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Korruption Der Fußball verliert sein Geheimnis

18.03.2006 ·  Der Ruch der Korruption beginnt das Erfolgsrezept des Spiels anzugreifen, das Sepp Herberger so klar beschrieb: „Die Leute gehen hin, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“ Durch Wettskandale verliert der Fußball seinen Reiz.

Von Christian Eichler
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In dieser Woche wurde ein Drahtzieher von Korruption im Fußball verurteilt: zu einer Strafe von 900 „Kilo Äpfeln“. Ivan Hornik, früherer Präsident des tschechischen Erstligaklubs Viktoria Zizkov, erhielt für manipulierte Spiele eine Bewährungsstrafe.

Außerdem muß er 900.000 Kronen Strafe zahlen. In von der Polizei mitgehörten Telefongesprächen hatte Hornik verschlüsselte Wörter verwendet - zum Beispiel „ein Kilo Äpfel“ für tausend Kronen. Die Geheimsprache der Fußball-Gauner klang so amüsant, daß die Mitschnitte zu großer Popularität gelangten - und sogar als Theaterstück ein Erfolg wurden.

So weit wie in der Tschechischen Republik ist das deutsche Fußball-Theater noch nicht. Doch ein Jahr nach dem Fall des Schiedsrichters Hoyzer und eine Woche nach Bekanntwerden eines weiteren Wett-Skandals gibt es neue Verdächtigungen: Wer ist der angebliche „Nationalspieler“, der in das korrupte Geschäft verwickelt sein soll? „Ein deutscher Nationalspieler sollte genug Geld verdienen, um sich auf solche Wettabenteuer nicht einzulassen“, wiegelte Franz Beckenbauer ab. Doch in Zeitungsredaktionen gehen anonyme Anrufe, in denen immer wieder neue Namen genannt werden.

„Absoluter Rufmord“

Die Quellenlage ist dünn, die Stimmung gereizt. „Absoluter Rufmord“, nannte der Sprecher des Deutschen Fußball-Bundes, einen Zeitungsbericht, in dem Namen von Spielern genannt wurden. Die Hoffnung, mit der gerichtlichen Aufarbeitung des Falles Hoyzer und dessen Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe von 29 Monaten sei die Luft wieder rein, hielt nicht lang. Daß nun mit der Verhaftung von vier Männern, die Zweit- und Drittliga-Spieler anwarben und über das Internet Wetten in Asien betrieben, die Sache abermals erledigt sei, glaubten nun nur noch wenige.

Die Zeitung „International Herald Tribune“ vergleicht die Ausbreitung dieser Epidemie mit der „asiatischen Grippe“. Während andere europäische Wirtschaftszweige seit Jahren unter den Folgen der Globalisierung durch Chinas gewaltige, billige Produktivität leiden, schien das größte Volk der Welt für Europas Fußballmarkt nur Annehmliches zu bieten: viele potentielle Fans als Käufer von Trikots und anderen Produkten - und kaum Konkurrenz.

Die chinesische Liga gilt als marode. Der Generalsekretär des Asiatischen Fußballverbandes, Peter Velapan, prophezeite 2005, daß die Korruption Chinas Fußball zerstören werde, wenn man sie nicht stoppe. Nun aber sieht es aus, als exportiere China die Fußball-Korruption ebenso fleißig wie Baumwollhosen oder Spülmaschinen.

Ruch der Korruption

Verschobene Spiele hat es schon immer gegeben, von den letzten Spieltagen der vorletzten Klasse, wenn für einen Bierkasten das abstiegsgefährdete Team gewinnt, bis zu mancher internationalen Partie, für die ein Unparteiischer dank Gastlichkeit, Geschenk oder Gespielin schon mal ein kleines bißchen parteiisch gestimmt wurde. Beweisbar war das selten, und es blieb, schon aus Gründen der Ökonomie, beschränkt auf wenige Spiele, in denen viel auf dem Spiel stand.

Auf dem Wettmarkt aber, einer Branche mit rasanten Steigerungsraten, kann jeder selbst bestimmen, wieviel auf dem Spiel steht. Den Schaden haben viele Einzel-Wetter, die von abgekarteten Spielen nichts ahnen. Den noch größeren hat der Ruf des Fußballs.

