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WM-Fanartikel Fahnen, Trikots, Trillerpfeifen

23.06.2006 ·  Während der Fußball-WM herrscht Ausnahmezustand in Deutschlands Innenstädten. Und davon profitiert vor allem auch der Einzelhandel: Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) prognostiziert einen zusätzlichen Umsatz von 2 Milliarden Euro.

Von Petra Schlitt
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Die Szenen gleichen sich. Vor jedem Spiel stürmen die Fans der verschiedensten Fußballmannschaften in diesen Tagen die Geschäfte in den Innenstädten. Die Welt ist zu Gast in einem Land, das bisher mit starren Ladenschlußzeiten auf sich aufmerksam gemacht hat. Doch jetzt feiern die Fans eine große Konsumparty - zumindest, was den grenzenlosen Verkauf von Fanartikeln betrifft.

Bei Karstadt auf der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil herrscht schon mittags reges Gedränge dort, wo Trikots, Fahnen, Trillerpfeifen und diverse weitere Artikel angeboten werden, die ein Fifa-Logo oder Farben der teilnehmenden Nationen tragen. Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Brasilien interessieren sich zwei Japaner für musikalische Flaschenöffner und freuen sich über den auf Druck erklingenden „ole, ole“-Gesang. Kurz darauf versuchen die beiden „Ihr könnt nach Hause fahren“ mitzusingen. Und nebenan findet eine spanische Gruppe die Fifa-Weißbiergläser „guapa“ (schön).

Fahnen aus chinesischer Produktion

Ein junges deutsches Paar steuert zügig und mit entschlossenem Blick auf die angebotenen Fahnen zu. „Nehmen wir die?“ fragt die junge Frau. Zustimmendes Nicken. Beide eilen zur Kasse. „Hattet ihr etwa noch keine Fahne?“ fragt die Kassiererin mit einem Augenzwinkern. Klar, entgegen die beiden Fans: Ihr Auto sei bereits rechts und links beflaggt, und jetzt, vor dem Achtelfinale gegen Schweden, könnten sie beide kräftig mitschwenken.

Bis vor kurzem waren Fahnen aus chinesischer Produktion restlos ausverkauft. Nach den Deutschen kommen die Spanier mit ihren Weißbiergläsern an die Reihe. Die Kassiererin freut sich über die ansteckende Fröhlichkeit der Kundschaft. „Mit solchen Fans macht es richtig Spaß“, sagt sie und vergißt, daß der Arbeitstag noch bis 22 Uhr dauert.

Wenige Stunden später herrscht nicht nur in Frankfurt, sondern auch an den übrigen Austragungsorten des Spieltages wieder Ausnahmezustand in den Innenstädten. Tausende Fans sind vor Ort, wenn Brasilien gegen Japan, Kroatien gegen Australien, Italien gegen die Tschechische Republik und Ghana gegen Amerika spielen. Gekauft wird überall - in den Einkaufsstraßen, den Fanmeilen und rund um die Stadien.

„Der Abverkauf läuft sensationell“

„Wir hatten die Lager gut gefüllt“, sagt Karstadt-Pressesprecher Jörg Howe. „Seit dem ersten Tag läuft der Abverkauf sensationell.“ Der Deutsche Fußball-Bund erwartet laut einer Studie mindestens 1 Million ausländische Fußball-Touristen. Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) prognostiziert einen zusätzlichen Umsatz von 2 Milliarden Euro, der vor allem in den zwölf WM-Austragungsorten in die Kassen fließen soll.

„Vor der WM waren die Fahnen der Ladenhüter“, sagt HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr. Jetzt rechtfertigen sie offenbar die längeren Öffnungszeiten. Denn nach Beobachtung des Verbands sind die Geschäfte in den guten Innenstadtlagen auch nach 20 Uhr noch gut besucht. „Fan- und Sportartikel, aber auch Unterhaltungselektronik laufen gut“, sagt Pellengahr, räumt aber auch ein, daß sich die Kaufgewohnheiten der Deutschen nicht während einer vierwöchigen WM komplett ändern.

Offizielle Zahlen nennt niemand. Auch den Umsatz mit Fanartikeln wollen weder Karstadt-Quelle noch die Konkurrenz beziffern. „Wieviel Umsatz mit Fanartikeln erzielt wird, ist schwer einzuschätzen“, sagt auch Kerstin Zintl, Geschäftsführerin des gleichnamigen Fahnen- und Werbeartikelvertreibers aus Nürnberg. Neben den traditionellen Fahnenlieferanten gebe es derzeit viele „fliegende Händler“, sagt sie. Viele wittern ein gutes Geschäft. „Erkennen kann man die in Deutschland produzierten Fahnen am Format“, verrät Zintl: Deutsche Ware mißt einen Meter mal einen Meter fünfzig, die aus Fernost neunzig Zentimeter mal einen Meter fünfzig.

„Der Trend geht zur Zweitfahne“

Die Unternehmerin hat schon im Vorfeld der WM gute Geschäfte gemacht. Geordert wurden Fahnenmasten und „meist ein ganzer Satz Flaggen“ von Behörden, Institutionen und Unternehmen, die „alle fanden, daß sie etwas tun müssen“. Nahezu jeder versuche etwas vom schwarzrotgoldenen Stoff zu ergattern, teilweise und derzeit vermehrt auch auf illegale Weise.

Die Fahnenliebe macht beim Deutschland-Exemplar keineswegs halt. Meist werden noch regionale Fahnen wie die bayerische oder hessische mitbestellt. „Der Trend geht zur Zweitfahne“, hatte der Fernsehentertainer Harald Schmidt in den ersten Tagen der WM süffisant und - wie sich nun zeigt - zutreffend angemerkt.

Jenseits der Fahnen ist das schwarzweiße Trikot der deutschen Nationalmannschaft heiß begehrt. Die Trikots der Teams aus Saudi-Arabien, Polen, Paraguay, Costa Rica oder Serbien-Montenegro werden dagegen mit Rabatten von 20 Prozent und mehr angeboten - so etwa bei Sport Pröstler in Frankfurt. „Ist doch klar“, sagt ein jugendlicher Deutscher im Vorbeigehen zu seinem Freund. „Wer will schon noch Trikots von denen tragen, die bereits ausgeschieden sind.“ In der kommenden Woche, so hofft er, soll auch das gelbblaue Shirt der Schweden zum Discount-Preis erhältlich sein.

Quelle: F.A.Z., 24.06.2006, Nr. 144 / Seite 22
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