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Nationalmannschaft Deutschland is eens

12.06.2006 ·  Die Fußball-Weltmeisterschaft schweißt Deutschlands Osten und Westen weiter zusammen. Beckenbauer sagte der vereinigten deutschen Nationalmannschaft voraus, daß sie auf Jahre hinaus unschlagbar würde. Jetzt könnte sie es beweisen.

Von Olaf Sundermeyer, Berlin
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Am Rande des Grunewalds herrscht eine sehr deutsche Regel, die Ost und West überdauert hat: „Draußen nur Kännchen“ gilt auf der barockigen Terrasse mit Blick auf den friedlich grünen Garten des Schloßhotels. Helmut Klopfleisch hatte schnell noch die letzte Gelegenheit genutzt, sich hier beim Amselzwitschern im schnieken hellen Sommeranzug den duftenden Kaffee aus einem silbernen Kännchen einschenken zu lassen.

Denn seit unter dieser Terrasse die Adiletten von „Poldi“ und „Schweini“ über das schwimmende Parkett quietschen, ist dieses stilvolle Ambiente für Klopfleisch und die übrigen Fans der deutschen Fußballnationalmannschaft eine No-Go-Area, gleich, welche Hautfarbe oder Religion sie haben. Nach dem ersten Schluck wandert sein zufriedener Blick über die geputzten Zimmerfenster des Hotels: „Ich wollte doch mal sehen, wo die Jungs so schlafen“, sagt er in einem Ton, als gehöre er zur Familie. Dann zeigt er seine Fotos: „Ich und der Franz. Ich und Ulf Kirsten - und hier“, Klopfleisch zögert feierlich, um es spannend zu machen, „ich und der Bundestrainer, als der noch stürmte“.

Vereinigte deutsche Nationalmannschaft unschlagbar

Und tatsächlich, auf dem Bild greift sich der kräftige Klopfleisch einen hageren sportlichen Mann mit - etwa längeren - blonden Haaren zu einer einseitigen Umarmung. In der Wegdrehbewegung müht sich der Blonde noch zu einem kurzweiligen Lächeln für den Fotografen. Das Bild stammt aus einer Zeit, 1994, über die „der Franz“ einst sagte, daß sie von einer vereinigten deutschen Nationalmannschaft dominiert werden würde, die auf Jahre hinaus unschlagbar sei.

Es kam anders; immerhin schaffte er es vier Jahre zuvor, der fast wiedervereinigten Nation das Gefühl zu schenken, selbst unschlagbar zu sein: mit dem WM-Titel 1990 in Italien, der Ostberliner Fußballfan Klopfleisch war dabei, mitten in Rom. „Wahnsinn! Damals dachten ja auch alle noch an Brüder und Schwestern.“ Auf diese ungeteilte Freude mußte Klopfleisch seit dem Wunder von Bern warten. Damals war er sechs Jahre alt.

Aus FDJ-Hemd eine Hertha-Fahne genäht

„1954 war noch ein gesamtdeutscher Sieg“, sagt der Sporthistoriker Rene Wiese von der Universität Potsdam über den ersten deutschen Weltmeistertitel, „1974 dann war es ein geteilter Sieg. Und bei den meisten Fans in der DDR schlugen natürlich zwei Herzen in der Brust, anders als bei Herrn Klopfleisch.“ Denn bei Helmut Klopfleisch, der den Historikern heute ein wichtiger Zeitzeuge ist, schlug nur das eine, für die Mannschaft der Bundesrepublik. Und für seine Fußballeidenschaft ging der gelernte Elektriker immer wieder ins Gefängnis - der Staatssicherheit.

Denn auch nach dem Mauerbau 1961 blieb er seinem Klub, der (West) Berliner Hertha, treu. Aus einem blauen FDJ-Hemd nähte er sich eine Hertha Fahne. Und dann diese Reisen! Der Nationalmannschaft der BRD hinterher, überall im Ostblock, Sofia, Prag, Warschau. Dort, 1971, bei einem Spiel gegen Polen überreicht er Helmut Schön, dem ostdeutschen Trainer der Westdeutschen, einen kleinen Berliner Bären als Zeichen für die Einheit seiner Stadt. Klopfleisch fällt der Stasi auf, muß immer wieder zu Verhören in das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen - bis ihn die DDR Mitte der 80er Jahre ausreisen läßt. Heute lebt er in Westberlin und hofft, „daß uns diese WM endlich wieder zusammenbringt“.

Von zwölf WM-Stadien nur eines im Osten

Das hofft Michael Lampelt, der Vorsitzende von Eintracht Reichenwalde, auch: „Wenigstens für die Dauer des Turniers und in den Stadien werden Ost und West zusammen sein.“ Lampelts Klub spielt ganz unten, in der Brandenburger Fläche, also dort, wo aufgeregte Berliner eine No-Go-Zone vermuten und japanische Kamerateams nach solch öden Orten suchen. Lampelt jedenfalls kann mit internationaler Aufmerksamkeit umgehen. Schließlich hat er schon mit Brasilien verhandelt und mit Norwegen. Denn Reichenwalde hat „den besten Platz weit und breit“. Der Dorffußballplatz hat sogar einen eigenen Greenkeeper, der McEwan heißt und aus Schottland kommt. Den schickt ein Nobelhotel, mit dem Eintracht Reichenwalde eine Partnerschaft hat.

