17.06.2006 · Alles, was der Ball ist: Das Weltbild des Fußballs wird durch Techniker produziert. Es sind nicht dunkle Verschwörer, sondern Mitarbeiter einer Tochter des Rechtehändlers Infront. Was wir sehen, wenn wir im Fernsehen Fußball sehen - eine Stilkritik.
Von Peter KörteEs gibt dann doch eine Welt in der Welt. Sie liegt in München, auf dem Messegelände am Stadtrand. Da sitzen hochqualifizierte Techniker im großen „Master Control Room“, sie schauen auf zahllose Monitore, sie bedienen Mischpulte und Computer, und das Ganze sieht so aus, als hätte sich die Nasa von Nam June Paik eine Installation entwerfen lassen. Hier wird das Weltbild produziert. Das Weltbild des Fußballs, die Bilder von den Spielen, die um die ganze Welt gehen, und es sind nicht dunkle Verschwörer am Werk, sondern Mitarbeiter der Firma „Host Broadcast Service“ (HBS), einer Tochter des Rechtehändlers Infront übrigens, an der Günter Netzer beteiligt ist.
Im International Broadcast Center wird entschieden, was wir sehen, wenn wir im Fernsehen Fußball sehen. Hier werden die Bilder aus den Stadien empfangen, in denen bis zu 25 Kameras jeden Quadratzentimeter abdecken, und diese Bilder werden dann weitergegeben an 250 Sender auf fünf Kontinenten. Sechs Regisseure führen Weltregie, so heißt das tatsächlich, und das klingt dann doch fast wie in dem Film „Matrix“, wenn der Rebellenführer Morpheus sagt: „Die Matrix ist überall. Sie ist die Welt, die man uns übergestülpt hat.“ Die sechs Weltregisseure komponieren das Hauptmenü, das unsere Wahrnehmung des Spiels präformiert, so wie Windows zum Fenster zur virtuellen Welt geworden ist. Wer lange nicht mehr in einem Stadion war, der weiß deshalb oft gar nicht mehr, wie ein Fußballspiel „wirklich“ aussieht.
Denn die Übertragung eines Spiels ist eben nicht dessen Dokumentation; sie ist seine Inszenierung, und der Unterschied zu einem Kinofilm liegt darin, daß die Montage der Bilder strengeren Regeln unterworfen ist. Zwischen Finnland und Feuerland, zwischen Australien und den Antillen sieht das Spiel gleich aus. Das ist, zum einen, das Geheimnis seines Erfolgs: die Standardisierung; und das bedeutet zum anderen, daß selbst unterschiedlich verlaufende Spiele sich auf dem Bildschirm entschieden stärker ähneln als im Stadion.
Raumdeutungen
Das Fernsehen hat das Fußballspiel grundlegend verändert. Genauer gesagt, es hat es verdoppelt: die zwei Körper des Königs Fußball. Der eine existiert im dreidimensionalen Raum des Stadions, der andere ist zweidimensional wie der Bildschirm. Was wir auf diesem Schirm sehen, das ist eben nicht das ganze Spiel. Es ist ein anderes Spiel, welches zugleich das reale Spiel nach seinen Bedürfnissen geformt hat. Spieler agieren heute nicht mehr „für die Galerie“, wie man früher abfällig sagte; sie spielen auch für die vielen Kameras, die all ihre Schritte verfolgen. Die Choreographie des Torjubels, das Bekenntnis auf dem T-Shirt, sie sind auf den Rängen ja gar nicht so genau zu sehen. Es sind Posen für die Kameras, und die Bilder, die diese Kameras liefern, können die Zuschauer mittlerweile auch in vielen Stadien auf den Videowänden sehen. Man kann deshalb auch nicht diese Form der Wiedergabe kritisieren, weil es zu ihr keine grundsätzliche Alternative gibt. Aber man kann sich die Inszenierung anschauen. Das ist dann Stil- statt Spielkritik.
