Home
http://www.faz.net/-g9t-sjp4
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Torwarthandschuhe Alles im Griff

13.06.2006 ·  Im fränkischen Treuchtlingen wird noch Wert auf Handarbeit gelegt, die für den erlesenden Kundenkreis von besonderer Bedeutung ist: Denn hier werden die Handschuhe für die besten Fußball-Torhüter der Welt produziert.

Von Nicolas Wolz
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

An den Handschuhen hat es nicht gelegen. Im ersten Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Costa Rica kassierte Jens Lehmann gleich zwei Gegentreffer, während sein Kollege Gianluigi Buffon das italienische Tor gegen WM-Neuling Ghana sauberhielt. Beide Schlußmänner spielen mit Torwarthandschuhen desselben Herstellers.

Der Handschuhproduzent sitzt in Treuchtlingen, einem verschlafenen Nest im Herzen des Altmühltals in Bayern. „Die Handschuhe“, sagt Peter Hochmuth, „sind das absolut Wichtigste für einen Torwart. Sie entscheiden mehr als alles andere über Sieg oder Niederlage.“ Hochmuths Firma produziert seit mehr als 30 Jahren in einem unscheinbaren Flachbau am Rande der Innenstadt Fanghilfen für Torhüter. Ursprünglich stellte der Betrieb, den Hochmuths Vater 1928 in Böhmen gegründet hatte, gewöhnliche Leder- und Arbeitshandschuhe her. Heute ist die Hochmuth GmbH mit einer Jahresproduktion von 1,5 bis 2 Millionen Paar einer der größten Zulieferer von Torwarthandschuhen. Unter den Marken Adidas, Puma oder Erima sind sie vielen bekannt.

Maßgeschneiderte Handschuhe

Mittelständler wie Hochmuth sind rar im Geschäft mit dem Fußball. Die großen Sportartikelmarken wie Adidas und Puma lassen die meisten ihrer Produkte längst in Asien herstellen. So kommt etwa der WM-Ball, von dem Adidas nach eigenen Angaben 15 Millionen Stück verkaufen will, aus Thailand. Das Deutschland-Trikot, das eine Million Male über den Ladentisch gehen soll, wird ebenso wie die Fußballschuhe in Indonesien produziert. Stars wie Beckham und Ballack bekommen ihr Schuhwerk selbstverständlich ebenso maßgeschneidert wie Lehmann und Buffon ihre Handschuhe. Amateure und Freizeitkicker kaufen die Serienproduktion zumeist aus Fernost.

Der Markt für Torhüterhandschuhe ist vergleichsweise klein und entsprechend hart umkämpft. Nach Angaben des Fußball-Weltverbandes Fifa gibt es auf der Welt insgesamt zwar rund 240 Millionen aktive Fußballspieler. Zwischen den Torpfosten stehen aber nur etwa 2 Millionen von ihnen. Von den 1,2 Milliarden Euro, die Adidas in diesem Jahr allein mit Fußballartikeln umsetzen will, kann ein mittelständisches Unternehmen wie die Hochmuth GmbH mit ihren insgesamt rund 400 Mitarbeitern nur träumen. Doch die Fußball-Weltmeisterschaft, die dem Weltkonzern Adidas Umsatzsteigerungen von bis zu 30 Prozent bescheren dürfte, läßt auch bei den Torwarthandschuhen den Absatz in die Höhe schnellen. „Die Nachfrage zieht in diesem Jahr deutlich an“, sagt Hochmuth. Konkrete Zahlen nennt er nicht.

Tore aus Hildesheim

„Die Weltmeisterschaft wird ein Erfolg für uns“, sagt auch Winfried Baaser, Zulieferer wie Hochmuth. Baaser ist Gründer und Geschäftsführer der Firma Allzweck Sportartikel, die im Auftrag der Fifa die deutschen WM-Stadien und Trainingsplätze mit allem ausrüstet, was für ein Fußballspiel gebraucht wird. Tore, Auswechselbänke und Eckfahnen hat Baaser ebenso im Angebot wie Taktiktafeln, Ballkompressoren und Schiedsrichterausstattung.

In Trechtingshausen am Rhein erwirtschaftet er mit 34 Mitarbeitern einen Umsatz von 11 Millionen Euro im Jahr. Der WM-Auftrag allein ist 500.000 Euro wert. Den größten Gewinn macht Baaser mit seinen Schiedsrichterprodukten. Neben spezieller Bekleidung liefert er den Unparteiischen alle wichtigen Utensilien für ein Spiel: Rote und Gelbe Karten, englische Spielnotizkarten, Wählmarken und vor allem vier kanadische Fox-40-Pfeifen. „Das sind die besten der Welt.“

Als Baaser, selbst ein ehemaliger Schiedsrichter, vor 30 Jahren auf die Idee mit den Schiedsrichter-Sets kam, verkaufte er auf einen Schlag 30.000 Stück. Damals tütete er zusammen mit seiner Frau nächtelang alles selbst ein. Heute werden nur noch 15 Prozent des umfangreichen Allzweck-Sortiments in Deutschland produziert; die Tore und Auswechselbänke etwa kommen aus Hildesheim. Die weitaus meisten Artikel läßt Baaser mittlerweile in Asien herstellen.

Der Markt verlangt nach Billigprodukten

In den Fernen Osten zog es Handschuhproduzent Hochmuth bislang nicht. In Deutschland läßt allerdings auch er nur noch die Maßanfertigungen nähen. Schon 1981 hat er eine Fabrik in Tunesien eröffnet. „So groß wie heute war der Preisdruck damals zwar noch nicht, doch es war abzusehen, daß auf Dauer die Produktion in Deutschland zu teuer werden würde. So lange wollten wir nicht warten.“ Es folgten weitere Produktionsstätten in Ungarn und in der Ukraine.

Von seinen Konkurrenten in China hält Hochmuth nicht allzuviel. Vieles von dem, was in Asien möglichst kostengünstig produziert werde, sei qualitativ indiskutabel: „Das hat mit Torwarthandschuhen eigentlich nichts mehr zu tun, auch wenn es so aussieht.“ Trotzdem verlange der Markt nach solchen Billigprodukten. Ein Großteil der Zielgruppe seien Jugendliche, die es sich nicht leisten könnten, ein kleines Vermögen für ein Paar Profihandschuhe eines Jens Lehmann auszugeben. So hat auch Hochmuth mehr als 300 Modelle im Angebot, vom preiswerten Einsteigermodell zum Ladenpreis von 20 Euro bis zum High-End-Handschuh für mehr als das Fünffache.

Die Maßanfertigungen für den erlesenen Kundenkreis stammen wie vor 30 Jahren aus Treuchtlingen: In einer kleinen Werkstatt direkt unter dem Büro des Chefs werden die Handschuhe für die 100 besten Fußball-Torhüter der Welt von Hand genäht. Die Anforderungen an Schnitt und Material seien oft sehr speziell, sagt Hochmuth: „Manch einer ist so sensibel, da muß auf den Millimeter genau gearbeitet werden, was die Länge der Finger oder die Breite des Handschuhs angeht.“ Da viele Torhüter jedes Paar Handschuhe aus Prinzip nur einmal benutzten, könne es passieren, daß ein vielbeschäftigter Schlußmann auf einen Verschleiß von bis zu 300 Paar pro Jahr komme. Jens Lehmann hat für die WM 50 Paar Handschuhe aus dem Altmühltal geliefert bekommen. Bis zum Finale am 9. Juli sollte das reichen.

Quelle: F.A.Z., 14.06.2006, Nr. 136 / Seite 20
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen