08.06.2006 · Im größten Bordell Europas, dem Pascha in Köln, ist man auf den Ansturm der Fans vorbereitet. Die Frauen, allesamt Selbständige, sehen guten Verdiensten und Schichten von zwanzig Stunden entgegen.
Von Timo FraschNathalie ist zwanzig und Mutter eines kleinen Sohnes. Vergangenes Jahr hat sie ihre mittlere Reife gemacht. Ins Pascha, das größte Bordell Europas, ist sie über einen „Gang-Bang-Wettbewerb“ gekommen, der dort im vorigen Jahr stattfand: Mit 64 Männern hat sie eine Freundin besiegt. Die schaffte nur 52. „Bild“ hat darüber berichtet. Daher hat Nathalie auch keine Schwierigkeiten, ihr Gesicht vor die Kamera zu halten: „Mich kennt doch sowieso schon jeder.“
Nathalie arbeitet im FKK-Club, auf der Beletage des elfstöckigen Hochhauskomplexes am Rande der Kölner Innenstadt. Um 20 Uhr liegt über der Saunalandschaft ein Schleier gelassener Erwartung. Ein Ledergeschirr baumelt träge von der Zimmerdecke. Auf der Dachterrasse schaut ein nackter Mann der untergehenden Sonne nach. Am Abend geht das. Nachmittags ist die Terrasse für Freier gesperrt: „Damit die Frauen sich bei einer Tasse Kaffee ungestört von der harten Arbeit erholen können“, sagt Armin Lobscheid, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft des Pascha.
Nathalie macht es nur mit
Lobscheid ist studierter Betriebswirt. Als ihn die Firma, bei der er arbeitete, nach knapp dreijährigem Erziehungsurlaub nicht mehr weiterbeschäftigen wollte, mußte er sich etwas anderes suchen. Von einem Freund hörte er, daß sie im Pascha jemanden suchen. Seine Frau war einverstanden. Seitdem kümmert er sich um das Image des Pascha - und, wie er sagt, um das Wohlbefinden der Frauen.
Nathalie fühlt sich wohl im Pascha, sagt sie. Es sei wie in einer Familie. Eine Beziehung hat sie zur Zeit nicht, eine eingehen möchte sie nur, wenn der Freund ihren Job akzeptiert. Der Geschlechtsverkehr mit den vielen Männern mache ihr nichts aus. Vor Krankheiten habe sie keine Angst. Sie mache es nur mit. In der Hauspostille des Pascha ist ihr Bild zu sehen, auf Seite zwei, zusammen mit drei anderen halbnackten Frauen. „Für nur hundert Euro Eintritt Essen und Trinken und Ficken frei.“ Wer einen Blutspendeausweis hat, der nicht älter als vier Wochen ist, der darf auch ohne.
Islamisten beschwerten sich
Der „Pascha-Kurier“ ist Teil eines ausgeklügelten Marketingkonzepts, das auf die Fußball-WM zugeschnitten wurde. Das Pascha bietet Lustreisen auf einem Mittelmeerkreuzfahrtschiff, Übernachtungen mit Rundum-Service im hauseigenen Hotel und einen Stripclub, in dem potentielle Freier dazu ermuntert werden, eine Glastür weiter zu gehen. Unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freundinnen“ wurde für die WM ein Themenzimmer Fußball eingerichtet, in dem der Akt auf einem WM-OK-Bettbezug vollzogen wird. Seit Ostern ziert die Fassade des Pascha ein riesiges Plakat mit einer leichtbekleideten Frau und den Flaggen aller Länder, die an der WM teilnehmen werden. Eine Woche nach Ostern standen dreißig Islamisten vor der Tür. Inzwischen sind die Flaggen Saudi-Arabiens und Irans übermalt worden.
Sex soll eine Dienstleistung sein wie jede andere auch. Wer nicht zufrieden ist, kann sein Geld zurückverlangen - was nur ganz selten passiere, sagt Lobscheid. Männer könnten im Bordell ausleben, was sie sich zu Hause nicht trauten. Außerdem kämen Leute, die im normalen Leben keine Möglichkeit mehr haben, Sexualität auszuleben, Behinderte etwa oder Senioren. „Bis zu seinem 86. Lebensjahr ist zu uns regelmäßig ein alter Herr gekommen. Der hat vorher immer angerufen, dann sind wir runter, um ihn unterhaken zu lassen“, sagt Lobscheid. „Jetzt haben ihn die Verwandten ins Altersheim gesteckt.“
Gutaussehende und verfügbare Frauen
Der Philosoph Michel Foucault nannte das Bordell einen „Ort jenseits aller Orte“, der „eine Illusion schafft, welche die gesamte übrige Realität als Illusion entlarvt“ oder „einen anderen realen Ort schafft, der im Gegensatz zur wirren Unordnung unseres Raumes eine vollkommene Ordnung aufweist“. Beides ließe sich mit gewissem Recht für das Pascha behaupten. Die Freier treffen dort auf gutaussehende und verfügbare Frauen, die sie auf der Straße wohl mit Nichtbeachtung straften. Standardprogramm ab dreißig Euro.
