05.12.2005 · Am kommenden Freitag blickt die Fußball-Welt nach Leipzig. Dort werden in einer großen Show mit viel Prominenz die Vorrundengruppen für die WM 2006 ausgelost. 1974 beim letzten globalen Turnier in Deutschland war fast alles anders.
Von Roland Zorn, LeipzigDetlef Lange ist nicht geladen. Die Zeiten, da ein Schöneberger Sängerknabe in die große Glaskugel griff und Glücksfee bei der ersten Fußball-Weltmeisterschaft in der Bundesrepublik Deutschland spielte, sind 32 Jahre vorbei. Damals genügte der Große Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt den räumlichen Anforderungen an einen protokollarischen Vorgang, mit dem 16 Mannschaften auf vier Vorrundengruppen bei der WM 1974 verteilt wurden.
Aus dem kleinen Detlef ist der große Herr Lange geworden, der als Verkaufsleiter eines Berliner Baumarktes vermutlich nur noch zu Weihnachten seine Sangesstimme erhebt. Deutschland wurde mittlerweile durch die Wiedervereinigung größer - und mit ihm die zweite Weltmeisterschafts-Endrunde auf seinem Grund und Boden. Also reicht ein großer Saal auch nicht mehr aus, um eine Lotterie-Show für inzwischen 320 Millionen Fernsehzuschauer weltweit zu beherbergen. Am kommenden Freitag schauen die Menschen rund um den Globus auf die einstige Heldenstadt Leipzig, die inzwischen wieder eine gesamtdeutsche Messemetropole und am 9. Dezember auch noch der Nabel der Fußballwelt ist.
Schmucklos, aber sehnlichst herbeigewünscht
Wenn am Freitag also für die übertragende ARD Starmodel Heidi Klum und Hausmoderator Reinhold Beckmann die Honneurs gemacht haben, der kolumbianische Latino-Popstar Juanez seinen Hit „La Camisa Negra“ zum besten gegeben und der Niederländer Hans Klok die Menschen verzaubert haben wird, beginnt gegen 21.20 Uhr der schmucklose, aber von allen sehnlichst herbeigewünschte Teil des Abendprogramms: die eigentliche Loszeremonie.
An ihr wirkt kein Sängerknabe mehr mit, als Greifer in die Tiefe der Trommeln sind vielmehr unvergessene Fußballgrößen von gestern wie der legendäre Pele oder Lothar Matthäus gefragt, der die deutsche Mannschaft 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, zu ihrem dritten und bisher letzten WM-Titel anführte. Mit 16 Mannschaften wie anno dazumal ist es dann nicht mehr getan. Die 32 teilnehmenden Teams verteilen sich auf acht Gruppen, die zunächst in zwölf Stadien darum kämpfen, die K.o.-Runde und damit das Achtelfinale dieses Megasportfestes zwischen dem 9. Juni und dem 9. Juli 2006 zu erreichen.
„Vom Aufwand her wie ein WM-Spiel“
145 Fernsehsender berichten live aus der Halle 1 der Leipziger Messe von einem Stelldichein des Weltfußballs, zu dem sich 3.700 Gäste angemeldet haben. Leipzig ist in dieser Woche ausgebucht und darf sich zumindest für ein paar aufregende Momente wie eine Weltstadt fühlen. Wolfgang Niersbach, einer der Vizepräsidenten des deutschen WM-Organisationskomitees, sagt, was auf alle, die sich von Berufs wegen um die Auslosung zum Turnier der Superlative zu kümmern haben, zukommt: „Das Ganze ist vom Aufwand her mit einem WM-Spiel zu vergleichen.“
Das Arrangement der neunzigminütigen Veranstaltung exakt ein halbes Jahr vor dem Anpfiff zur WM muß bis ins Detail den hohen Ansprüchen genügen, die an Deutschland als Ausrichter der Weltparty gerichtet sind. „Hier steht“, sagt Niersbach, „unser Slogan auf dem Prüfstand.“ Tatsächlich will die Welt, soweit rund um den Fußball versammelt, am Freitag schon einmal ahnen, ob sie im Sommer 2006 tatsächlich „zu Gast bei Freunden“ sein wird.
