Home
http://www.faz.net/-g9t-skvc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Übersteiger It's our Heimspiel

10.06.2006 ·  50.000 Engländer machen Frankfurt für drei Tage zur englischen Fußball-Hauptstadt. Stimmgewaltig, trinkfest, fröhlich und meist friedlich bereiten die Fans und Prinz William ihrem Team ein Heimspiel.

Von Cai Tore Philippsen, Frankfurt
Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (0)

Wer in diesen Tagen Frankfurt mit dem Zug erreichte, reiste in eine englische Stadt. Weil genau gegenüber dem historischen Portal des Hauptbahnhofs ein Pub mit Pints und Fernsehfußball zum Magneten für Hunderte englische Fans geworden ist, werden Bahnreisende mit englischen Liedern begrüßt. Englische Fahnen schmücken die Straßenbahnhaltestelle und die eigens aufgestellten Bauarbeiter-Klohäuschen. In einem Meer von rot und weiß tauchen nur hier und da ein paar grüne Hüte der Polizisten auf, die Straßen und Schienen freizuhalten versuchen.

Daß nur 50.000 Zuschauer in das Frankfurter Stadion passen und Karten auf legalem Weg nicht mehr zu bekommen waren, hat offenbar niemanden auf der Fußball-Insel abgehalten, sein weißes Trikot mit den „Three Lions“ auf der Brust überzustreifen und nach Frankfurt zu kommen.

Von wegen 15.000 Tickets

Angeblich hatten nur 15.000 Engländer Karten für das erste Spiel ihrer Mannschaft kaufen können, wer konnte sie nur so unterschätzen (Siehe auch: 1:0 gegen Paraguay: Eigentor beschert England Startsieg). Im Stadion waren mindestens 30.000. Und sie sangen, als wären sie 50.000 - Gänsehaut bei 25 Grad im Schatten. Egal wie schlecht ihr Ruf ist, für solche Augenblicke muß man die englischen Fans einfach lieben. Den belanglosen Fifa-Farbenrausch hängten sie mit Hunderten weißer Flaggen mit dem roten englischen Kreuz ab - „Surrey Hammers“, London Shrews“, AFC Wimbledon“, „Stamford“, Millwall“ steht auf den Bannern. Ein Heimspiel - „Football is coming home“ singen sie, und Prinz William feiert mit. Für seine Großmutter schmetterten Tausende Kehlen „God save the Queen“.

Übersteiger: It's our Heimspiel

Kurze Haare mit Unmengen Gel getrimmt oder den Schädel kahl rasiert, Jeans, T-Shirt und ein Bier in der Hand - so uniformiert übernahm die meist friedlich, fröhliche Horde in den Tagen vor dem Match gegen Paraguay die Straßen und Plätze Frankfurts. Auch wenn einige wild tätowierte Stiernacken so mache Mutter die Straßenseite wechseln ließ, es gab nur rund 20 Festnahmen in der Nacht zum Samstag. Angesichts der Massen englischen Fans in der Stadt, könnte die Zwischenbilanz kaum friedlicher sein.

Nur wenn die Lions ausscheiden ...

„Sie machen eine schöne Party. Ich hoffe, daß es so bleibt“, sagte der britische Botschafter Sir Peter Torry. Diejenigen, die nach Frankfurt gekommen seien, wären die echten Fans. Die 3.500 schlimmsten Hooligans mußten sich dagegen, während in Deutschland der Ball rollt, in ihrer Heimat bei der Polizei melden. Ihren Paß hatten sie schon zuvor abgegeben.

Die Engländer in Frankfurt feiern ihr Fußball-Fest - laut und trinkfest, sympathisch, aber unbescheiden. In der durchkommerzialisierten Fußballwelt tauchen die Engländer wie ein wohltuender Anachronismus auf. Deutschland kann sich auf diese Fans freuen. Doch der Stadt, in der die WM-Reise der „Three Lions“ zu Ende gehen wird, wünscht man am besten viel Glück - und gute Nerven.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1970, Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

Jüngste Beiträge