03.07.2006 · Statistisch kann man die Ausstrahlungskraft der Fußball-WM kaum ermessen. Denn die vier Wochen der neuen deutschen Leichtigkeit des Fanseins wirken, so pathetisch es klingt, rund um den Globus. Sogar bis in den Südosten Afghanistans.
Von Michael HanfeldEs war schon etwas seltsam, in ein Land zurückzukehren, das sich in drei Wochen derart verändert hat. Fast kein Lamento, kollektive Freude pur, Fußball als verbindende Deutungsmacht, die Mentalitätsforscher binnen Tagen um Jahre zurückwirft. Eine Jugend- und Kinderbewegung zumal, die Grönemeyers verqueren Wunsch aus den Achtzigern, die „Kinder an die Macht“ zu bringen, durch Klose-Tore wahr werden läßt. Vom Nachwuchs lernen heißt dieser Tage, sich vom Taschengeld des Jüngsten erstandene Deutschlandfähnchen ans Auto zu pappen, um für den Korso gerüstet zu sein. Dabei wissen die Freudestrahler in den Stadien und mehr noch in den Public-Viewing-Arenen vielleicht noch nicht einmal, was sie tun. Ihre vier Wochen Leichtigkeit des Fanseins wirken, so pathetisch es klingt, rund um den Globus.
Das merkt man, wenn man einmal am anderen Ende der Welt fernsieht. Das erste Vorrundenspiel gegen Costa Rica zum Beispiel haben wir in Dschalalabad gesehen, im Südosten Afghanistans, wo es selten Strom und noch weniger Fernseher gibt. Doch es ließ sich einer beschaffen, und daß den Kommentar der Dieselgenerator übertönte, der eigens dafür angeworfen wurde, störte auch nicht weiter. So fiel es leichter, dem alten Mullah neben uns eine Weile lang weiszumachen, die Deutschen hätten gerade die Amerikaner mit 4:2 besiegt. Freude allerorten. Und ansonsten: positive Neuigkeiten aus und über Deutschland noch und noch, im afghanischen wie pakistanischen Fernsehen, das nicht viele Gelegenheiten hat, die Zuschauer mit Nachrichten zu erfreuen. Jetzt aber gibt es Berichte, die ein Land beschreiben, das wie aus der Welt gefallen scheint.
Die Quoten ad acta legen
Wenn zwanzig Millionen Menschen in Deutschland derzeit ein Spiel der Nationalmannschaft sehen, sagte uns der ZDF-Moderator Johannes B. Kerner kürzlich, heißt das doch: Sechzig Millionen schauen nicht zu. „Das glaube ich nicht.“ Das glauben wir auch nicht. Scheint es doch vielmehr so zu sein, daß das einzige, was bei dieser WM nicht funktioniert, die Vermessung des Publikums ist. Denn es werden von den Quotenforschern ja nicht nur die Hunderttausende nicht erfaßt, die zum Public Viewing strömen - 700.000 in Berlin, 70.000 in Frankfurt -, sondern auch all diejenigen, die nicht alleine, aber in sonst unüblichen Kleingruppen vor dem Bildschirm hocken. Insofern können wir die Quoten ad acta legen - der Fußballtaumel ist größer, als die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg (GfK) ermitteln kann.
Das ZDF hat darum das Umfrageinstitut Forsa mit einer zusätzlichen Untersuchung beauftragt, bei der herauskam, daß man etwa zu den rund zwanzig Millionen Zuschauern des Spiels unserer Mannschaft gegen Costa Rica noch einmal zwölf Millionen hinzurechnen darf, die außer Haus zugesehen haben. Das sind immerhin sechzig Prozent mehr als nach dem üblichen Maßstab ermittelt. Beim Spiel Deutschland gegen Polen (23,89 Millionen) soll man laut ZDF noch einmal knapp elf Millionen Fans dazunehmen, zu den 22,34 Millionen, welche die Begegnung mit Schweden sahen, kämen demnach sogar fast sechzehn Millionen Zuschauer hinzu. Um bis zu siebzig Prozent, erklärt das ZDF auf Anfrage, müsse man die Quoten nach oben korrigieren - der Fußball treibt die Leute aus dem Haus, und das nicht nur bei den Spielen von Klinsmanns Truppe.
Auf verlorenem Posten
Und die Zuschauer sehen, sehen, sehen bis tief in die Nacht, wenn im ZDF „nachgetreten“ wird und in der ARD Waldemar Hartmann zum Nachttarock bittet. Marktanteile von bis zu dreißig Prozent holen diese Abfallprodukte der Fußballfernsehtage, was man mit der Qualität des Gebotenen wahrlich nicht erklären kann - zotige bis rassistische Flachwitze im ZDF und eine durch den Kabarettisten Dieter Nuhr mühsam aufgepeppte Altherrenrunde in der ARD, die man nur im zu dieser Stunde angemessenen Halbdämmer erträgt.
