„Urs schaut ein paar Tage vorbei“, so Oliver Bierhoff. Wenn der Teammanager das sagt, kommt bei der Nationalmannschaft die hohe Kunst der Wahrscheinlichkeits-Rechnung ins Spiel. Mit Urs ist der Schweizer Urs Siegenthaler gemeint, der als Wettkampfbeobachter dem Trainerstab um Jürgen Klinsmann Hinweise über die mögliche Spielweise der bevorstehenden Gegner bei der Weltmeisterschaft geben soll. Beim Trainingslager in Genf wird also nicht nur gerannt, gestemmt und gesprungen - auch in der Kopfarbeit müssen sich die Nationalspieler beweisen, wenn die Erkenntnisse einer „Konkurrenzanalyse“ ins eigene taktische Verhalten auf dem Platz einzufließen haben.
Der moderne Fußball bedient sich immer intensiver der Sportwissenschaft. Das hat man auch in Deutschland gemerkt. Es war bei seiner Amtsübernahme einer der Punkte auf der Agenda von Bundestrainer Klinsmann, dieses Arbeitsfeld stärker zu betonen, um sich im WM-Ernstfall gegenüber den anderen Mannschaften vielleicht ein paar Promillepunkte mehr auf der Leistungsskala zu erkämpfen. „Hier sind wir sehr gut aufgestellt und relativ weit“, glaubt Klinsmann. Ob die Analyse von Siegenthaler am Ende wirklich zu einer höheren Leistungsfähigkeit der einzelnen Mannschaftsteile führen wird, hängt von der richtigen Interpretation ab und davon, wie erfolgreich die Erkenntnisse den Spielern vermittelt werden können. Auf daß sie die Informationen praktisch umsetzen. „Dieser Job liegt jetzt in der Hand der Trainer“, sagt Siegenthaler.
WM-Input kommt von Sportstudenten
Er hat sein Werk getan. Fest steht: Noch nie stand einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft ein so umfangreicher Datensatz über das gegnerische Spielverhalten zur Verfügung. Unterstützt wird Siegenthaler von Studenten der Sporthochschule Köln, die unter Leitung des Sportwissenschaftlers Jürgen Buschmann alle WM-Mannschaften und „98 Prozent“ der WM-Spieler, wie Buschmann sagt, unter die Lupe nahmen. Technische Stärken, Schwächen, Vorwärts- und Rückwärtsbewegung der einzelnen Mannschaftsblöcke, Schlüsselspieler, Zweikampfverhalten, Laufwege, Fußstellungen und sogar die psychische Belastungsfähigkeit - viele Details wurden penibel zusammengetragen. Entweder werteten die Mitarbeiter Videomaterial aus, oder sie zeichneten Spiele selbst auf.
Buschmann hält sich allerdings mit qualitativen Einschätzungen dieser Tage bedeckt, doch eine Erkenntnis ist: „Die asiatischen Mannschaften haben noch mal einen Riesensprung gemacht.“ Mehr sagt er nicht zu den anderen Mannschaften und Spielern, so lautet die Abmachung mit seinen Auftraggebern.
Computergestützte Kurzdossiers
Die Studenten leisten den WM-Input ohne finanzielle Gegenleistung. Die meisten von ihnen erhoffen sich ein interessantes Thema für die Diplomarbeit und mögliche Folgeaufträge - dann aber professioneller Art. Bedingung für die Mitarbeit war, selbst in einem höherklassigen Verein Fußball zu spielen; dem Team gehören zwei Bundesligaspielerinnen an. Ergebnis der monatelangen Sichtungsarbeit sind computergestützte Kurzdossiers und Videosequenzen auf DVD über Spieler und Mannschaften bei dieser Weltmeisterschaft. Während des Turniers wird die Projektgruppe im Auftrag der Nationalmannschaft ihre Beobachtungen fortsetzen und in komprimierter Form weitergeben. „Urs Siegenthaler ist der Filter“, sagt Buschmann. Womit man wieder bei der Vermittlung dieser vielen, vielen Informationen an die Spieler wäre. Wohl die größte Herausforderung dieser wissenschaftlichen Zuarbeit, deren Erfolg sich schon beim Trainingslager in Genf zeigen soll.
Aber auch die deutschen Nationalspieler werden analytisch durchleuchtet. Ein Sensorensystem der Düsseldorfer Firma Mastercoach von acht Bewegungsmeldern, die den Platz in acht Sektoren aufteilen, registriert im Stade de Geneve jede Aktion. Es gibt Hinweise auf die Laufwege der Spieler, wie viele Sprints sie machen und wie viele Ruhephasen sie einlegen. Diese untrüglichen Augen, die schon in früheren Testspielen eingesetzt wurden, liefern Daten, die im zweiten Schritt in ein zweidimensionales Abbild der Geschehnisse auf dem Platz münden. Dieses kann von den Trainern auf einer speziellen Computer-Software in kurze Sequenzen zusammengeschnitten werden und dient dann der Mannschaft als Anschauungsmaterial. „Da können wir den Spielern bildlich zeigen, wo sie Fehler gemacht haben“, sagt Bierhoff. Und Jens Nowotny ergänzt: „Der gläserne Spieler, das wird die Zukunft des Fußballs sein.“
Die vollkommene Kontrolle. Bundestrainer vergangener Zeiten hätten ein solches Sensorensystem wohl anders genutzt. Es wäre eine willkommene Hilfe gewesen, nächtliche Ausflüge der vom Lagerkoller geplagten Profis zu unterbinden.
