29.05.2006 · Eine Woche vor dem WM-Eröffnungsspiel in München erleuchtet die Künstlerin Marie-Jo Lafontaine die Frankfurter Hochhäuser mit Großprojektionen von Fußballern und verwandelt die Stadt in ein „monumentales Fotoalbum“.
Von Heike SchmollSchon vor der Weltmeisterschaft werden sich die Fußballspieler warm laufen - wenn auch nur als virtuelle Gestalten an den Fassaden von Hochhäusern. Eine Woche vor dem Eröffnungsspiel in München verwandeln sich in Frankfurt am Pfingstwochenende neun Bankentürme - darunter der Commerzbank-Turm, mit Antenne das höchste Hochhaus Europas - in eine „Sky-Arena“.
Am Samstag, Sonntag und Montag werden jeweils von 23 Uhr an 40 Großprojektoren bis zu tausend Quadratmeter große Fotos und Bilderabfolgen auf die mit Folien versehenen Fassaden der Hochhäuser strahlen - „ein monumentales Fotoalbum großer Fußballmomente“.
„I love the world“
Der Fußballkunst folgt die Kunst: Die belgische Künstlerin Marie-Jo Lafontaine wird gleich darauf ein Publikum haben wie wohl nie zuvor. Auf Einladung der Stadt Frankfurt zeigt die 1950 geborene Lichtkünstlerin eine dreiteilige Projektion mit dem Titel „I love the world“. Der erste Teil setzt sich mit der Macht auseinander, der Macht der Politik, der Macht der Medien, der Macht der Ökonomie und der Technik.
Die Titelblätter politischer Magazine aus dem In- und Ausland werden auf den Bankentürmen erscheinen, ebenso überlebensgroße Augen, Symbole für die allgegenwärtige Überwachung durch Handynetze, GPS-Systeme und Nachrichtendienste.
Dialog mit dem Zuschauer
Die Künstlerin Marie-Jo Lafontaine, stahlblaue Augen und durchdringender Blick, begann mit Skulpturen und Gemälden. Inzwischen hat sie sich auf Raum-, Foto- und Videoinstallationen spezialisiert - und ist spätestens seit ihrem Auftritt mit der Videoinstallation „Les larmes d'acier“ (Die Tränen aus Stahl) bei der Documenta 1987 auch in Deutschland und über den Kreis der Kunstkenner hinaus bekannt.
Zu Beginn also sucht die Künstlerin, wie sie erzählt, den Dialog mit dem Zuschauer. Sie fragt ihn auf englisch, ob er sie höre. Immer wieder werden dann Textteile - gemischt mit Wolkenmotiven - auf die Bankenhochhäuser projiziert.
Virtuelle und mediale Ordnungssysteme
Riesige Porträts Jugendlicher sind das Leitmotiv des zweiten Teils. Schön, geheimnisvoll, ohne Masken blicken sie den Betrachter an, skeptisch auch und ablehnend, überlegen und erwartungsvoll. Es ist, als wollten sie den anschließend erscheinenden Staatsmännern Fragen stellen, den politischen Leitfiguren der Welt, den Repräsentanten der Vereinten Nationen.
Der Unübersichtlichkeit des Lebens stellt die Künstlerin virtuelle und mediale Ordnungssysteme und Raster entgegen - als Sinnbild moderner Metropolen und ihres vermeintlichen Orientierungsangebots. Wie eine Klammer für die gesamte Bildabfolge erscheinen im dritten Teil der Projektion wieder die Porträts der Jugendlichen. In ihrer Monumentalität auf den Hochhausflächen haben sie etwas Verstörendes.
Fassaden des täglichen Berufslebens
Zu den neuen Motiven im Schaffen der Marie-Jo Lafontaine gehören menschliche Oberkörper mit Tiermasken, mit Hasen-, Katzen- und Schweinsköpfen. Die Künstlerin will sie als Sinnbilder für all die Fassaden, die Kommunikationsbarrikaden und die Schauspielereien des täglichen Berufslebens verstanden wissen, kurz: als Allegorien der Lüge.
Mit Wolken und ihrem Formenspiel beendet Marie-Jo Lafontaine ihr Entree der Fußball-Weltmeisterschaft. Zwischen den Wolkenformationen erscheint an einem der Hochhäuser der Schriftzug „Why can't we share love?“
„Schönheit ist der Anfang des Schrecklichen“
Vom südlichen Mainufer aus sollen mehr als 10.000 Zuschauer das Fest aus Licht und Klang verfolgen können. Der Hessische Rundfunk wird die dazu ertönende Live-Musik zur gleichen Zeit senden, so daß auch weiter entfernte Zuschauer den Zusammenklang von Bild und Musik erleben können.
Regie wird der 1967 geborene Werbe- und Videofilmer Philipp Stölzl führen, der auch Musikvideos für Madonna produziert hat. Um Provokation gehe es ihr nicht, sagt die Künstlerin. Es gehe ihr um die Perspektive der schönen Jugendlichen, die sie zeigt, um ihren Blick auf die Wirklichkeit. „Schönheit ist der Anfang des Schrecklichen“, sagt Marie-Jo Lafontaine. Mit Schönheit, so meint sie, könnten nur wenige Leute umgehen.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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