16.04.2006 · Die Männerbastion Fußball fällt. Weibliche Fans stürmen die Stadien und V.I.P.-Tribünen, weil man Prosecco trinkt und von Figo schwärmt - aber nicht nur wegen seines engen Trikots. Abseits? Kein Problem.
Von Julia Schaaf„Man hat's nicht leicht als Mädchen und Fußballfan“, sagt Steffi. Heimspielsamstag, noch zwei Stunden bis zum Anpfiff. Am Dortmunder Hauptbahnhof eskortieren Polizisten die Anhänger von Bayer Leverkusen zur U-Bahn, die ersten Bierflaschen gehen zu Bruch. Steffi hat sich einen schwarz-gelben Fanschal um den Hals, einen zweiten ums Handgelenk gewickelt. Sveas Trikot ist mit den Unterschriften der Spieler geschmückt. Seit dieser Saison besitzen die beiden Siebzehnjährigen eine Dauerkarte.
Steffi: „Ich find das einfach so 'ne schöne Atmosphäre da.“
Svea: „Es denken alle mehr oder weniger gleich.“
Weibliche Fans stürmen die Stadien
Steffi: „Aber der Fußball ist es auch.“ Selbst wenn die Jungs ätzten, sie hätten keine Ahnung und seien nur auf die Spieler scharf.
Testfrage: Was ist Abseits?
Prompt mischt sich Marvin ein, eine Flasche Colabier in der Hand: „Abseits? Weiß die nicht.“
Fußball gilt als Männerwelt, aber im Weltmeisterschaftsjahr tauchen im Reservat der echten Kerle zunehmend Frauen auf. Erst kürzlich saß die Schauspielerin Christiane Paul bei einem staunenden Harald Schmidt und plauderte über ihren Lieblingsverein Bayern München. Kurz darauf arbeitete sich eine lispelnde Studentin bei Günther Jauch bis zur 64.000-Euro-Frage vor. Ihr Motiv: Ronaldinho in Barcelona aus der Nähe spielen zu sehen. Die Zeitschrift „Brigitte“ stellt schon seit Januar in jedem Heft einen Weltklassespieler vor; Volkshochschulen bieten Frauenkurse an zum Thema „Fußball verstehen“.
22 Prozent der Zuschauer sind Frauen
Neue Zahlen belegen einen gefühlten Trend. Die Gruppe der Frauen, die älter als 14 sind und sich für Fußball interessieren, ist seit 2002 um 15 Prozent gewachsen. Wie die Deutsche Fußball Liga in einer neuen Umfrage herausgefunden hat, hält sich mit diesem Anstieg von 9,5 auf 11,1 Millionen quasi ein Drittel dieser Altersklasse für mehr oder weniger fußballbegeistert. Im Stadion sind durchschnittlich 22 Prozent der Zuschauer Frauen, in Freiburg, Dortmund, Mainz und St. Pauli mehr. Beim Hamburger SV ist der Anteil in den vergangenen drei Jahren von zirka zehn auf gut zwanzig Prozent geklettert.
Ausnahmefrauen gab es schon immer. Auf dem Küchentisch von Nina Jeschke steht ein FC-St.-Pauli-Aschenbecher; über dem Herd hängt die schokobraune Fankappe aus Cord. Die Sechsunddreißigjährige geht schon fast ihr halbes Leben lang ins Stadion und noch jetzt, da sie in Frankfurt wohnt, richtet sie Besuche bei den Eltern gerne nach dem Spielplan. Fernsehfußball schaut Nina Jeschke am liebsten mit Freundinnen. Dann brüllen vier Mädels den Bildschirm an, rüffeln sich gegenseitig, wenn eine zuviel quatscht, und diskutieren nachträglich jeden Patzer.
