04.04.2006 · Prügelorgien, Plünderungen und Rassismus: Die Gewaltbereitschaft der Hooligans in den neuen Ländern ist groß. Und eine brisante Studie belegt: Wenn der Fußball-WM Gefahr droht, dann aus dem Osten.
Von Matthias Wolf, BerlinThomas Uebel redet gar nicht drumherum. "Klar mache ich mir Sorgen, ob alles friedlich bleibt", sagte der Fanbeauftragte des FC Erzgebirge Aue. Am Sonntag stand die Zweitligapartie seines Vereins gegen Dynamo Dresden an. Für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist das Sachsen-Derby ein Risikospiel, mit strengsten Kontrollen, viel Polizei und Alkoholverbot. Dresden verlor 0:2, diesmal blieb es ruhig.
Doch alle sind gewarnt. Spätestens seit den Vorfällen vor zwei Wochen, die mittlerweile schon Staatsanwaltschaft und Sportgerichte beschäftigen. Da kam es bei der Landesliga-Partie der Reserveteams beider Klubs nicht nur zu Schlägereien unter Spielern. Das Spielfeld wurde gestürmt, laut Polizei lieferten sich 100 Dresdner und 30 Auer eine Prügelorgie. Offenbar war alles geplant. "Unsere Fans wußten, was dort passieren wird", sagt Uebel: "Und als die Dresdner sahen, was Aue mitbringt, wurde über Handy gleich Verstärkung angefordert."
Die Fans von Dynamo Dresden sind gefürchtet
Die sechste Liga als Schlachtfeld. Kein Einzelfall. Viele Rowdies würden sich "gezielt bei Spielen in den unteren Klassen austoben, weil sie aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen in der Bundesliga, gerade im WM-Jahr, kaum noch zum Zuge kommen", so Uebel. Unterhalb der Regionalliga können nach den Regeln des DFB nicht einmal Stadionverbote verhängt werden.
Fast wöchentlich gibt es Spielunterbrechungen, weil Krawallmacher aus den neuen Bundesländern mit Leuchtraketen um sich schießen. Vor allem die Fans von Dynamo Dresden sind gefürchtet. Trotz rund 150 Stadionverboten ist das Problem in Sachsen nicht in den Griff zu bekommen, beklagt Vereinspräsident Jochen Rudi: "Das sind Gruppen, die sich gesucht und gefunden haben, um Dynamo und den Fußball zu mißbrauchen."
„Wenn der WM Gefahr droht, dann aus dem Osten“
Aber auch Fans anderer Klubs, aus Cottbus oder Leipzig, fallen durch rassistische Sprechchöre und Spruchbänder auf, plündern Raststätten oder verursachen hohe Sachschäden. Wie jene Anhänger von Hansa Rostock, die unlängst bei der Reise zum Spiel in Braunschweig auf dem Bahnhof in Stendal Polizisten mit Steinen angriffen und Autos anzündeten, darunter fünf Einsatzwagen der Polizei. Auffällig wurden zuletzt auch bei Länderspielen wie in Italien viele Gewalttäter aus dem Osten der Republik.
Den Sportsoziologen Gunter A. Pilz verwundern diese Auswüchse nicht. Pilz, der sich als Fanforscher einen Namen gemacht hat, kam in einer Studie, die er im Namen des Bundesinstitutes für Sportwissenschaften erstellt hat, zum Fazit: Die Hooligans in den neuen Ländern sind deutlich gewaltbereiter. "Ich bin überzeugt von dem nationalen Sicherheitskonzept zur WM", sagt Pilz, der auch Mitglied der Kommission Gewaltprävention beim DFB ist. Er räumt aber gleichzeitig ein: "Wer behauptet, es könnte nichts passieren, ist ein Tagträumer. Wenn der WM Gefahr droht, dann in der Tat aus dem Osten." Wie brisant die Studie offenbar ist, sieht man daran: Die Organisatoren wollen diese erst im August veröffentlicht sehen, um nicht noch einen weiteren Schatten auf die WM fallen zu lassen oder Ängste zu schüren - aber das Bundesinnenministerium und die Polizeikräfte nutzen Pilz' Ergebnisse bereits zur Vorbereitung.