Apropos Kabarett: Der „Scheibenwischer“ vom vergangenen Donnerstag war ein Tiefpunkt des Fernsehjahrs, hatten die Kollegen sich doch offenbar fest vorgenommen, den Leuten die Stimmung zu vermiesen. Trauriger Höhepunkt war der erste Auftritt von Richard Rogler anstelle von Georg Schramm. Wer an solchen Tagen fordert, die Bundeswehr abzuschaffen, und sich an Angela Merkels „Sanierungsfall“ Deutschland abarbeitet, hat nicht nur einen schweren Stand, sondern steht verdientermaßen auf verlorenem Posten. Ob die überhaupt begreifen, was in diesem Land gerade passiert?
Wahrscheinlich nicht, genausowenig wie die beiden trüben Tassen Gerhard Delling und Günter Netzer in ihrem weltabgewandten WDR-Studio. „Vielleicht rede ich ja bald gar nicht mehr mit Ihnen“, sagte Netzer zu Delling an dem Abend, an dem Argentinien seine Tragödie erlebte. Wir warten gespannt, wann Netzer seine Drohung wahr und dem tiefgekühlt-selbstreferentiellen Geplänkel ein Ende macht. Wobei wir dem ZDF fürs nächste Mal schon anraten möchten, auf den Schiedsrichter im großkarierten Hemd doch besser zu verzichten. Denn Urs Meier zeichnet mit einer solchen Begeisterung noch jedes kleine Karo seiner pfeifenden Kollegen nach, daß wir erwarten durften, er hätte auch noch die zwölfte gelbe und dritte gelb-rote Karte im Spiel Holland gegen Portugal ganz großartig gefunden.
Begeisterung in aller Welt
Wenn dann doch einmal inmitten des Jubels, gegen den Kerner im ZDF mächtig ins Mikro anschreien muß, profund analysiert wird, dann erledigt das der trotzdem unterhaltsamste Mann vom Fach, Jürgen Klopp. So sahen wir, wie beim 1:0 der Franzosen gegen Brasilien vier Abwehrspieler der Selecao, vom Mainzer Trainer rot umkringelt, dem Treiben in ihrem Strafraum taten- und bewegungslos zusahen. Nur zehn Minuten dürfen die Sender nach den Spielen, die sie übertragen, zur Analyse hernehmen. Mehr lassen die von der Fifa diktierten Verträge nicht zu, die zudem reglementieren, in welchem Umfang in den Nachrichten über die Begegnungen berichtet werden darf.
Nicht mehr als neunzig Sekunden lang etwa dürfen ARD und ZDF abends noch Bilder von den Begegnungen senden, die sie nachmittags gezeigt haben. Da wird jedes Bild einzeln abgerechnet. Die Sender schätzen sich schon glücklich, daß sie nicht mehr wie noch bei der WM 2002 in Japan und Südkorea nach den Spielen nur Standbilder zeigen dürfen. Wenn man bedenkt, welche Summen sie dafür ausgegeben haben - allein ARD und ZDF bezahlen für diese WM knapp zweihundert Millionen Euro -, ist das schon ein Witz.
Doch selbst die Fifa kann nicht verhindern, daß sich die Fans, die deutschen und die in aller Welt, diese Fußballweltmeisterschaft aneignen wie noch keine zweite. Die Mitarbeiter von Guido Knopps Zeitgeschichtsredaktion im ZDF sollen schon unterwegs sein, um die Stimmung in so vielen Interviews wie möglich einzufangen. Sie tun gut daran, denn vielleicht wohnt diesen vier Wochen etwas inne, das länger hält als bis zum 9.Juli, selbst wenn wir am Ende doch nicht Weltmeister werden. Auch wenn das jetzt undenkbar scheint. Sie sollten aber ruhig auch ein paar Reporter nach Afghanistan schicken, nach Borneo oder auf die Faröer-Inseln.
Die höchsten Fußballquoten
1. Deutschland - Argentinien
(WM-Finale 1990) 28,66 Millionen Zuschauer, ARD*
2. Deutschland - Tschechien
(EM-Finale 1996) 28,44, ZDF
3. Deutschland - Argentinien
(WM-Finale 1986) 27,02*, ZDF
4. Deutschland - Brasilien
(WM-Finale 2002) 26,54, ZDF
5. Deutschland - England
(WM-Halbfinale, 1990) 24,95*, ZDF
6. Deutschland - England
(EM-Halbfinale, 1996) 24,85, ARD
7. Deutschland - Argentinien
(WM-Viertelfinale 2006) 24,80, ARD
8. Griechenland - Portugal
(EM-Finale 2004) 24,77, ZDF
9. Deutschland - USA
(WM-Vorrunde, 1998) 24,37, ARD
10. Deutschland - Iran
(WM-Vorrunde, 1998), 24,32, ARD
(* Zuschauer in der alten Bundesrepublik. Die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung ermittelt seit 1985 die Quoten. Seit 1992 werden auch die Zuschauer in den neuen Bundesländern erfaßt.)
(dpa/F.A.Z.)