17.06.2006 · Neue Ballistik, tolle Tore, genervte Keeper: Die erste WM-Woche stand im Zeichen spektakulärer Fernschußtore. Schuld daran ist offenbar der „Teamgeist.“ Stürmer finden den WM-Ball super, Torleute kritisieren seine unberechenbaren Flugbahnen.
Neue Ballistik, tolle Tore und genervte Keeper: Nach der ersten WM-Woche ist schon klar, daß das Mega-Event in Deutschland zum Turnier der spektakulären Fernschuß-Treffer wird.
Den Anfang machten Philipp Lahm und Torsten Frings mit ihren Traumtoren im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica. Tomas Rosicky traf zum 2:0 für Tschechien gegen Amerika aus großer Entfernung, Südkorea drehte mit zwei satten Distanzknallern die Partie gegen Togo, Italiens Andrea Pirlo traf zum 1:0 gegen Ghana, und den Auftaktsieg von Titelverteidiger Brasilien gegen Kroatien stellte Kaka sicher. All diese sehenswerten Tore fielen aus großer Distanz. Und es wird so weiter gehen. „Schuld“ daran ist offenbar der „Teamgeist.“
„Fühlt sich an wie ein Plastikball“
Und während Hersteller, Fans und Stürmer die ganz besonderen Flugeigenschaften des offiziellen WM-Balls begrüßen und sich über die tollen Treffer freuen, schieben die Torhüter Frust. Der Franzose Fabien Barthez rechnete mit „vielen Toren aus großer Distanz“ und scheint recht zu behalten. „Wir sind die Leidtragenden“, kritisiert Deutschlands Jens Lehmann: „Die Hersteller neigen dazu, Bälle fertigen zu lassen, die optisch spektakulär und für die Fans gut sind.“
US-Torwart Kasey Keller sprach von einem „Flatterball, der sehr schnell ist und schwierig einzuschätzen.“ Der englische Keeper Paul Robinson meinte: „Er ist sehr undankbar, ändert in der Luft öfter die Richtung und fühlt sich an wie ein Plastikball.“ Jose Porras aus Costa Rica, gleich viermal von den deutschen Spielern überwunden, ergänzt: „Der Ball ist für alle Torhüter unglaublich schwer zu berechnen. Er ist für die Stürmer gemacht.“
Ball aus 14 statt 28 oder 32 Teilen
Als erster Keeper hatte sich bereits Ende Dezember Sascha Kirschstein vom Hamburger SV abfällig über den Ball des offiziellen WM-Lieferanten aus Herzogenaurach (adidas) geäußert, als das Spielgerät zwei Wochen nach seiner Vorstellung erstmals in einem „großen“ Match im Pokal-Viertelfinale des HSV bei Bayern München zum Einsatz kam. „Ein Drecksball“, polterte der lange Schlußmann damals noch öffentlich relativ unbemerkt: „Er flattert wie verrückt, Stürmer können dagegen richtig losballern.“
Die veränderten und unberechenbaren Flugeigenschaften rühren ganz offensichtlich von der neuen Bauweise des Balles her. Statt wie bislang üblich aus 28 oder 32 sechseckigen Teilen, besteht der Teamgeist nur noch aus 14 verklebten Panelen. Das Ergebnis ist eine wesentlich glattere und rundere Außenhaut.
„Der Ball geht richtig ab“
Der englische Physiker Ken Bray von der Universität Bath kann die veränderte Luftfahrt des neuen Balles wissenschaftlich erklären: „Dreht sich der Ball im Flug nur wenig um sich selbst, hat die geringere Anzahl der Panele große Auswirkungen auf die Flugbahn. Die wenigen Nähte oder Klebestellen beeinflussen die Strömung der Luft um den Ball merklicher, dadurch kommt es zu nicht vorhersehbaren Ablenkungen.“
Muß ein Stürmer nicht verstehen, der freut sich einfach über die neuen Erfolgserlebnisse. Wie Lukas Podolski: „Für uns ist er super. Der Ball geht richtig ab“, sagt der deutsche Angreifer. Auch Weltfußballer Ronaldinho ist begeistert: „Bei Fernschüssen wackelt er, schwer zu kalkulieren, perfekt für Stürmer.“
Frings hat seinen Tor-Ball mitgenommen
Es gibt bei jedem WM-Spiel übrigens nicht nur einen, sondern 15 Spielbälle. Wenn ein Ball im Aus landet, wird sofort ein neues Spielgerät dem jeweiligen Spieler vom Balljungen zugeworfen, damit der Spielfluß gewährleistet bleibt. Und erstmals in der WM-Geschichte sind die Bälle „personalisiert“: Auf jedem Ball steht die Paarung, der Spielort und das Datum des Spiels.
Somit liegt auf der Hand, daß die 15 Unikate nach Abpfiff zu begehrt sind. Doch die Verwendung des Spielgerätes ist - wie alles bei der Fifa - streng reglementiert. Sechs Bälle erhält adidas, drei der Sponsor Coca-Cola. Je ein Ball ist für jedes Team reserviert, je einen erhalten die Fifa und das deutsche Organisationskomitee. Was mit den restlichen beiden Bällen passiert, ist noch unklar. Vermutlich werden sie für eine wohltätige Zwecke versteigert.
Den Ball aus dem Eröffnungsspiel, mit dem er das wunderschöne Tor zum 4:2-Endstand gegen Costa Rica erzielte, hat sich Torsten Frings übrigens geschnappt.