Auch für die Frauen ist das Pascha „ein Ort jenseits aller Orte“. Sie kommen meist aus dem Ausland und haben es in Deutschland, oft ohne Sprachkenntnisse und Ausbildung, schwer, eine Arbeit zu finden. Eine Prostituierte dürfte im Pascha an die 75 000 Euro netto jährlich verdienen können - wenn man Zahlen des Prostituiertenvereins Doña Carmen für das Frankfurter Bahnhofsviertel auf das professioneller geführte Pascha überträgt. Dafür muß sie das Haus, in dem manche auch ihren Wohnsitz haben, nicht einmal verlassen. Es gibt alles und für wenig Geld: einen Arzt, einen Masseur, einen Friseur, ein Kosmetikstudio - und keinen, der das, was im Pascha passiert, unnormal fände.
„Depperle haben keine Chancen“
Der siebte Stock ist Transsexuellen vorbehalten. „Auch im Pascha regelt der Markt alles zum besten“, sagt Lobscheid. Jede Frau kann sich einmieten, es gibt keine Vorschriften, wie sie auszusehen und welche Dienste sie anzubieten hat. „Das dürften wir gar nicht“, sagt Lobscheid, schließlich arbeiteten die Frauen als Selbständige. „Depperle haben bei uns keine Chance“, sagt Lobscheid. Die Frauen müßten in der Lage sein, die Bedürfnisse des Freiers schnell zu erkennen und ihn im Gespräch für sich einzunehmen. „Wenn sie dazu nicht in der Lage sind, können sie die Miete nicht mehr bezahlen und müssen ausziehen.“
Bei Jina scheinen die Geschäfte gut zu laufen. Ihr Swarovski-Collier ist wirklich wertvoll. Tanja, wie Jina eine Transsexuelle, kommt auf einen Schwatz vorbei. Sie ist Ende 30 und operiert, am Busen. „Auch im Gesicht“, sagt sie. Im Laufe ihrer gut zwanzigjährigen Karriere sei sie zweimal zusammengeschlagen worden von Zuhältern, für die sie nicht habe arbeiten wollen. Im Pascha gebe es das gottlob nicht. Sie will noch weiter arbeiten. Gut ein Jahr. Danach möchte sie sich in Spanien zur Ruhe setzen. Ein Apartment habe sie schon angezahlt. Die Fußball-WM will sie auf jeden Fall noch mitnehmen. Die Zahl von 30.000 Freiern, die angeblich im Pascha monatlich ein und aus gehen, soll sich in diesem Monat verdoppeln. Vom Wochenende an macht sie auch Schichten von zwanzig Stunden.
„Soll ich weinen?“
Hausmeister und Putzfrauen sorgen im Pascha für penible Sauberkeit. Es ist sehr warm, damit die Frauen, die vor ihren Zimmern sitzen, nicht frieren. Die Freier schwitzen. Selbst wenn sie warten. Vor manchen Zimmern steht ein Hocker mit einem Handtuch. Das ist das Zeichen, daß das Zimmer gerade in Benutzung ist. Vanessa wartet vor der Tür. Sie ist erst vor zwei Wochen aus Prag gekommen und lacht unentwegt. Gefällt es ihr hier? „Nein.“ Warum lacht sie dann? „Soll ich weinen?“
Von 30.000, gar 40.000 Zwangsprostituierten, die zur WM eingeschleust würden, war die Rede. Der Deutsche Städtetag brachte die Zahl in Umlauf, das Bundeskriminalamt hält sie für unseriös. Der Deutsche Frauenrat, die Dachorganisation der Frauenverbände, hat Freier dazu aufgerufen, über eine Hotline oder gleich der Polizei zu melden, wenn Prostituierte eingeschüchtert wirkten oder Anzeichen von Mißbrauch aufwiesen. Selbst der amerikanische Präsident hat die Bundeskanzlerin bei ihrem jüngsten Besuch auf die Prostitution in Deutschland angesprochen.
Keine Zwangsprostitution
Lobscheid, der zum Ausspannen gern auf eine Alm geht, spricht von einer Scheindiskussion, mit der man die Prostitution diskreditieren wolle. Er stimmt mit Prostituiertenverbänden wie Doña Carmen überein, daß die Prostitution nicht grundsätzlich Zwangscharakter habe. Es sei falsch zu glauben, daß alle Prostituierten, was sie machen, ungern machten. In seinem Haus gebe es keine Zwangsprostitution. Das bedeute nicht, daß nicht hin und wieder Frauen mit gefälschten Papieren arbeiteten - „trotz aller Überprüfungen und dem Datenaustausch mit der Polizei, mit der uns übrigens ein kooperatives Verhältnis verbindet“, was die Kölner Polizei bestätigt.
Im April vergangenen Jahres führte die Polizei mit 300 Beamten eine Razzia im Pascha durch. 23 Personen wurden vorläufig in Gewahrsam genommen. Eine Schußwaffe, Munition und fünf Gramm Kokain wurden gefunden, sagt ein Polizeisprecher. Sechs der Festgenommenen wurden wegen Anhaltspunkten für Straftaten nach dem Zuwanderungsgesetz dem Haftrichter vorgeführt. Anzeichen für Zwangsprostitution gab es nicht.
Von der Suite aus, in die Nathalie die Männer mitnimmt, wenn sie genug vom Saunieren haben, hat man einen schönen Blick auf den Kölner Dom. „Dem wollen einige Herren, die in irgendwelchen Kommissionen sitzen, den Status eines Weltkulturerbes aberkennen“, sagt Lobscheid. „Es ist schon unglaublich, womit manche Leute ihr Geld verdienen.“