15.06.2006 · Rund um das Spiel Deutschland gegen Polen ist es zu den bisher schwersten Ausschreitungen bei der WM gekommen. Auslöser waren offenbar deutsche Hooligans. 429 Personen wurden in Gewahrsam genommen. Es gab „einige Verletzte“, wie die Dortmunder Polizei am Donnerstag mitteilte.
Der Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger sprach von „ersten schlimmen Schatten auf der WM“, doch nach einhelliger Meinung der Experten ist die Krawallnacht von Dortmund unter dem Strich noch glimpflich verlaufen. „Das Sicherheitskonzept hat voll gegriffen. Die Polizei hat bewiesen, daß sie hervorragend vorbereitet war“, sagte der renommierte Sportsoziologe und Fanforscher Gunter A. Pilz: „Ich glaube nicht, daß uns jetzt noch Schlimmeres bevorsteht.“
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble lobte ebenfalls das WM-Sicherheitskonzept. Die „kleine Gruppe von Randalierern“ habe dank des gezielten Einsatzes der Polizei Nordrhein-Westfalen und der Bundespolizei „keine Chance bekommen, die Stimmung zu zerstören“. Bewährt habe sich bei dem Einsatz laut Schäuble vor allem die sehr enge Kooperation mit den polnischen Polizeikräften. Die Polizei nahm bei den Ausschreitungen rund um das Spiel Deutschland gegen Polen (1:0) insgesamt 429 Personen in Gewahrsam, darunter 278 Deutsche und 119 Polen. Für 96 Gewalttäter haben die Auseinandersetzungen strafrechtliche Konsequenzen. Die Polizei meldete insgesamt 33 Verletzte, darunter ein Beamter.
„Massivste Angriffe gegen Polizeibeamte“
Zu den schwersten Ausschreitungen in Dortmund war es ab dem frühen Mittwoch abend auf dem Alten Markt mitten in der Innenstadt gekommen. Eine Gruppe deutscher Hooligans, nach offiziellen Angaben 148 Personen, wurde dort von der Polizei eingekesselt. Als die Ordnungshüter mit ihren Maßnahmen begannen, wurden nach Polizeiangaben „durch umstehende alkoholisierte deutsche Fans, die offensichtlich nicht mit den polizeilichen Maßnahmen einverstanden waren, massivste Angriffe gegen Polizeibeamte geführt“. Dabei seien Flaschen, Steine, Leuchtraketen, Tische und Stühle geschleudert worden.
Dem Dortmunder Polizeipräsidenten Hans Schulze, der noch in der Nacht zum Donnerstag vor die Presse getreten war, gab vor allem ein „uns vorher nicht bekanntes Aggressionspotential“ zu denken: „Es war keine gute Stimmung in Dortmund. Vielen Leuten war ins Gesicht geschrieben: Heute ist Randale in Dortmund.“
Schulze erklärte außerdem, daß „viele der Festgenommenen“ der Polizei von den Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft am 3. September 2005 in Bratislava gegen die Slowakei (0:2) und am 1. März 2006 in Florenz gegen Italien (1:4) bekannt seien. Am Rande dieser beiden Partien war es ebenfalls zu Krawallen deutscher Hooligans gekommen.
Alte Bekannte
Die Behörden gehen davon aus, daß viele der aktenkundigen Randalierer trotz zuvor verhängter Meldeauflagen unerlaubt nach Dortmund gereist seien. „Dies kann man nur verhindern, wenn man jedem dieser Leute ständig einen Polizisten zur Seite stellt. Dann leben wir aber nicht mehr in einem Rechts-, sondern in einem totalen Überwachungsstaat“, meinte Pilz, Soziologie-Professor an der Universität Hannover und auch Berater des WM-OK.
Zwanziger sagte, daß man sich natürlich gewünscht habe, daß die WM vor solchen Krawallmachern und Gewalttätern verschont bliebe. „Ich hoffe, daß wir diese Bilder zweimal gesehen haben: zum ersten und zum letzten Mal.“ Zwanziger verwies darauf, daß es bei einem Großereignis wie der WM kaum zu verhindern sei, daß „solche Dinge passieren“. Darüber hob er hervor, daß es sich bei den Gewalttätern um eine „absolute Minderheit“ gehandelt habe, die die „tolle Gesamtstimmung im ganzen Land nicht kaputtmachen kann“.
„Ironie des Schicksals“
Auch der bei der WM 1998 von deutschen Hooligans lebensgefährlich verletzte französische Gendarm Daniel Nivel war auf Einladung des WM-OK zum Spiel nach Dortmund gekommen. OK-Vize Wolfgang Niersbach sprach von einer „Ironie des Schicksals“, daß es ausgerechnet rund um dieses Spiel zu den ersten großen Krawallen gekommen sei. Dennoch erteilte auch er der Polizei ein „Riesenlob“. Sie griff auch auf Spezialeinsatzkräfte zurück. Offizielle Zahlen wurden nicht bekannt gegeben, aber angeblich soll es sich um 2.000 Beamte gehandelt haben.
Allein die Westfalenmetropole wurde am Mittwoch zeitweise von mehr als 100.000 Fußball-Fans bevölkert, ein derartiges Aufkommen habe es laut Schulze in der Stadt „bislang noch niemals gegeben“. Überwiegend, so betonten alle Seiten, sei alles friedlich verlaufen. „Die Chaoten hatten keine Chance, dauerhaft zu stören“, meinte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ingo Wolf. Dies galt auch für die Jubelfeiern im übrigen Bundesgebiet.