09.12.2005 · Bei der Präsentation der WM-Städte in Leipzig ist ein Plastikzylinder die einzige „Fifa-freie Zone“. Dort wird den Austragungsorten freie Hand zur Selbstdarstellung gewährt. Aber nur, wenn sie beharrlich darauf drängen.
Von Uwe Marx, LeipzigDaß so eine WM-Auslosung keine durchweg lustige Angelegenheit ist, erfuhren die rheinischen Frohnaturen aus Köln zwei Tage vor dem großen Ereignis. Da eröffnete der Internationale Fußball-Verband (Fifa) den Vertretern dieser WM-Stadt, daß etwas nicht stimme mit ihrer Präsentation in der Neuen Leipziger Messe. Es war nichts Großes: Es ging um einen roten Schal.
Darauf stand „Fastelovendfoßballspill“, also eine Verbindung von Karneval und Sport via Dialekt. Gedacht war das scheinbar harmlose Utensil als Geschenk für Besucher des Kölner Messestandes. Der Fifa aber ging diese Werbeoffensive nach einer anfänglichen Genehmigung dann doch zu weit. Sie wollte den Schal verbieten, weil eine große deutsche Kaufhauskette gleich nebenan exklusiv alle möglichen WM-Artikel verkauft - gegen Lizenzgebühr natürlich. Und weil Partner der Fifa mit allen Mitteln geschützt werden, sollte der Kölner Schal weg. Am Ende durfte er dann doch verteilt werden, insgesamt 2000 Stück.
Die Fifa hat alles fest im Griff
Die frühe Lehre für die unbedarften Rheinländer: Die Fifa hat in Leipzig, aber nicht nur dort, alles fest im Griff. Just am Donnerstag hat das Landgericht Hamburg entschieden, daß die Firma Ferrero für ihre Produkte die Marke „Deutschland 2006“ nicht benutzen darf. Den Markenschutz bekommen sogar die WM-Städte zu spüren, die sich in der sogenannten Glashalle der Messe präsentieren.
Auf genormten Flächen wird die Werbung in eigener Sache organisiert: eine runde Städtebühne für Berlin, München, Dortmund, Kaiserslautern und Co., etwa 25 Quadratmeter groß, mit einheitsgrauem Teppich ausgelegt, großformatigen Bildern an der Rückseite und kurzen Texten daneben; alle in englisch. Selbstverständlich mußte die Fifa alle Motive und alle Sätze gutheißen. Sogar die Zahl der Buchstabenanschläge war vorgeschrieben. Und natürlich durfte nur eine werbefreie Zone errichtet werden - wegen der Fifa-Sponsoren, die sich ihre Werberechte teuer erkauft haben und in Leipzig die zwölf kleinformatigen Städtestände großflächig umzingeln.
Würste in der Oase
Die größte Entfaltungsmöglichkeit haben die Städte noch in einem kleinen, durchsichtigen Plastikzylinder in der Mitte der Stände. Er ist die einzige „Fifa-freie Zone“, wie zu hören ist. Hier darf hinein, was als städtetypisch erachtet wird: Bunte Bären (Berlin), ein Stück vom Dom (Köln), der erste Spielervertrag von Fritz Walter mit 120 Mark Grundgehalt (Kaiserslautern), eine Skyline aus Pappe (Frankfurt) oder Drei im Weggla (Nürnberg) - was mit „Drei Würstchen in einem Brötchen“ übersetzt werden kann, im anglophilen Leipzig aber als „Three in a bun“ angepriesen wird.
Die Nürnberger haben ein besonderes Faible für Nahrungsmittel, was in Leipzig riskant ist. Sie dürfen als einzige Stadt etwas Eßbares verteilen, Lebkuchen natürlich. Das Monopol auf die Ausgabe von Lebensmitteln unter dem WM-Logo hat allerdings eine große amerikanische Fast-food-Kette. So wurde einer Stadt Weingummi in kleinen Plastiktüten, geformt wie Fußbälle, nicht genehmigt. Jetzt werden sie gelegentlich unterderhand ausgegeben.
Stand an Stand, Stadt an Stadt
„Die dürfen das eigentlich gar nicht“, heißt es prompt an einem Stand über die Nürnberger Gebäckverteiler. „Doch, doch“, wird dort versichert, „wir haben eben zäh verhandelt.“ Jetzt dürfen sie also ihre Lebkuchen anbieten, aber nur in neutralen Papiertüten, weil der Hersteller draufsteht - was vorgeschrieben ist, aber natürlich der Fifa nicht gefällt. Es ist ein Kreuz mit dem Vorstellen einer Stadt, wenn eine WM bevorsteht. Immerhin sind die Stände umsonst. Wäre es anders, hätte manch einer möglicherweise auf die Präsentation verzichtet. Diese Erfahrung machte die Fifa während des Confederations Cups im Sommer, der WM-Generalprobe, als einige Städte darauf verzichteten, sich - gegen Gebühr - vor den Stadien neben all den Sponsoren zu präsentieren. In Leipzig aber sind sie alle, Stand an Stand, mehr Kollegen als Konkurrenten, aber durchaus zum Seitenhieb fähig. „Die mit dem kaputten Stadion“, heißt es über die Vertreter von Kaiserslautern bei einem hämischen Nachbarn.
Und so verteilen sie in Einheitsstärke - maximal zehn Vertreter der Städte bei der Auslosung an diesem Freitag und zehn als Helfer an den Ständen - Broschüren, Aufkleber und kleine Geschenke. Besonders lebhaft wird es nach der Auslosung am späten Freitagabend zugehen, wenn alle Länderdelegationen wissen, wo ihre Mannschaften im Sommer spielen. Dann werden auch die meisten Bürgermeister der WM-Städte in Leipzig sein. Zwar waren sie alle zu einem Empfang der Fifa am Donnerstag abend eingeladen, aber kaum einer ist hingegangen. Unter 800 Ehrengästen falle es schließlich nicht weiter auf, ob ein Stadtoberhaupt nun da ist oder nicht. Die Zurückhaltung betrifft sogar partyaffine Repräsentanten. Auch Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin, reiste erst zur Auslosung an.
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