Im Bulli nach Portugal
Zur Europameisterschaft vor zwei Jahren ist das Kleeblatt nach Portugal gefahren. Im geliehenen Bulli, drei Tage hin, drei Tage zurück, zwischendrin Karten für zwei Spiele. Und wären die Deutschen nicht rausgeflogen, hätten die Frauen vielleicht gar nicht am Strand gelegen, sondern wären der Mannschaft weiter hinterhergereist. Nina Jeschke sagt: „Wenn ich das den Leuten erzähle, ernte ich mehr Verblüffung, als wenn ich sage, daß ich Ingenieurin bin oder in Ecuador war.“
Es muß heutzutage aber niemand mehr echter Fan sein, um an Fußball Gefallen zu finden. Das Schlüsselwort heißt Event. Oder, wie Katja Kraus vom HSV es formuliert, die als einzige Frau dem Vorstand eines Bundesligavereins angehört: das „Erlebnis rund um das Fußballspiel“. Seit die Stadien Arenen heißen, die Sitze bequemer sind und das Sicherheitsempfinden größer, ist ein Fußballspiel nicht nur für Hartgesottene attraktiv. Die „Beckhamisierung“ tut ein übriges: Fußballer genießen den Status richtiger Popstars, immer mal wieder tauchen Spieler in der „Bunten“ auf. So wird Fußball glamourös, ein Lifestyle-Thema. Je größer der Eventcharakter eines Spiels, desto eher sehen Frauen auch im Fernsehen zu, so die Quotenanalysen der ARD. Während die Bundesliga-Berichterstattung am Samstag derzeit ein Drittel Zuschauerinnen hat, waren bei der Europameisterschaft 2004 bis zu 46 Prozent des Fernsehpublikums weiblich. Beim gemeinsamen Fußballgucken in Kneipen oder auf öffentlichen Plätzen ist das Gesellschaftliche sowieso zentral.
Bei Abseits gibt's Prosecco
Pokalhalbfinale in Frankfurt, V.I.P.-Etage in der ausverkauften Commerzbank-Arena: Wer sich hier aufhalten darf, kann Eismeergarnelen essen, soviel er will. Auf nußbraunen Holztischen schwimmen Baccara-Rosen im Glasnapf. Die Absätze der Frauen sind für Fußball eigentlich zu hoch, die Jeans zu eng, das Make-up zu dick. „Man kriegt sofort seinen Prosecco“, flötet eine Wohlgefönte mit rotschimmernden Lippen. Da begleitet eine Frau ihren Mann, einen Anwalt, vergangenen Samstag war man in der Oper, am Wochenende geht's ins Maggi-Kochstudio. Eine ältere Maklerin hat für eineinhalb Jahre „Business Seats“ zu zweit 10 000 Euro gezahlt, weil man so gut Kontakte knüpfen und anschließend mit dem Konversationsthema „Stadion“ punkten kann. Viele Frauen hier sagen von sich, sie hätten keine Ahnung von Fußball, manche sind nur da, weil sie an einer Firmentagung teilnehmen und das Live-Spiel zum Abendprogramm gehört. Abseits? Kichern aus rotschimmernden Lippen. Und eine eher persönliche Regel: „Bei jedem Abseits gibt es einen Prosecco.“
In einem Punkt herrscht Einigkeit: Stadion ist spannend, die Atmosphäre macht den Reiz. Der Fan-Block singt und tanzt und brüllt und brodelt, eine ganze Stadionstirnwand bebt im synchronen, rot-schwarzen Taumel. Wie aus Lautsprechern donnern die Chöre über den Platz. Auf der V.I.P.-Tribüne trägt kaum eine Fan-Schal. Fußball sei „in“, sagt die 28 Jahre alte Sonja, die auf die Firmenkarten der Familie ein paar Freundinnen eingeladen hat, weil die Eltern im Urlaub sind. Saskia ergänzt: „Das ist einfach ein netter Abend. Man geht was essen, man trinkt was und redet. Ich freue mich, wenn die Eintracht gewinnt. Aber wir heulen auch nicht, wenn sie verliert.“ Als Arminia Bielefeld besiegt ist und der Weg nach Berlin frei, als die „V.I.P.s“ in Scharen von den gepolsterten Tribünensitzen zurück an die Tische streben, haben fast nur Männeraugen diesen fußballtypischen Glanz. Sonja ist ein wenig heiser. Wie cool, dabeigewesen zu sein!