Kein Geld für viertklassige Klubs
Der Fan-Experte hat in zahlreichen Gesprächen mit Fans aus dem Osten drei Hauptgründe für die Gewalt festgestellt. Vor allem ist es die hohe Arbeitslosigkeit. Die Mutlosigkeit vieler junger Menschen sorge dafür, "daß die sich sagen: Wir haben sowieso nichts zu verlieren. Viele dieser Hooligans sind immun gegen Stadionverbote oder eine Verhaftung, weil es ihnen im Knast fast bessergeht". Die Gewaltszene im Westen sieht laut Pilz anders aus, agiert deshalb auch weniger dumpf: Oft kommen die Schläger dort aus gutbürgerlichen Berufen, sind gebildet. "Die treffen Strafen noch richtig", sagt Pilz.
Die zweite Ursache sind seiner Ansicht nach die veralteten Stadien im Osten, in denen noch nicht jeder Winkel videoüberwacht wird. Und ein weiterer Grund sei hausgemacht: Der DFB unterstützt nur die Fanprojekte von der ersten bis zur dritten Liga finanziell. Doch im Osten gibt es zahlreiche viertklassige Klubs mit großem Fanpotential. Die können sich ohne das Geld vom Verband keine hauptamtlichen Sozialarbeiter leisten. Bei Problemklubs wie Lok Leipzig oder dem Berliner FC Dynamo, dem bundesweit das größte Hooligan-Potential nachgesagt wird, gebe es "im Prinzip niemanden, der präventiv arbeiten kann", beklagt Pilz. Und das trotz äußerst schwierigem Umfeld.
Marketingrechte gehören den Hell's Angels
Beispiel Dynamo Berlin. Mario Weinkauf, Präsident des DDR-Rekordmeisters, hat sich zuletzt mehrfach von dieser großen Gruppe, laut Polizei rund 450 gewaltbereite und gewaltsuchende Fans, distanziert. Auch, weil der Traditionsklub mit Hilfe seriöser Sponsoren in den Profifußball will. Nun macht er die Erfahrung, daß zwielichtige Sponsoren im Verein, regelrechte Platzhirsche, teilweise aus dem rechten Spektrum und Teil der Hooligan-Szene, daran kein Interesse haben. "Es gibt einflußreiche Leute bei uns, die wollen, daß der BFC in der Viertklassigkeit verharrt, weil da nicht so genau hingeschaut wird", sagt Weinkauf. Da paßt es ins Bild, daß die Marketingrechte am Vereinslogo bei den berüchtigten Hell's Angels liegen.
Zustände, die bei den meisten westlichen Vereinen undenkbar wären, wo über die Fanprojekte seit Jahren engste Kontakte zur Polizei bestehen. Szenekundige Beamte haben die Krawallmacher dort gut im Griff. Pilz sagt: "Ost-Hooligans mokieren sich und machen sich lustig über die weichgespülte Szene im Westen, wo die Fans ihre Feindschaften gar nicht mehr ausleben." In den neuen Bundesländern gehen die Hooligans offen mit ihrer Aggression um - und doch wirkt die Polizei in vielen Fällen überfordert. Zwar wird in Berlin mit aller Härte gegen die 1000 aktenkundigen Problemfans (immerhin ein Zehntel aller Hooligans bundesweit) vorgegangen - allein beim Derby Union Berlin gegen Dynamo wurden 1200 Polizisten aufgeboten -, "doch dann reisen die Krawallmacher eben südöstlich, wo sie auf wenig Widerstand stoßen", beklagt ein Berliner Ermittler.
„Viele frustrierte junge Fans wollen sich richtig ausleben“
In der Oberliga Nordost, vor allem in der Südstaffel, wimmelt es nur so vor brisanten Duellen schon zu DDR-Zeiten verfeindeter Gruppen. Die Aversionen werden mit Fäusten gepflegt. Immer wieder kommt es auch zu unschönen Zwischenfällen, zuletzt erregten die rassistischen Übergriffe auf den nigerianischen Spieler Adebowale Ogungbure bei der Partie Hallescher FC gegen Sachsen Leipzig bundesweit Aufsehen.
Fanforscher Pilz begrüßt nun die für die WM geplanten Schnellverfahren gegen Hooligans. "Wenn überhaupt, dann schrecken nur Strafen ab, die sofort nach der Tat verhängt werden", sagt er. Doch das Problem im Osten wird bleiben. In diesem Jahr, in dem der Fußball im Brennpunkt steht, vielleicht sogar verstärkt, ahnt Thomas Uebel, seit fünf Jahren Fanbetreuer in Aue. Vier Jahre lang habe er gedacht, die Gewalttäter seien unter Kontrolle. "Aber im Vorfeld der WM spüre ich, daß viele frustrierte junge Fans sich richtig ausleben wollen."