12.06.2006 · Die NPD bejubelt Irans Präsidenten Ahmadineschad, weil er gegen Israel und westliche Werte ist. Die Rechtsextremen wollen die WM für eine politische Offensive nutzen. Gegenüber der „Feindreligion“ Islam bringt die NPD „partielle Wertschätzung“ auf.
Von Markus Wehner„Uns ist die iranische Mannschaft besonders sympathisch“, sagt Klaus Beier, Bundessprecher der NPD. Denn sie bestehe, anders als europäische Fußball-Teams, „aus nationalen Spielern“. Zudem übe seine Partei Solidarität mit Iran, da dem Land ein Angriffskrieg der Vereinigten Staaten drohe. Deswegen bekunde die NPD ihre „besondere Verbundenheit mit dem iranischen Volk und der iranischen Mannschaft“. Das Wunschendspiel der Nationalisten: Deutschland gegen Iran.
Iran und WM - in dieser Verbindung sieht die NPD die Chance für eine politische Offensive. Daß sich Teheran gegen den Westen stellt, bejubeln deutsche Rechtsextremisten. Ihr antiamerikanisches und antizionistisches Feindbild teilen sie mit Präsident Mahmud Ahmadineschad. „Gegen den Neokolonialismus Amerikas und den Staatsterrorismus Israels können sich die Muslime der Solidarität von Nationalisten sicher sein“, heißt es im Aufsatz eines NPD-Politikers.
NPD sieht auch Risiken für ihr Image
Vier Veranstaltungen hat die NPD während der WM angemeldet. In Gelsenkirchen marschierten am Samstag etwa zweihundert NPD-Anhänger durch die Stadt, Tausende Demonstranten hielten dagegen. Das Motto des NPD-Umzugs lautete „Arbeit für Millionen statt Profit für Millionäre“ - doch hatte die NPD die Stadt ausgesucht, wo am Vortag Polen gegen Ecuador spielte. Der Versuch, den Aufmarsch gerichtlich verbieten zu lassen, scheiterte am Bundesverfassungsgericht.
Indes sehen die Nationaldemokraten auch Risiken für ihr Image. Denn auch nationalistisch gestimmte Bürger könnten es der Partei übelnehmen, wenn das Fußballfest unter gewalttätigen Zusammenstöße mit linken Gegendemonstranten litte. Im September rechnet sich die NPD Chancen auf einen Einzug in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern aus. Potentielle Wähler will man da nicht als „Randale-Partei“ verschrecken. Deswegen hat der NPD-Bundesvorstand in einer Erklärung die Partei als friedliebende, staatstragende Kraft dargestellt: „Der NPD-Parteivorstand hat keinerlei Interesse daran, die bereits angespannte Sicherheitslage in Deutschland durch zusätzliche Demonstrationen während der WM zu gefährden“, heißt es in schlechtem Deutsch.
Größte Veranstaltungen wohl in Frankfurt und München
Daß es darum geht, daß man im Zweifelsfall nicht politisch haftbar gemacht wird, verheimlicht Bundessprecher Beier nicht. „Wichtig ist, daß nicht mit NPD-Briefkopf angemeldet wird“, sagt er. Natürlich könne man es den NPD-Mitgliedern nicht verbieten, ihr Grundrecht auf freie Meinungsäußerung wahrzunehmen. Tatsächlich haben NPD-Funktionäre die vermutlich größten Veranstaltungen von Rechtsextremisten während der WM in Frankfurt und München angemeldet. In der bayerischen Landeshauptstadt tat das im Namen des NPD-Bezirksverbandes Oberbayern dessen stellvertretender Vorsitzender Norman Bordin. Er ist der informelle Führer der „Kameradschaft München“, die Neonazis und Skinheads vereinigt.
Vor sechs Jahren hatte Bordin in München die „Kameradschaft Süd“ gegründet, mußte zwischenzeitlich 15 Monate Haft absitzen, weil er an einem Überfall mit schwerer Körperverletzung auf einen Griechen beteiligt war. Bordin trat im September 2004 der NPD bei, gemäß deren Volksfront-Konzepts, nach dem die Partei sich für Neonazis und rechtsextremistische Skinheads öffnen soll. Die Demonstration am 1. Juli in München trägt den Titel „Nur ein Esel glaubt noch an den Sozialstaat in der BRD - Rückführung statt Integration“. Doch ist es übliche Praxis der NPD, andere Themen anzugeben, als man verfolgt. Im vergangenen Jahr meldete Bordin zum 9. November eine Veranstaltung zum 16. Jahrestag des Mauerfalls an. Auf ihr wurde aber nach Angaben des bayerischen Verfassungsschutzes des Hitlerputsches am 9. November 1923 gedacht.
