10.06.2006 · Als der Auftaktsieg der Fußball-Nationalmannschaft perfekt war, schwappte die Welle der Begeisterung bis zur deutschen Friedenstruppe in die 5.000 Kilometer entfernte afghanische Hauptstadt Kabul. Im Ernstfall wäre am Hindukusch aber ganz schnell Schluß mit lustig.
La Ola am Hindukusch: Als das 4:2 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in München gegen Costa Rica perfekt war, schwappte die Welle bis zur deutschen Friedenstruppe in die 5.000 Kilometer entfernte afghanische Hauptstadt Kabul. In der Bar „Wolfshöhle“ im Camp Warehouse feierten rund 200 mehrheitlich deutsche Soldaten der Nato-Schutztruppe so ausgelassen, daß ihr harter Alltag für einen Moment in den Hintergrund rückte.
„Die Atmosphäre ist großartig, besser als irgendwo anders auf der Welt. Sie verbindet unsere Truppe“, sagt Juliane Machatschek, die immer dann zum Fußball-Fan wird, „wenn Deutschland spielt“. Die Blondine ist eine von insgesamt 60 weiblichen Offizieren vor Ort. An diesem Abend war in dem Camp im Krisengebiet vieles anders als sonst. Sogar Bier war erlaubt, allerdings in Maßen. Ab 22 Uhr wurde der Ausschank gestoppt. „Wir haben den Alkoholkonsum schon beobachtet. Sie haben aber auch das Recht, Spaß zu haben“, erklärt General Christof Munzlinger, Kommandant der deutschen Truppen in der afghanischen Hauptstadt.
„Ich würde die Übertragung sofort stoppen“
Unterhaltung hatten seine Untergebenen ausgiebig und vor allem schnell. „Er ist drin, er ist drin“, tönte es schon nach sechs Minuten nach der 1:0-Führung durch Philipp Lahm aus dem Zelt, in dem an der Seite der Deutschen auch Franzosen, Briten, Mazedonier, Türken und Schweizer gebannt auf die Großbildleinwand starrten. Elf Minuten später beim 2:1 durch Geburtstagskind Miroslav Klose wurden erstmals deutsche Fahnen geschwenkt, begleitet von der lautstarken Forderung: „Wir wollen mehr, wir wollen mehr.“
Das Miteinander verschiedener Nationen nahm Christof Munzlinger mit großer Freude zur Kenntnis. „Das ist großartig, und ich hoffe, daß es bis zum Ende der WM anhält. Egal, wer gewinnt“, sagte der Kommandant, der den Blick für den Alltag aber nicht aus den Augen verlor: „Alles kann sich in diesen unsicheren Zeiten ganz schnell ändern. Ich habe immer die Tatsache im Hinterkopf, daß wir in Bereitschaft leben.“
Autogramme der Nationalspieler
Im Ernstfall wäre für den Truppen-Chef ganz schnell Schluß mit lustig: „Ich würde die Übertragung sofort stoppen.“ Aber so lange alles friedlich sei, könnten sich die Männer und Frauen weiter am Fußball erfreuen. Auch die Soldaten, die wegen Erkrankungen oder Verletzungen nicht mehr bei der Truppe sind, wurden nicht vergessen. Ein T-Shirt mit Unterschriften, das sie von den deutschen Nationalspielern zugeschickt bekommen hatten, wird zwischen den Abwesenden ausgelost. Bis dahin wird es im Lager in einer Glasvitrine aufbewahrt.
Im Camp Warehouse am Rande von Kabul befinden sich derzeit insgesamt rund 1.200 deutsche Soldaten. Ihre Aufgabe ist es, beim Wiederaufbau des zerstörten Landes zu helfen und gemeinsam mit den Verbündeten den Frieden in Afghanistan zu sichern. Als Teil der internationalen Friedenstruppe Isaf sind derzeit insgesamt knapp 2.800 Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan, der Rest ist in Mazar-i-Sharif im Norden des Landes stationiert. Deutschland stellt das größte Isaf-Kontingent. Seit Einsatzbeginn Anfang 2002 sind bei Anschlägen von Taliban-Milizen und bei Unfällen 18 deutsche Soldaten in Afghanistan umgekommen.