Das Hotel liegt im nahen Bad Saarow, wo Max Schmeling schon das Leben genoß, lange bevor Deutschland sich teilte. Leider hatte Brasilien sich für ein WM-Quartier im Westen entschieden, und Norwegen verpaßte die Qualifikation. Von 32 Mannschaften hat sich eine nur für den Osten entschieden; die Ukrainer schlafen in Potsdam. „Na ja, wir haben ja auch noch das Stadion in Leipzig, da werden dann viele aus dem Westen hinfahren und den Osten kennenlernen“, hofft Lampelt. Von 12 WM-Stadien steht eines im Osten, eine Frage der Infrastruktur. Die hat Lampelt für seinen Standort selbst geklärt. Pünktlich zur WM ist das Sportlerheim fertig gebaut, „in Eigenarbeit“. „Die Mittel dafür gab es vom Sonderförderprogramm Goldener Plan Ost“, sagt der Parkettleger, dessen Gang von Fußball und Parkettlegen erzählt.

Nur beim Fußball gibt es keine Unterschiede mehr

Peter Danckert ist mächtig stolz darauf, daß der sogenannte „Goldene Plan Ost“ des Bundes den Sport fördert. Von seinem Arbeitsplatz im Berliner Regierungsviertel aus ist der Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag binnen einer halben Stunde tief im Osten. Der Wahlkreis des Kielers liegt auch in einer angeblichen No-Go-Area, Barnim und Märkisch-Oderland. Aber Danckert setzt zur WM auf den verbindenden Charakter des Fußballs: „Ich glaube, das ist der einzige Punkt, in dem es keine Unterschiede mehr gibt.“

Scheinbar hat er recht. Eberswalde, Kreis Barnim: Die Regale in der Kaufhalle neben den unsanierten Plattenbauten des Brandenburgischen Viertels sind endgültig leer, der Laden ist zu. Platz genug für Andreas Richter, 25, und die anderen 50 vom größten Hertha-Fanclub im Osten, um hier Fußball zu gucken. Großbild, Dosenbier, Deutschlandfahne, ole, ole. „Ick bin Hartz-IV-Empfänga, wie viele hier, da is an WM-Karten nisch zu denken. Zum Finale fahn we dann alle jemeinsam nach Berlin uff de WM-Meile.“ Bis dahin laufen die Spiele in der Kaufhalle.

„Deutsche Mannschaft ist eben deutsche Mannschaft“

„Die Bude wird uns vonna Stadt zur Verfüjung gestellt, is son Projekt, weil et billija is, als mitte Abrißbirne alles wechzuhaun“, sagt der Vorsitzende. An der Wand hängt neben der blauweißen Vereinsfahne eine schwarz-rot-goldene. „Ick hab och een Deutschlandtrikot, mit die Drei druff“, Arne Friedrich, Hertha-Spieler und dieser Tage mit Poldi und Schweini im Schloßhotel. Andreas Richter ist Eberswalder, „ick bin hier jeborn, und hier kriecht mich keena mehr wech“. Nach Berlin geht's mal zum Einkaufen, in die Disco, oder eben zur Hertha.

Aber warum grad Hertha? Ist das nicht ein Westverein, der nach Ku'Damm, Dieter-Thomas Heck und Eberhard Diepgen schmeckt? „Ja, ist auch eigentlich ein Westverein.“ Aber zu DDR-Zeiten habe es auch mal eine Freundschaft gegeben zwischen Hertha und Union Berlin aus dem Osten. Richter findet, daß mit diesem ganzen Gequatsche über Ost und West endlich mal Schluß sein muß. „Und inna Kurve is nur Zusammenhalt. Da siehste nich, ob eena ausm Osten oder ausm Westen kommt.“ So wie bei der WM, wo jeder Tag Spieltag ist. „Fußball schweißt zusammen.“ Andreas Richter geht noch einen Schritt weiter: „Die WM wird uns auch wieder ein Stück zusammenbringen. Deutschland is eens. Deutsche Mannschaft ist eben deutsche Mannschaft.“

Weltmeister noch vor der amtlichen Vereinigung

Axel Kruse hatte das vor 20 Jahren noch ganz anders erlebt. Der ehemalige Profi von Hertha war im Osten „der Sparwasser der Junioren“. Als Talent von Hansa Rostock schafft es der heute 39jährige zur Europameisterschaft der Junioren 1986. Angeführt von Matthias Sammer, heute Sportdirektor des DFB, gewinnt die DDR 1:0 gegen die BRD, bei der auch Oliver Bierhoff im Kader steht, heute Teammanager der Nationalmannschaft und mit Poldi und Schweini und Arne Friedrich zu Gast im Schloßhotel. Kruse machte das Tor, und die DDR gewann später den Titel.

„Im Speisesaal unseres Hotels kamen dann die Jungs aus dem Westen zu uns an den Tisch. Aber wir konnten ja dort mit denen nicht reden, wegen unserer Betreuer.“ Es folgte eine Sause auf dem Zimmer. „Als ich dann wieder nach Hause kam, dachte ich, daß sie mich als Helden feiern würden. Aber ich mußte erstmal zum Stasi-Verhör.“ Einer, der bei der Sause dabei war, hatte gepetzt. Drei Jahre später setzte Kruse sich bei einem Spiel in Kopenhagen in den Westen ab. Bald fiel die Mauer, und im darauffolgenden Sommer wurde Deutschland Weltmeister, noch vor der amtlichen Vereinigung.

„Mit diesem Titel schließt sich die Klammer dann wieder“, sagt Historiker Wiese und meint das gesamtdeutsche Fußballgefühl. Historisch ist es längst erwiesen, daß dieser Titel die Deutschen einander nähergebracht hat. Ob die Wochen dieser WM im eigenen Land das auch schaffen werden? Man weiß es nicht. „Das werden wir erst in ein paar Jahren bewerten können.“

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