Dortmund war zu langsam
In Dortmund auf der Südtribüne, die so steil und gewaltig ist, daß sie „Gelbe Wand“ genannt wird, ist die Lage anders. Hier, sagen Vierzehnjährige, könne man Jungs kennenlernen wie sonst nur im Freibad oder in der Disko. Eine Mutter, die Bratwurstbrötchen in den Fanblock trägt, berichtet von drei Dauerkarten für die Großfamilie, in der die Töchter fußballbegeisterter sind als der Sohn. Kristin läßt eine Halbzeit lang den Ball kaum aus den Augen. Die Neunzehnjährige ist hübsch, feines Gesicht, silberner Lidstrich. Über dem viel zu großen Borussia-Anorak, den ihr der Freund geborgt hat, hängt das Handtäschchen. Sie war noch nicht oft im Stadion, der Freund schleppt sie mit, obwohl er Männergesellschaft lustiger fände: „Die sind hemmungsloser, Gas zu geben“, sagt er. Aber er kommt aus Duisburg, kennt kaum Borussenfans, und „sie gibt sich ja Mühe“. In der Pause kommentiert Kristin: „Dortmund war nicht so gut. Die haben sich viel zu oft den Ball abnehmen lassen und waren zu langsam.“
Frauen, die sich aus professioneller Perspektive mit weiblichen Fußballfans befassen, glauben nicht an die Mär von der gelangweilten, inkompetenten Begleiterin. Aber was ist mit dem vielbeschworenen Faible für muskulöse Körper, mit der Schwärmerei für Ballack, Figo und Zidane? „Wir kokettieren auch mit so einem Gegensexismus“, sagt Pauli-Fan Nina Jeschke. Besonders wenn Italien spiele. „Dann tun wir so, als hätten wir gar keine Ahnung und würden uns den ganzen Abend nur die Hintern angucken.“ Gute, eng geschnittene Trikots seien schon etwas Schönes. Aber wer sagt eigentlich, daß ein Sinn für attraktive Jungs echter Fußballbegeisterung entgegensteht?
Ratgeber für „Fußballbräute“
Die Regeln klassischer Fankultur sind männlich, ohne Frauen auszuschließen. Wer eine informelle Kleiderordnung befolgt - bloß nicht zu figurbetont -, wer dem Verein die Treue hält und während des Spiels flucht und brüllt, gehört dazu. Wenn der weibliche Fan zudem akzeptiert, daß bisweilen Bier auf die Jacke schwappt und sich Leverkusen auf Busen reimt, sind Geschlechtsunterschiede egal. Sagen jedenfalls Antje Hagel, Nicole Selmer und Almut Sülzle, die - zwischen Kulturwissenschaft und Fantum pendelnd - im Herbst den intelligenten Tagungsband „Gender Kicks“ veröffentlicht haben. Fußball bleibe in Deutschland eine Männerdomäne, „auch wenn da Frauen hingehen“, glaubt Almut Sülzle. Eine wirkliche Veränderung erwartet sie sich langfristig erst durch den Auftrieb des Frauenfußballs: Wenn die Jugendspielerinnen zu Fans heranreifen, wenn Mädchen häufiger eine ähnliche Sozialisation wie Jungs durchlaufen, in der Fußball spielen, Fußball schauen und Fußballwissen miteinander verwoben sind, läßt das Staunen über fußballkompetente Frauen vielleicht eines Tages nach. Auch die neuen Ratgeber für „Fußballbräute“ erübrigten sich dann: Solche Bücher leben meist davon, daß sie in mehr oder weniger origineller Weise Klischees über archaisch-männliche Fußballversessenheit auswalzen, während naive Weibchen mitten im Elfmeterschießen Schnittchen servieren wollen.
Zweite Halbzeit, Frauenkommentare auf der Südtribüne, Block 14:
„Was war das denn!“
„Das hätte meine Oma auch gekonnt!“
„Das macht keinen Spaß! Leverkusen! Die haben nicht mal einen Hauptbahnhof!“
Wenn eine Schiedsrichterentscheidung kollektiv mit ausgestrecktem Mittelfinger kommentiert wird, halten sich die Frauen zurück. Aber im Chor der „Gelben Wand“ sind Sopran und Alt nicht schlecht besetzt. Manchmal, wenn der Ball schon im eigenen Strafraum verlorengeht, überschlägt sich eine Frauenstimme.
Borussia Dortmund verliert 1:2.
Eine Blonde mit spitzen Stiefeln und engen Jeans, die ganz weit vorne steht, sagt: „Abseits ist, wenn im Moment der Ballabgabe der gegnerische Spieler näher zum Torwart steht als der eigene.“ Sie hat keine Sekunde gezögert.
Abseits
A B (AnnTob)
- 17.04.2006, 16:18 Uhr
Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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