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Lehren aus dem Fiasko von Florenz Deutschland kann nur gewinnen

04.07.2006 ·  Als die deutsche Nationalelf am 1. März beim Länderspiel gegen Italien 1:4 verlor, hagelte es negative Schlagzeilen. An diesem Dienstag freuen sich die Mannschaft und Jürgen Klinsmann regelrecht auf das Spiel gegen die Squadra Azzurra.

Von Michael Horeni, Berlin
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„Italia quattro. Germania uno. Buona notte.“ Das waren die letzten ironischen Worte des Stadionsprechers, mit denen die deutsche Nationalmannschaft am 1. März aus Florenz verabschiedet wurde. Als das Team von Jürgen Klinsmann am nächsten Morgen in Deutschland landete, herrschte eine etwas andere Tonlage. Deutschland wähnte sich in Weltuntergangsstimmung, einhundert Tage vor dem Beginn der Weltmeisterschaft.

Ein paar Beispiele gefällig? „Klinsmann hat das Land geblendet“; „Deutschland schrumpft zum Fußballzwerg“; „Die neue K-Frage“. Das waren, wohlgemerkt, die Schlagzeilen der seriösen Presse, von den Bemerkungen des Boulevards ganz zu schweigen. Auch die ausländischen Qualitätsblätter hatten mit einem deutschen Titelkandidaten nach dem Fiasko von Florenz rundweg abgeschlossen: „Ein historischer Tiefschlag für die Deutschen“, hieß es aus Italien. „Eine bankrotte Elf“, meldete England. „Eine Trainerdiskussion“, ahnte Spanien richtigerweise voraus.

„Bei der WM gegen eine große Mannschaft gewinnen“

An diesem Abend in Florenz saß Jürgen Klinsmann in einem kleinen Pressekonferenzräumchen, er analysierte sachlich das Spiel und die Niederlage und sagte dann in aller Ruhe einen Satz, der einige Zuhörer an seinem Realitätssinn zweifeln ließ. „Dann werden wir eben bei der WM gegen eine große Mannschaft gewinnen.“ Aber nicht nur die Öffentlichkeit war irritiert über diese Mischung aus scheinbarer Ignoranz und demonstrativem Selbstvertrauen, auch seine Spieler.

„Er hat selbst nach dem 1:4 gegen Italien immer nur an den Turnierstart im Juni gedacht und sich nicht beirren lassen“, sagte Christoph Metzelder auch in diesen Tagen noch ein wenig ungläubig. Aber nun ist es tatsächlich so: Nach dem Albtraum von Florenz fehlt an diesem Dienstag nur noch ein Sieg, ausgerechnet gegen Italien, um den deutschen Traum vom WM-Endspiel wahr werden zu lassen.

Jetzt können sich die Spieler Ironie leisten

Ihre schwersten Stunden haben die deutschen Spieler, die vor der atemraubenden Entwicklung der vergangenen vier Monate lagen, immer noch nicht vergessen. „Alle Vorzeichen sprechen für Italien. Das ist wunderbar. Wir haben eigentlich gar keine Chance“, sagte Kapitän Michael Ballack am Montag, breit grinsend, auf der Abschlußpressekonferenz vor der Partie in Dortmund - und Klinsmann amüsierte sich köstlich über die Ironie, die sich nun seine Spieler leisten können.

Ballack erinnerte in Berlin auch noch einmal gern an die 1:4-Niederlage mit dem FC Bayern beim AC Mailand, die nur eine Woche auf die Nationalmannschaftsniederlage folgte und die Hilflosigkeit des deutschen Fußballs endgültig zu manifestieren schien. Seit den niederschmetternden italienischen Erlebnissen hat zumindest Klinsmanns Team eine imponierende internationale Leistungsbilanz vorlegen können, die keine andere Nationalmannschaft der Welt seitdem zustande gebracht hat. Acht von neun Spielen gewann die Nationalmannschaft seitdem, nur ein 2:2 gegen Japan rutschte in die ansonsten vollkommen perfekte Erfolgsgeschichte.

