Home
http://www.faz.net/-g9t-rw8z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Kommentar Genervt

10.01.2006 ·  Mit der bisherigen plumpen Strategie, unliebsame und unabhängige Kritiker als vaterlandslose Gesellen hinzustellen, die es wagen, am deutschen Fußball-Heiligtum zu kratzen, kommen die WM-Organisatoren nicht weit.

Von Michael Horeni
Artikel Lesermeinungen (0)

Soviel ist sicher: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wird in Deutschland stattfinden. Auch in jenen vier Stadien, denen jetzt von der Stiftung Warentest der Stempel mit dem Warnhinweis "erhebliche Mängel" aufgedrückt wurde.

Auch wenn sich erst vage andeutet, in welcher Weise WM-Organisatoren, Städte und Stadionbetreiber in den verbleibenden fünf Monaten auf die Kritik jener Institution antworten, die sich in über vierzig Jahren in Deutschland den Nimbus einer unbestechlichen Instanz erworben hat.

Plumpe Strategie

Die erste Reaktion des ersten Verantwortlichen im Fußball-Land auf die ungebetenen Kritiker war jedenfalls von nur schwer unterdrücktem kaiserlichem Zorn und majestätischem Unverständnis geprägt. Mit der bisherigen plumpen Strategie, unliebsame und unabhängige Kritiker - ob sie nun vom Verbraucherschutz oder von der Stiftung Warentest kommen - als vaterlandslose Gesellen hinzustellen, die es wagen, am deutschen Fußball-Heiligtum zu kratzen, kommen die WM-Organisatoren indes nicht weit. Unfehlbarkeit und sportpolitische Immunität gehören, das scheinen die Organisatoren allmählich zu begreifen, noch nicht zur Grundausstattung ihres Amts.

Die Fußball-Weltmeisterschaft, auf die sich weiterhin Millionen Deutsche riesig freuen, findet nun mal in einem demokratischen Land mit unterschiedlichen Interessen statt. An den Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen und Monate zeigt sich, daß die naive Hoffnung, aus den Deutschen schon Monate vor der Eröffnung ein einzig Land aus schwarz-rotgoldenen Fähnchenschwenkern zu machen, nicht bis zum 9. Juni tragen wird. Es gibt trotz WM-Vorfreude noch keine Fußball- oder gar Staatsräson, die eine kritische Sicht auf die Arbeit der Organisatoren verböte - und dazu gehört auch, wie das so üblich ist im normalen Leben, daß manche Vorwürfe übertrieben oder gar falsch sein können.

An den Grenzen der Belastbarkeit

Daß zu den beanstandeten Objekten mit dem Berliner Olympiastadion auch die symbolträchtigste Arena des Landes und der Endspielort am 9. Juli gehört, wird Franz Beckenbauer und die anderen Organisatoren besonders schmerzen. Sie fürchten nicht zu Unrecht, den einzigen Titel, der den Deutschen seit Generationen nun schon quasi honoris causa zufällt, durch typisch deutsche Streitereien vielleicht schon vorab zu verlieren: den als Organisationsweltmeister.

Die oftmals genervten Reaktionen der vergangenen Wochen scheinen aber auch ein Zeichen dafür zu sein, daß ein bisweilen schmalbrüstig besetztes WM-Organisationskomitee nach Jahren intensiver Arbeit an die Grenzen seiner Belastbarkeit, Gelassenheit und Kapazitäten stößt. Die Stadiondiskussion etwa fällt ebenso wie die Ticketfrage in die Zuständigkeit von Horst R. Schmidt, dem Ersten Vizepräsidenten des WM-Organisationskomitees, der zudem auch noch das Amt des DFB-Generalsekretärs ausfüllt. Jede einzelne Aufgabe ist ein Job für sich. Nicht nur Horst R. Schmidt wird sich in diesen Tagen wünschen, daß die Weltmeisterschaft endlich beginnen möge.

Quelle: F.A.Z., 11.01.2006, Nr. 9 / Seite 29
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge