinen radikalen Leichtbau betrieben, weil, wie Mecking sagt, „ein zu leichter Schuh nicht genug Sicherheit bietet“.

„Wo es schwierig wird für Steigerungen“

Der „Predator Absolute“ (200 Euro) hat einen Lederanteil am Schaft von etwa 60 Prozent, und zwar dort, wo die meisten Ballkontakte stattfinden. Sein Schnürsystem ist asymmetrisch angeordnet, eingearbeitete Gummielemente am oberen Vorfuß sollen dem Schuß Kontrolle und Effet verleihen. Eine Besonderheit ist die „Power Pulse“-Technik, eine austauschbare Innensohle, mit der das Schuhgewicht um etwa 30 Gramm zu verändern ist. Mit der leichten Einlage wiegt ein Schuh mit Alustollen der Größe 44 gemessene 306 Gramm, mit der schwereren, in die ein Metallstück eingearbeitet ist, 338. Die zusätzlich Schwungmasse - nah an der Stelle, an der der Schuh den Ball trifft - soll es dem Spieler ermöglichen, mehr Kraft in den Schuß zu legen. Hier verfolgt Adidas also einen anderen Ansatz als die Rivalen.

Mecking sieht die Entwicklung des Fußballschuhs inzwischen an einem Punkt, „wo es schwierig wird für Steigerungen“. Dennoch gingen die Überlegungen, wie man Spieler in die Lage versetze, schneller zu laufen, höher zu springen, fester zu schießen, schneller zu drehen und länger durchzuhalten, aber natürlich weiter - immer auch mit dem Ziel, das Verletzungsrisiko zu mindern. Einen Trend für die Zukunft sieht der Adidas-Fachmann in der „Modularisierung“ der Produkte, also der Möglichkeit, die Schuhe umzubauen und somit den Platz- oder Wetterverhältnissen, der modischen Stimmungslage des Nutzers oder der Farbe des Trikots anzupassen. Der neue „+F50 Tunit“ von Adidas ist ein Vorreiter in dieser Hinsicht. Das ist ein Baukasten aus Schäften (Oberbau) verschiedener Farben und Klimaeigenschaften, mehreren Chassis-Varianten mit unterschiedlichen Merkmalen in Dämpfung, Flexibilität und Gewicht sowie diversen Stollen-Sätzen. Alles frei kombinierbar.

Liverpools Cisse, der bedauernswerte Franzose, der wegen einer Verletzung die WM verpaßt, hat das schon vorgeführt: erste Halbzeit Gelb an den Füßen, in der Pause links auf Schwarz gewechselt und rechts auf Rot. Viele kleine Cisses werden es ihm bald nachmachen wollen. Möge der Fußballgott ihren Trainern Gelassenheit gewähren.

Quelle: F.A.Z., 13.06.2006, Nr. 135 / Seite T1
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