„Da steckt nichts mehr in den Köpfen drin“

Wenn die deutschen Nationalspieler seit ihrem Triumph im Viertelfinale gegen Argentinien, der auch die schwarze Serie von knapp sechs Jahren ohne Sieg gegen eine erstklassige Fußballnation kappte, nun über die Italiener reden, spricht aus ihnen das Selbstbewußtsein einer gewachsenen, unerschütterlichen Einheit. „Da steckt nichts mehr in den Köpfen drin“, sagte Philipp Lahm am Montag in Erinnerung an das 1:4.

Damit ist nicht gemeint, daß die Mannschaft die Niederlage verdrängen würde („wir haben sehr, sehr schlecht gespielt“), sondern daß die damals verheerende psychologische Wirkung durch die Erfolgserlebnisse gegen die Vereinigten Staaten (4:1), Luxemburg (7:0), Kolumbien (3:0), Costa Rica (4:2), Polen (1:0), Schweden (2:0) und Argentinien (5:3 nach Elfmeterschießen) längst zu einem Teil verarbeiteter Vergangenheit wurde.

Schockerlebnis real vorhanden

Von italienischen Revanchegefühlen jedenfalls sind die Deutschen weit entfernt, ein Erfolg gegen die Squadra Azzura wäre angesichts der Bedeutung des Spiels und des Finaleinzugs für sie nur noch eine letzte ironische Wendung auf einer unglaublichen Fußballreise von Florenz nach Berlin. Sie müssen nichts mehr beweisen.

Vielleicht war das Fiasko von Florenz sogar die größte Hilfe für Klinsmann und seine junge Mannschaft, die in zwei Jahren nur den Confederations Cup als halbwegs ernst zu nehmenden Test in einer Reihe von ansonsten insgesamt 22 Länderspielen bestehen mußte. Aber die Drucksituation, die sich in diesen Begegnungen nie simulieren ließ, war nach dem Schockerlebnis von Florenz vor dem Länderspiel gegen die Vereinigten Staaten in Dortmund auf einmal ganz real vorhanden.

Die Niederlage ist ein Meilenstein des WM-Projekts

Es ging in diesem Spiel um den Kopf des Bundestrainers, um das gemeinsame WM-Projekt. „Da stand es auf der Kippe“, sagte auch Lahm am Montag noch einmal über die eigentliche Bedeutung der florentinischen Albtraumnacht. Aus dem Endpunkt, den die Niederlage gegen Italien hätte einleiten können, ist der eigentliche Meilenstein des WM-Projekts geworden, sein entscheidender Wendepunkt.

Das hilflose Abwehrverbündchen von ehedem hat sich mittlerweile in einen Stabilitätspakt verwandelt, der auch über die europäischen Grenzen hinaus seine Wirkung nicht verfehlt hat. Der Bundestrainer sprach vor dem Halbfinale mit besonderem Stolz von einer taktischen Begebenheit gegen Argentinien, die diesen während der WM noch einmal dramatisch beschleunigten Wandel für ihn in ein taktisches Zeugnis „summa cum laude“ verwandelt hat.

„Zufriedenheit erst, wenn wir Weltmeister sind“

„Wenn eine solche Weltklassemannschaft wie Argentinien sich auf unsere Formation umgestellt hat, dann zeugt das davon, wie sehr der Respekt vor uns und unserer Spielweise gewachsen ist“, sagte Klinsmann beglückt. Wenn der Bundestrainer am Vortag des WM-Halbfinales davon redet, daß seine Mannschaft in Dortmund drei Monate nach dem 1:4 nun auch den Italienern ihre „Spielweise aufdrücken wird“, muß er damit niemanden mehr überzeugen.

„Aber Zufriedenheit gibt es erst, wenn wir Weltmeister sind. Ich habe immer daran geglaubt, daß wir bei der WM weit kommen“, sagte er vor dem aufregendsten Tag des deutschen Fußballs seit vielen Jahren. Doch das hat man von Klinsmann ja alles schon ganz oft gehört - übrigens auch in der schwarzen Nacht von Florenz.

Quelle: F.A.Z., 04.07.2006, Nr. 152 / Seite 33
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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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