Streitfälle sind programmiert
Die Verbandsfunktionäre der 32 WM-Teilnehmer von Titelverteidiger Brasilien bis zum „Rookie“ Trinidad und Tobago sind ähnlich wie auf den Freitag auf den morgigen Dienstag gespannt, wenn die WM-Organisationskommission unter Leitung von Lennart Johansson, dem schwedischen Präsidenten der Europäischen Fußball-Union, den Blick in die Töpfe der Auslosung freigibt. Von Topf 1 für die hoch eingeschätzte Creme de la creme bis Topf 4 für die vermeintlichen Außenseiter reicht die kontinental fein austarierte Palette. Streitfälle, etwa jener in der Frage, wohin mit den hochklassigen Niederländern, die sich 2002 nicht für die WM qualifizieren konnten, sind programmiert.
Jürgen Klinsmann, der Trainer der deutschen Nationalmannschaft, weiß zwar, daß Deutschland als Kopf der Vorrundengruppe A mit Spielen in München (zur Eröffnung des Turniers), Dortmund und Berlin gesetzt sein wird, doch das ist vorerst auch alles. Der notorische Optimist begegnet Spekulationen, wer auf ihn und seine Spieler als künftiger Gegner warte, fatalistisch: „Wir nehmen es, wie es kommt.“ Wer erklärtermaßen Weltmeister werden will, kann vorweg auch nicht anders reden.
Eine historische Selbstverständlichkeit
Außer den Deutschen ist Brasilien als erste Mannschaft der Gruppe F (F 1) gesetzt. Beste Aussichten, in diesem erlauchten Kreis ebenfalls vertreten zu sein, besitzen darüber hinaus Argentinien, Italien, Spanien, Frankreich, England und Mexiko. Ehe Kritiker zum großen Topfschlagen ausholen, sei an das Kriterium der WM-Setzer erinnert: Was zählt, ist neben der Plazierung in der Weltrangliste des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) während der vergangenen drei Jahre auch das jeweilige Abschneiden bei den Welttitelkämpfen 1994, 1998 und 2002.
Die Verteilungskämpfe vorweg können der Auslosungsstadt Leipzig gleich sein. Seit 2002 wissen die Sachsen, daß sie die Ehre haben, die Welt an diesem 9. Dezember bei sich zu Gast zu haben. Daß die knapp 500.000 Einwohner zählende Stadt trotz eines begrenzten Hotelangebots und einer eher an der Peripherie des internationalen Luftverkehrs gelegenen Airports den Zuschlag bekam, war für das OK wie für die Fifa eine historische Selbstverständlichkeit.
An Aquarien erinnernde Weltmeisterschaftstöpfe
„Wir präsentieren“, sagt Niersbach, „der Welt das neue, vereinte Deutschland“, für das die Leipziger Ende der achtziger Jahre mutig wie kaum irgendwo sonst in der verblichenen DDR gekämpft haben. Am Freitag, wenn das neue Leipzig seine Fenster zur Welt öffnet, wird die Stadt, die sich vergeblich um die Austragung der Olympischen Spiele 2012 bewarb, mindestens genauso im Blickpunkt stehen wie während der fünf WM-Spiele, die im neuerbauten Zentralstadion stattfinden.
Bundespräsident Horst Köhler wird da sein, Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr „Vize“ Franz Müntefering ebenso. Frau Merkels Vorgänger Gerhard Schröder, ein erklärter und passionierter Fußballanhänger, wird am Morgen des Festtages noch einmal im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Der Deutsche Fußball-Bund wird Schröder auf einem außerordentlichen Verbandstag zum Ehrenmitglied ernennen.
Mögen noch so viele Zelebritäten zum Abschluß einer Woche der Sitzungen, Pressekonferenzen und Feierlichkeiten nach Leipzig kommen, am Ende schaut alle Welt wie gebannt auf die gläsernen Lostöpfe, aus denen unter der Aufsicht von Zeremonienmeister Markus Siegler, im Zivilberuf Fifa-Kommunikationsdirektor, die Kapseln mit den Ländernamen per Drehgewinde gezogen werden. Erst dann wird wieder manches wie 1974 wirken, als ein gewisser Detlef Lange beherzt und unbefangen nach Losen in den an Aquarien erinnernden Weltmeisterschaftstöpfen fischte.