Und weil das so ist, gibt es natürlich längst deutsche Beschwerden über das Weltbild, welches die hiesigen Fernsehsender nahezu unverändert laufen lassen, sieht man mal von der Einblendung imaginärer Abseitslinien und Freistoßkreise ab. Nikolaus Brender, der Chefredakteur des ZDF, hat beklagt: „Es war zu häufig die Bildtotale zu sehen und zu selten die emotionale Nähe im Bild umgesetzt.“ Die „Bild“-Populisten behaupten unter Berufung auf anonyme Experten, die Bildtotale sei nur dazu da, die Werbebanden besser ins Bild zu rücken, und Heribert „Gutenabendallerseits“ Faßbender echauffiert sich schon übers Sponsorendiktat für Milliarden Zuschauer.
Das ist natürlich großer Unsinn. Oder atemberaubende Ignoranz von Leuten, die Ästhetik und Ökonomie nicht auseinanderhalten können. Es mag ja schon sein, daß die Fifa, der man alles zutraut, ihrem Fernsehpartner HBS entsprechende Auflagen macht, doch das Übergewicht der Totalen ist vor allem ein Stilmerkmal - und die bessere Lesbarkeit der Werbung ein Nebeneffekt. „Klassisch“ nennt der HBS-Chef diesen Stil, was zwar ziemlich prätentiös klingt, aber sagen will: dem Fußball angemessener. Denn daß es im Fußball vor allem um Räume geht, um Raumorganisation, um Raumgewinn und Raumerfahrung, daß die ganze Schönheit des Spiels ebenso wie seine Resultate aus der Beherrschung des Raums entstehen, das ist im Fernsehen längst verlorengegangen. Das Fernsehen hat die Räume so eng gemacht, wie es Jürgen Klinsmann auf dem Platz von seiner Mannschaft sehen möchte.
Ballbeispiele
Der Effekt allerdings könnte nicht unterschiedlicher sein. Die Führungskamera erfaßt nie mehr als zirka 30 bis 40 Meter eines bis zu 120 Meter messenden Feldes in der Länge und, im günstigsten Fall, die gesamte Breite von 50 bis 60 Metern. Verlagert sich das Spiel in einer Hälfte jedoch auf die Seite, welche dem Standort der Führungskamera gegenüberliegt, läßt ein Zoom das Feld schrumpfen - sichtbar ist dann nur noch ein Raum von 30 mal 30 Metern. Was außerhalb geschieht, im Off, wo zentrale Spielzüge vorbereitet werden - was man im Stadion mühelos verfolgen kann -, das ist unsichtbar, und oft bleibt es daher rätselhaft, warum ein Spielzug so erfolgreich war. Da wirkt der „klassische“ Stil wie das Bemühen von E-Jugend-Spielern, die das Spiel ohne Ball erst lernen müssen.
In Deutschland nun hat man sich seit ein paar Jahren an die vielen Nahaufnahmen gewöhnt, als seien diese der Kern des Spiels: Choleriker in der Coaching-Zone, bunte Gesichtsbemalungen im Fanblock, Zeitlupenzupfer am gegnerischen Trikot. Das nennt man „mehr Emotionen rüberbringen“. Diese nationale Fixierung ändert jedoch nichts daran, daß auch die Weltregie mit Standardeinstellungen arbeitet wie die Spieler auf dem Feld mit Standardsituationen; daß sie einem vertrauten Schnittmuster folgt und dem Spiel dadurch oft einen Rhythmus verleiht, der nicht unbedingt dessen eigener Rhythmus ist. Wenn der Spielaufbau zu lange dauert, springt die Regie gern aus der Totalen in eine Seitenansicht, die Tempo simuliert, wo gar nicht besonders schnell gespielt wird, weil sie Intensität durch einen Allerweltszweikampf an der Seitenauslinie suggeriert. Bei dieser Weltmeisterschaft fällt das besonders auf, weil die Führungskamera in großer Höhe montiert ist - wodurch die Schnitte von der Totale in die Halbnahe härter wirken als gewohnt. Und wenn der Ball ruht, schenkt uns die Weltregie, wie beim Spiel gegen Polen, so lange Frau Merkel, daß einem der längst wieder rollende Ball entgeht.