„Partielle Wertschätzung“ der „Feindreligion“ Islam
Neben der NPD planen auch „Kameradschaften“ und „Freie Nationale“ Veranstaltungen während der WM - in Frankfurt, Halle, Murnau und Saarlouis. Doch sind die Anmelder teilweise NPD-Politiker. So hat in Frankfurt der NPD-Funktionär Marcel Wöll die Demonstration der „Freien Nationalen“ für den 17. Juni angemeldet - sie ist der „Solidarität mit dem Iran“ gewidmet. An diesem Tag spielt die iranische Mannschaft in Frankfurt gegen Portugal. Der 23 Jahre alte Wöll ist nach Einschätzung des hessischen Verfassungsschutzes ein „in der Wolle gefärbter Neonazi“. Er trat erst vor kurzem der NPD bei, zog für sie im hessischen Butzbach in den Stadtrat ein und wurde im Mai zum hessischen Landesvorsitzenden gewählt. Das Bündnis mit Islamisten ist für Wöll kein Problem. „Es gibt ja auch in der Geschichte viele Beispiele, daß zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg die Waffen-SS mit muselmanischen Verbänden oder auch osteuropäischen Verbänden gekämpft hat“, sagte er dieser Tage dem Hessischen Rundfunk.
Dem Islam bringt die NPD zumindest „partielle Wertschätzung“ entgegen. So wirke der Islam in Europa als Anleitung „zum Verzicht auf Mischehen“ und leiste damit „einen wichtigen Beitrag zum ethno-biologischen Erhalt der Deutschen“, schreibt der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel. „Solange die Fremden wegen der politischen Verhältnisse noch nicht ausgewiesen werden können, muß ihre islamische Identitäts- und Glaubensgemeinschaft möglichst intakt bleiben, damit es nicht zu kulturellem Einheitsbrei und Völkervermischung kommt“, fordert Gansel, der aber Wert darauf legt, „daß der Islam in Europa eine Fremd- und Feindreligion“ bleibt.
Gewaltsame Auseinandersetzungen erwartet
In Sicherheitskreisen wächst indes die Befürchtung, daß eine Gemengelage entstehen könnte, in der sich die Rechtsextremen allein durch die Störung der Anti-Ahmadineschad-Veranstaltungen eine internationale Bühne verschaffen könnten. Nach Angaben des hessischen Verfassungsschutzes ist für den 17. Juni eine bundesweite Mobilisierung der rechtsextremen Szene nach Frankfurt im Gange. Zahlreiche jüdische und nichtjüdische Organisationen haben für den gleichen Tag eine Großdemonstration auf dem Frankfurter Opernplatz gegen Ahmadineschad unter dem Motto „Keine Gastfreundschaft für Volksverhetzer“ angekündigt. Zudem ruft die linke Antifa-Szene zu Gegendemonstrationen auf. Die Polizei geht von gewaltsamen Auseinandersetzungen aus; derzeit ist die Demo der „Freien Nationalen“ verboten.
An diesem Sonntag spielt Iran in Nürnberg gegen Mexiko. Auf einer Protestkundgebung werden unter anderem die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth und der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) gegen Holocaust-Leugner Ahmadineschad auftreten. Roth wendet sich auch gegen die Vereinnahmung der iranischen Fußballer durch die NPD. „Wie die NPD versucht, die iranische Fußballmannschaft als völkisch reine Nationalmannschaft für ihre Zwecke zu mißbrauchen, ist widerlich. Wenn nur ein einziger iranischstämmiger Spieler in der deutschen Mannschaft spielen würde, dann würde die NPD ihn beschimpfen und seinen Ausschluß fordern“, sagt sie.
Tatsächlich hetzt die NPD seit Monaten gegen „nichtnationale“ deutsche Spieler wie den gebürtigen Ghanaer Gerald Asamoah. „Auch wenn er sieben oder acht deutsche Pässe hat, wird er nie ein Deutscher sein“, sagt der NPD-Bundessprecher Beier. Aber wie ist es mit dem deutschen Sturm, Lukas Podolski und Miroslav Klose, die aus Polen kommen und sich auf dem Rasen auf polnisch verständigen? „Da sind wir fein raus“, sagt der NPD-Sprecher, „das sind ja Oberschlesier“.
Markus Wehner Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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