Der Ruch der Korruption beginnt das Erfolgsrezept des Spiels anzugreifen, das Sepp Herberger so klar beschrieb: „Die Leute gehen hin, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“ Der Reiz des Fußballs ist diese Unwägbarkeit - man kann alles tun und doch nicht vom zählbaren Erfolg belohnt werden. Jeder kennt solche Spiele, in denen ein Team 89 Minuten überlegen ist und 0:1 verliert. Fußball, ein Fehlerspiel. Fehler kann man aber auch freiwillig machen. Und in keinem Spiel fällt das so wenig auf wie in diesem, in dem die Perfektion unmöglich ist, weil Ball und Fuß stets eine nur unvollkommene Verbindung eingehen - ein Spiel, in dem selbst die Götter manchmal wie Stümper spielen.

Schiedsrichterskandale

Auch in Polen, der Tschechischen Republik un din Portugal gibt es große Schiedsrichterskandale. In England kam asiatischen Wettbetrügern 1997 die Idee, das Flutlicht beim gewünschten Spielstand abzuschalten. In Italien wurde 2005 der FC Genua für den Versuch, sich den Aufstieg in die Serie A zu erkaufen, zurückgestuft in die Serie C.

In Belgien durchsuchten Ermittler am Donnerstag mehrere Häuser und vernahmen sechs Mitarbeiter des RAA La Louviere, einem von mindestens drei Erstligaklubs, die im Auftrag des Chinesen Zehyun Ye und seines italienischen Partners Pietro Allatta Ergebnisse auf Wunsch geliefert haben sollen. Die beiden werden seit dieser Woche mit internationalem Haftbefehl gesucht. Der Chinese ist unauffindbar, der Italiener auf Mauritius, wo er angeblich bei der Suche nach einem Nationaltrainer helfen wollte und nun vorerst bleiben will - die Insel hat kein Auslieferungsabkommen mit Belgien.

Auch in Finnland hat Ye offenbar Spiele manipuliert - auf die dann am illegalen Wettmarkt in Shanghai hohe Summen gesetzt wurden. Aber nicht nur dort. Betfair, eine englische Wettfirma, meldete im Oktober 2005 verdächtig hohe Einsätze von insgesamt 400.000 Euro, zwanzigmal so viel wie üblich, für das Spiel La Louiviere gegen Sint Truiden (3:1) und löste damit die Ermittlungen aus. Die Wett-Anbieter waren dazu von den Fußballverbänden nach dem Hoyzer-Skandal aufgefordert worden.

„Goldene Pfeife“ in Portugal

Der wohl größte Fußballskandal Europas, dennoch fast übersehen, ist die „Goldene Pfeife“ in Portugal. Im letzten Jahr wurde Anklage gegen 171 Personen erhoben, darunter 110 Schiedsrichter, zwei Bürgermeister und der Liga-Präsident. Als der Skandal vor der Europameisterschaft 2004 aufkam, befürchteten viele eine Beeinträchtigung der Stimmung im Ausrichterland. Doch die EM-Laune blieb glänzend. Daraus abzuleiten, die WM-Stimmung 2006 werde von den aktuellen Skandalen nicht beeinträchtigt, dürfte voreilig sein. Portugals Team erreichte das Finale - ein weiter Weg für das deutsche.

Diese Woche zeigte sich der nächste Schritt der bösen Entwicklung: Der Fan schlägt zurück. Luka Bonacic, Trainer des kroatischen Fußballmeisters Hajduk Split, wurde von Unbekannten mit Eisenstange und Baseballschläger schwer verletzt. Nach dem 1:1 letzten Samstag gegen Belupo Koprivnica hatten Hajduk-Fans gewütet. „Sie vermuteten, daß das Spiel manipuliert war“, hatte Bonacic gesagt und seine Mannschaft in Schutz genommen: Wenn jemand seine Spieler attackieren wolle, müsse man zuerst ihn angreifen.

Offenbar nahm das jemand wörtlich. Und schürte so den schlimmen Verdacht, daß sich die schleichende Korruption in dumpfen Hirnen nun in einen Generalverdacht verwandelt: Daß nämlich jede schwache Leistung des eigenen Teams nur mit Manipulation erklärbar sei.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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