02.07.2006 · Das Viertelfinale gegen die brasilianische Prominentenauswahl war eine der größten Vorstellungen von „Zizou“, der weißen Katze. Deutschland erlebt die Renaissance des französischen Fußballs, ein grandioses Déjà vu dank Zidane.
Von Michael Eder, FrankfurtEs war die 67. Minute, als der Ball auf dem linken Flügel zu Zinedine Zidane kam. Der Kapitän der französischen Nationalmannschaft lief mit ihm am Fuß quer über den Platz. Drei Brasilianer hechelten neben ihm, keiner traute sich, ihn anzugreifen. Das hatten sie schon so oft versucht in diesem Spiel, und es hatte immer mit einer Peinlichkeit geendet. Zidane lief also quer über den Platz, er hob den Arm und deutete auf den Flügel rechts draußen, dort, hieß die Geste, dort ist Platz, dorthin will der Ball, aber dort ist niemand, nur leerer Raum. Quel malheur!
Dann schlug er einen Haken, drehte eine seiner berühmten Pirouetten und lief wieder zurück, zurück in Richtung linker Flügel, er änderte den Kurs des ganzen Spiels, die drei Brasilianer folgten ihm wie Hündchen an der Leine. Zidane lief nach links, drei, vier, fünf Meter, aber er spielte den Ball nicht in diese Richtung, wie es jeder getan hätte, nein, er drehte eine weitere Pirouette und lief wieder nach rechts - und dann hatte er, was er haben wollte: Sagnol war auf den rechten Flügel gelaufen, der tote Raum lebte, und Zidanes Paß erreichte den Kollegen mit selbstverständlicher Präzision. Diese Szene aus dem Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Frankreich und Brasilien hatte bei aller Spielkunst mit Fußball nur noch entfernt zu tun, sie war sichtbar gewordenes strategisches Denken.
Rolling Stone des Weltfußballs
Und es war nicht die einzige Szene einsamer Klasse, in der Zidane an diesem glorreichen französischen Abend die brasilianischen Weltmeister wie Anfänger aussehen ließ. Natürlich hatte er auch den Siegtreffer zum 1:0 in der 57. Minute durch Henry mit einem perfekt getimten Freistoß vorbereitet, aber das war mehr eine Pflichtübung gewesen. Die Kür fand nicht am ruhenden Ball, sondern in Bewegung statt. So gut wie jeder französische Angriff lief über Zidane, und der 34 Jahre alte Großmeister der Spielkunst packte in diese neunzig Minuten noch einmal alles, was es nach dieser WM nicht mehr geben wird.
Zidane wird seine große Karriere beenden. Vor acht Jahren hatte er das Pariser WM-Finale gegen Brasilien mit zwei Toren entschieden, und nun erteilte er den Brasilianern eine zweite bittere Lektion. Dabei war er längst abgeschrieben. Der dreimalige Weltfußballer des Jahres hatte bei den Hochrechnungen für diese WM keine Rolle mehr gespielt, er war der 34 Jahre alte Rolling Stone des Weltfußballs, ein Mann von gestern. Welch ein Irrtum!
Nach der WM ist Schluß
1998 hatte Zidane Frankreich zum Weltmeister gemacht und 2000 auch zum Europameister, und er hatte mit Real 2002 die Champions League gewonnen. Im August 2004 war er aus dem Nationalteam zurückgetreten, der beste Mittelfeldspieler der letzten Dekade wirkte müde, Real war zu einer Zirkustruppe verkommen, Zidane hatte die Lust verloren. Doch im August 2005, als die Equipe Tricolore die WM-Qualifikation zu verspielen drohte, kehrte der Charakterkopf auf die große Bühne zurück. Die WM sieht seine letzten Auftritte, danach ist Schluß, bei Real und für Frankreich.
