07.06.2006 · Für das deutsche Team eine existentielle Frage: Gibt es wirklich einen Heimvorteil? Die Wissenschaft hat keinen Zweifel. Es wurde dreißig Jahre lang geforscht, und der Befund erweist sich als stabil.
Von Jürgen KaubeFür die deutsche Mannschaft eine existentielle Frage: Gibt es wirklich einen Heimvorteil? Die Wissenschaft hat keinen Zweifel. Seit dem klassischen Artikel der amerikanischen Sozialpsychologen Schwartz und Barsky wurde dreißig Jahre lang geforscht, und der Befund erweist sich als stabil: In den allermeisten Mannschaftssport-Ligen beträgt der Anteil der Spiele, die zu Hause gewonnen wurden, mehr als fünfzig Prozent. Zu Hause werden mehr Tore geschossen - in Länderspielen durchschnittlich sechs pro Jahr -, zu Hause bekommen die Mannschaften auch im Durchschnitt mehr Elfmeter zugesprochen und weniger Gelbe Karten.
Schwierig ist es allerdings, das Ausmaß des Heimvorteils für einzelne Mannschaften zu berechnen. Denn wenn Bayern München oder Brasilien deutlich mehr als die Hälfte ihrer Heimspiele gewinnen, dann geht das nicht in vollem Umfang auf die Heimspielstärke zurück, sondern schlicht auf die Tatsache, daß Bayern und Brasilien sowieso die meisten ihrer Spiele gewinnen.
Erste Hypothese: Vertrautheit
Die Gründe für den Heimvorteil sind in der Forschung umstritten. Schwartz und Barsky hatten 1977 festgestellt, daß der Heimvorteil bei den amerikanischen Sportarten am größten im Basketball und am kleinsten im Baseball ist. Das sprach gegen die Vermutung, die Vertrautheit mit dem eigenen Stadion - mit seinen Abmessungen, dem Boden oder den Temperaturen - sei ausschlaggebend.
Denn in keiner Sportart unterscheiden sich die Spielfelder mehr als im Baseball, in keiner sind sie sich ähnlicher als im Basketball. Andererseits gibt es statistische Anzeichen dafür, daß Fußballteams, die in ein neues Heimstadion umziehen, leichte Einbußen beim Heimvorteil zu verzeichnen haben.
Zweite Hypothese: Kein Reisestreß
Eine zweite Hypothese, die geprüft worden ist, sah im Reisestreß der Gäste einen Grund für ihr schwächeres Abschneiden. Daß bei Derbys, also nah benachbarten Mannschaften, der Heimvorteil wenig ausgeprägt ist, gilt als alte Wahrheit. Auch die Auswertung aller Fußballweltmeisterschaften zeigt einen negativen Zusammenhang zwischen Dauer der Anreise und Erfolg.
Der kalifornische Statistiker Richard Pollard hat herausgefunden, daß der Heimvorteil vor allem in den Anfangsjahren von Profiligen ausgeprägt ist und später abnimmt. Im englischen Fußball fiel er zwischen 1895 und der Gegenwart von fast 70 auf knapp 60 Prozent. Das könnte durch die früheren Strapazen bei der Anreise erklärt werden. Aus den puren Entfernungen der Spielstätten aber, so zeigten britische Sportwissenschaftler schon 1999, läßt sich ein solcher Effekt im gegenwärtigen Fußball nicht nachweisen.
Dritte Hypothese: Geographische Lage
Der Heimvorteil hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren im Fußball insgesamt abgeschwächt. Wo aber zeigt er sich noch am stärksten? Richard Pollard hat soeben eine Studie vorgelegt, für die alle Ergebnisse der letzten sechs Spielzeiten in europäischen, süd- und lateinamerikanischen sowie asiatischen Fußball-Ligen der Spitzenklasse ausgewertet wurden.
Der größte Heimvorteil existiert danach auf dem Balkan, in Tschechien und der Ukraine (zwischen 65 und 78 Prozent!) sowie in Bolivien, Peru und Ecuador. Dort werden mehr als zwei Drittel der Heimspiele gewonnen. Es folgen in Europa Frankreich, Portugal und Griechenland. Je nördlicher hingegen eine Liga, desto weniger fällt der Heimvorteil ins Gewicht. In Deutschland beträgt er knapp 63 Prozent, in England 61 und in Schweden nur 57 Prozent.
Vierte Hypothese: Testosteron-Werte
Diese Daten passen gut zu einem Befund der englischen Psychologen Nick Neaves und Sandy Wolfson. Sie haben die Testosteron-Werte von Mannschaften untersucht und festgestellt, daß die Spieler zu Hause höhere Werte zeigen. Testosteron wird bei Aggressivität ausgeschüttet. Insbesondere bei den Torhütern, die im Training noch das niedrigste Testosteron-Niveau aufweisen, und bei den Stürmern gehen die Werte vor dem Spiel hoch; am meisten, wenn zwischen den Mannschaften hohe Rivalität - entweder traditionell oder bestimmt durch den Tabellenplatz - herrscht.
Die Psychologen ordnen diesen physiologischen Tatsachen das Gefühl von Spielern zu, das eigene Territorium besonders verteidigen zu müssen. Es wären, so gesehen, also Mannschaften aus Bergregionen mit ausgeprägtem Territorialbewußtsein, denen ein größerer Heimvorteil zufällt.
Fünfte Hypothese: Aggressionsniveau
Dazu paßt, was man über den Einfluß des Publikums weiß. Der Heimvorteil ist nicht abhängig von der Menge der Zuschauer, ja nicht einmal davon, wie voll das Stadion ist. Allerdings hat der Übergang von offenen in geschlossene Stadien im American Football den Heimvorteil erhöht. Und Schiedsrichter, die den Lärm der Fans nicht hören, neigen in Laborexperimenten zu ausgeglicheneren Entscheidungen.
Eine Forschergruppe um den Sportmediziner W. Neil Widmeyer (Waterloo) hat überdies untersucht, wie umgekehrt Spieler versuchen, das Publikum anzuheizen. Heimmannschaften, so ihr Befund, ziehen ein höheres Aggressionsniveau des Spiels vor als Gäste. Je dichter die Atmosphäre, desto besser die Chancen des heimischen Teams. Für die deutsche Mannschaft und die Zuschauer heißt das: Einen echten Heimvorteil gibt es nur für den, der im Gefühl spielt, etwas grimmig verteidigen zu sollen. Kurz: Einen echten Heimvorteil gibt es nur für den, der wirklich an ihn glaubt.