08.03.2006 · Ob „Freundinnen-Special“ oder einfach die Flucht vor dem WM-Trubel: Die Reisebranche ist überrascht, daß die Deutschen trotz Fußball-WM im Juni verreisen wollen. Nicht wenige hoffen auf Fußball und Bier am Urlaubsstrand.
Die Reiseveranstalter in Deutschland sind freudig überrascht: Die Fußball-Weltmeisterschaft steigt im eigenen Land, doch die Bürger sind wider Erwarten reiselustig. Statt befürchteter Umsatzeinbrüche entwickeln sich spezielle Urlaubsangebote ausgerechnet über den WM-Termin vom 9. Juni bis 9. Juli zum Renner. „Trotz oder wegen der WM“, faßt Sibylle Zeuch vom Deutschen Reiseverband (DRV) den Trend zusammen.
Wen wundert's: Verreisen während des sportlichen Mega-Spektakels ist so günstig wie selten zuvor. Die Branche hatte sich schon Ende 2005 mächtig ins Zeug gelegt. Gelockt wurde nicht allein mit Fußball auf der Großleinwand im Strandhotel. Angeboten wurden auch Schnäppchen-Ziele, Sonderaktionen, geschenkte Übernachtungen, All-inclusive-Pakete oder Gratis-Zusatztage - für Fußballmuffel und -fans gleichermaßen. Fast alle Veranstalter trieb die Sorge um, die Bundesbürger könnten zur WM zu Stubenhockern werden.
Preisoffensive hat sich rentiert
Die Angst vor Absatzknick, leeren Fliegern und Hotels war nicht unbegründet: Der Juni ist traditionell eher schwach gebucht, die Deutschen gelten mehrheitlich als fußballbegeistert, dazu kommen Urlaubssperren für Tausende Beschäftigte. Doch die WM entpuppte sich bisher keinesfalls als Urlaubsbremse - genauso, wie es die Wissenschaftler der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) schon vor Wochen vorausgesagt hatten. „Ein Großteil der Bürger, mehr als 50 Prozent, gaben bei unserer Analyse an, auch zur WM wie immer verreisen zu wollen“, berichtet FUR-Sprecher Ulf Sonntag.
Die einmalige Preisoffensive der Reisebranche hat sich also offensichtlich rentiert. Das zeichnet sich schon jetzt ab, gut drei Monate vor dem Anpfiff. „Da haben die Veranstalter gut reagiert, das hat funktioniert“, bestätigt Zeuch.
Kostenlose Drinks bei Spielen der Deutschen
Beim Hamburger Türkeispezialisten Öger Tours etwa ist man „sehr zufrieden mit den Buchungen“, so Unternehmenssprecherin Kathrin Rüter-Pantzke. Ihrer Meinung nach hat sich bei den Gästen die Gewißheit durchgesetzt, daß kein Urlauber ein Spiel verpaßt, nur weil er am Strand Urlaub macht. Bislang seien die Vorjahreszahlen bei den Buchungen im Juni um zehn Prozent übertroffen worden. „Auch dank der günstigen Konditionen, die Hoteliers und Airlines eingeräumt haben.“
Beim Touristikriesen TUI herrscht ebenfalls Zufriedenheit. „Unsere Zusatzrabatte waren nach kürzester Zeit weg“, sagt Firmensprecherin Stefanie Rother. Der Konzern hatte den ersten 50.000 Kunden zu Beginn der neuen Reisesaison Ende letzten Jahres einen Nachlaß von jeweils 50 Euro für über 300 Reisen versprochen. „Das war ruck-zuck ausgebucht.“ Guten Absatz finden auch Angebote mit störungsfreier TV-Empfangsgarantie im Hotel sowie kostenlose Getränkerunden bei Spielen der deutschen Nationalelf.
„Freundinnen-Specials“ gefragt
Bei Neckermann-Reisen, der größten Marke des Reisekonzerns Thomas Cook, läuft das Geschäft mit den WM-Specials „sehr gut“, heißt es in der Pressestelle. „Die Angebote werden gerne von unseren Kunden angenommen.“ Alleinreisenden wird zum Teil der Einzelzimmer-Zuschlag erlassen, zwei Wochen gibt es zum Preis von einer, lauten einige der Offerten. Auch bei Frosch Touristik (FTI) in München laufen die Sonderaktionen während des sportlichen Weltereignisses sehr gut. „Sowohl die Extra-Pakete für Fans wie für Fußballmuffel und auch die Freundinnen-Specials“, berichtet Unternehmenssprecherin Angela Winter. Die fußballerisch desinteressierte Damenwelt war - wie von nahezu allen Anbietern - gezielt mit attraktiven Wellness- und Rabattangeboten gelockt worden.
„Da atmen viele Veranstalter durch, daß der Juni doch nicht so mau ausfällt wie mal geglaubt“, schätzt TUI-Sprecherin Rother. Eigentlich keine Überraschung, meint FUR-Marktforscher Sonntag: „Der größte Teil der Bevölkerung fliegt auf Specials.“