Diese Schnittmuster werden kaum variiert. Auch die „klassische“ Version wählt bei ruhenden Bällen bevorzugt die Halbnahe und zeigt den ausführenden Spieler beim Eckstoß oder, in einer Art „reaction shot“, nach erfolglosem Torschuß. Sie sucht den Protagonisten, die Emotion, sie inszeniert den einsamen Helden wie im Hollywood-Kino. Erst der Schnitt zeigt dann, wo der Ball hinfliegt oder hingeflogen ist. Mehr über das Spiel erführe man, wenn öfter in derselben Einstellung der Spieler die Konstellation im Strafraum zu sehen wären, weil überlegenes Spiel nun mal vom Antizipationsvermögen der Spieler abhängt. Doch wenn Ronaldinho einen Freistoß tritt, ist er reif für seinen Close-up. Daß die Präzision seines Schusses sich erst würdigen läßt in Relation zur Verteilung der Mitspieler im oder am Strafraum, demonstriert allenfalls die Wiederholung.
Gladiatorschuß
Die Inszenierung hat sich stellenweise so weit von der Realität des Spiels entfernt, daß es auch schwer begreiflich ist, warum die Weltregisseure jene mächtigen Emotionalisierungseffekte verschenken, die auch zum Spiel gehören. Da ist etwa die unangenehme Angewohnheit, unmittelbar vor Beginn des Spiels hin und her zu schneiden, obwohl die regulierungswütige Fifa durch die minutiöse Festlegung des „Countdowns“ ein hohes dramatisches Potential erschlossen hat. Sobald die Kamera im Tunnel plaziert wird, wo die Spieler warten, stellt sich ganz von selbst eine klassische Kinosituation her. Das ist die Stimmung von „Gladiator“, der Moment, bevor die Kämpfer aus dem Dunkel der Katakomben in den sonnigen Innenraum des Kolosseums treten. Man schaut in die Gesichter, sieht die gespielte Unbekümmertheit, die zusammengepreßten Lippen, die flüchtigen, aufmunternden Berührungen, man hört dazu das nervöse Klacken der Stollen auf dem Beton, bevor das Schiedsrichtergespann und die beiden Mannschaften sich endlich in Bewegung setzen - und spürt vorm Bildschirm fast physisch jene ungeheure Anspannung, die sich in den immer wieder wahllos dazwischengeschnittenen Tribünenimpressionen jedoch verliert.
Auch die „klassische“ Version ist daher weniger klassisch als halbherzig. Sie nimmt die dramatische Intensivierung eines Spiels herunter, für das es ja keine Dramaturgie und keine Drehbücher wie im Kino gibt, sondern bloß ein Regelwerk, das die Kontingenz unerwarteter Situationen zu bewältigen erlaubt. Sie zeigt ein bißchen mehr vom Spiel - und das ist fürs deutsche Fernsehempfinden zu wenig Emotion. Alles nur eine Frage des Inszenierungsstils. Wer längere Einstellungen wählt und Räume zeigt, bevor die Handelnden sie betreten, wer die Raumwirkung der Bildtotalen nutzt und in der Montage den Herzschlag des Geschehens aufnimmt, wer also arbeitet wie ein guter Regisseur im Kino, der ist natürlich näher am Spiel. Ein bloß tempo- und effektorientierter Blockbuster-Regisseur dagegen wird ständig künstlich die Dramatik auch dort steigern, wo keine ist - auf Kosten des Spiels.
Welchen Inszenierungsstil auch immer man bevorzugt, das „neutrale Weltbild“ jedenfalls, von dem HBS spricht, ist eine Fiktion. Es gibt seit Jahren eine Weltnorm, wie ein Spiel im Fernsehen aussehen soll, es gibt nationale Nuancen, und dann gibt es noch den kreativen Umgang mit dem Weltbildmaterial. Und deshalb kann man auch gar nicht genug loben, was Jürgen Klopp im ZDF tun darf, ohne daß Kerner dazwischenquatscht. In den Spielanalysen, in den eingefrorenen Situationen auf dem Monitor, in den Kreisen und Strichen, die der Mainzer Trainer aufmalt, wird sichtbar, was warum passiert ist: Daß Fehler oft eben nicht dort unterlaufen, wo die Kamera hinschaut, daß es Arne Friedrich war, der im Spiel gegen Costa Rica einmal das Abseits aufhob und ein zweites Mal drauf und dran war, denselben Fehler zu begehen. In diesen paar Minuten kehrt eine Ahnung der realen Raumerfahrung des Fußballspiels ins Fernsehen zurück.
Hoffentlich wird es in Zukunft besser, zuschauerfreundlicher!
Thomas Wilke (WilTho)
- 18.06.2006, 22:07 Uhr
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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