Wenn man den künstlerischen Wert nimmt, dann war das Frankfurter Viertelfinale gegen die überschätzte brasilianische Prominentenauswahl vielleicht eine der größten Vorstellungen von "Zizou", der weißen Katze. Frankfurt jedenfalls erlebte die Renaissance des französischen Fußballs, ein grandioses Déjà vu dank Zidane. Er steuerte die Equipe Tricolore virtuos, aber nie stellte er sich in den Mittelpunkt, jede Drehung, jedes Kabinettstück hatte einen Sinn, es diente dem steten Fluß des Balles, den Zidane immer dort haben will, wo es den Gegner am meisten schmerzt.
Er war überall und nirgends
Oft spielte Zidane den einfachen Paß, ohne Schnörkel. Seine unglaublichen Zaubertricks packte er nur aus, wenn nötig. Dreimal in diesem Spiel hat er Brasilianer überlupft, sie hatten am Ende keine Lust mehr, mit ihm zu spielen. Dabei hatten sie versucht, ihn zu bekämpfen. Gilberto spielte in den ersten zehn Minuten Manndecker gegen ihn, aber das hat nicht funktioniert. Sie haben versucht, ihn auszuschalten, aber es ging nicht. Es war unmöglich. Er war wie an Zidanes größten Tagen: Wer ihn mit Tempo angriff, war verloren, wurde ausgetanzt und stehengelassen. Gilberto hat sich deshalb schnell verzogen. Juninho und Ze Roberto sollten sich nun im Wechsel um den Meister kümmern, aber sie konnten ihn nirgendwo stellen. Als wäre das Feld ein Schachbrett, veränderte Zidane seine Position, er rochierte nach links, nach rechts, in die Mitte, er war überall und nirgends. Nur seine Mitspieler suchten und fanden ihn, für sie war er der Rettungsring auf hoher See. War der Ball bei ihm, war alles gut.
Zidane spielte geduldig, keine Hast, kein Aktionismus wie bei Ronaldinho, er wartete auf die magischen Momente - wie kurz vor der Pause, als er nach einem brasilianischen Ballverlust die große Chance gekommen sah: Auf engstem Raum und in höchstem Tempo spielte er im Mittelfeld drei Gegner aus und zelebrierte den tödlichen Paß. Vieira war auf dem Weg zur Führung, als ihn die Brasilianer umtraten.
„C'est Zidane“
Ronaldinho? Kaka? Zidane hat den Buben in Frankfurt noch einmal gezeigt, wie man richtig Fußball spielt. Gegen den großen Magier schrumpften die brasilianischen Superstars an diesem Abend zu Zauberlehrlingen. Die Begeisterung um seine Vorstellung wollte am Ende nur einer - zumindest öffentlich - nicht teilen. Gefragt, wie er die grandiose Leistung Zidanes kommentiere, antwortete der französische Nationaltrainer Domenech mit einer Gegenfrage: "Seine Leistung hat Sie überrascht? Mich nicht. C'est Zidane."
C'est Zidane - ob er sein Frankfurter Fußball-Meisterwerk im Halbfinale noch einmal wiederholen kann, wer weiß? Aber gegen Brasilien wirkte er, als habe er einen Traum, den er mit aller Macht verwirklichen will. Nach ein paar öden Jahren in Madrid will er noch einmal zeigen, was er kann, was diese Mannschaft kann. Die alten Weggefährten, Vieira vor allem, und die aufstrebenden Jungen sind eine Equipe ganz nach den Vorstellungen des Meisters. Keine egomanen Selbstdarsteller wie bei Real, dafür ein beeindruckendes Kollektiv mit einer erstklassigen Defensive um die famosen Vieira und Gallas. Die Franzosen kämpfen und rennen und schuften - und wenn sie den Ball haben, legen sie ihn Zidane zu Füßen.
Glück für Frankfrika, Pech für Brasilien
Fritz Danneberg (F.Danneberg)
- 02.07.2006, 20:11 Uhr
Zidane vs. Rethy? 5:0
Thomas Seifert (Thomas_Seifert)
- 03.07.2006, 00:34 Uhr
So schnell ändert sich alles ...
Ricardo Salva (RicardoSalva)
- 03.07.2006, 00:37 Uhr