12.06.2006 · Deutschland zeigt Flagge: verspielt, luftig, leicht bekömmlich. Das ohnehin bis zum Verschleiß strapazierte Motto dieser Fußball-WM muß nicht noch einmal zitiert werden, um festzustellen: Fußball verbindet Millionen über alle Grenzen hinweg. Das Wochenende war ein Sommertraum in Schwarz, Rot und Gold. FAZ.NET-Bildergalerie.
Von Roland ZornDeutschland zeigt Flagge: verspielt, luftig, leicht bekömmlich. Ein Sommertraum in Schwarz, Rot und Gold - auch das gehörte zu den bleibenden Bildern von den ersten Tagen der weltgrößten Fußballsause.
Die Welt spielt mit in der Inszenierung der Farben: bunt, fröhlich, in Partystimmung. Auch das prägte in den Stadien und Städten die Open-air-Stimmung der Weltmeisterschafts-Ouvertüre. Public Viewing heißt ein großes Tor zum gemeinsam gefeierten Blick auf die Arena. Tausende schritten hindurch und fanden zwischen Hamburg und Friedrichshafen multilingual und einstimmig ihr Vergnügen an der Weltsprache Fußball. Das ohnehin bis zum Verschleiß strapazierte Motto dieser 18. WM mußte nicht noch einmal zitiert werden, um festzustellen: Fußball verbindet Millionen über alle Grenzen hinweg.
Neue Perspektiven
Machen die Deutschen so weiter wie zu Beginn des Turniers, werden sie manches Vorurteil fürs erste widerlegen können. Das fängt schon bei der deutschen Mannschaft an, die sich einer offenen Spielweise befleißigt wie kein deutsches WM-Team zuvor. Zwar ist nach dem 4:2-Sieg der Elf von Bundestrainer Jürgen Klinsmann zum Auftakt über Costa Rica noch nicht geklärt, ob man auch ohne Abwehr im klassischen Sinn bei der Weltmeisterschaft daheim weit kommen kann. Andererseits eröffnen muntere Begegnungen wie die vom Freitag, die gezeichnet sind vom wechselseitigen Geben und Nehmen, völlig neue Perspektiven.
FAZ.NET-Bildergalerie: WM-Aufnahmen: Eine große Sause mit viel Witz
"Oh, it was Basketball", sagte ein amerikanischer Kollege nach dem deutsch-costaricanischen Tag des offenen Tors erfreut. Auch spielerisch das Klischee loszuwerden, humorfrei und verbissen die Kombinationen der anderen zu zerstören und dazu noch das Turnierglück in Erbpacht genommen zu haben, wäre nach all den Titelkämpfen mit ermauerten Erfolgen und schweißtreibend erkämpften Siegen mal was Neues. Den Gegnern ihre Treffer nicht zu neiden und selbst stets ein Tor mehr zu schießen, so märchenhaft hörte sich manche Erklärung aus dem deutschen Camp am Wochenende an. Genieße den Tag, und verzichte auf den verdrossenen Blick zurück - wer trotzdem 4:2 gewinnt, muß sich nicht grämen und schon gar nicht entschuldigen.
„Bitte recht freundlich“
Die Massen, die in Deutschland einig Fußball-Land feiern wollen, stören sich ja auch nicht lange an Ergebnissen, die den Anhängern dieser oder jener Mannschaft nicht passen. Wer verloren hat, gewinnt vielleicht beim nächsten Mal. Fußballfans von heute sind, ob in Deutschland oder aller Welt, längst nicht mehr so verbohrt, witzlos oder gar nationalistisch wie in der Vergangenheit. Schon daß so viele junge Frauen mitmachen bei den Freiluftfeten, entspannt die Atmosphäre.
Sollen doch die knurrigen Besserwisser und mäkelnden Fachleute allein zu Haus vor dem Fernseher hocken oder in ein Fernsehstudio eilen, um kritisch zu analysieren und ihre apodiktische Meinung unter die Leute zu bringen - atmosphärisch bestimmen jene den Festverlauf, die gönnen können. Daß selbst der Fußball auch nur ein Spiel ist, wurde zum Glück schon an diesem ersten WM-Wochenende offenbar, an dem sowohl die meisten Hauptakteure auf dem Platz als auch das Publikum in der Kulisse Sportsgeist bewiesen. Die Losung hieß im Zweifel "Bitte recht freundlich" - und fast alle hielten sich dran.