31.03.2006 · Joseph Blatter räsoniert gern über die schlechte Welt und den heilsbringenden Fußball. Der Fifa-Präsident müßte nicht ständig jammern, er könnte mit seiner Macht und seinem Einfluß viel erreichen im Kampf gegen Armut, Elend und Ausbeutung.
Vielleicht wird noch nicht die Weltmeisterschaft, aber bestimmt der Fußball die Welt retten. Könnte man jedenfalls meinen. Über die schlechte Welt räsonierte vollmundig der Präsident des Internationalen Fußballverbandes (Fifa), Joseph Blatter.
So böse sei sie geworden, behauptete er in Berlin, daß das Wetter verrückt spiele und nicht einmal mehr die Tiere noch auf diesem Planeten bleiben wollten. Ohne Hoffnung allerdings wollte der Schweizer seine Zuhörer, Experten aus 41 Ländern auf der Sicherheitskonferenz zur WM, nicht lassen. So nahm er sie mit auf einen Exkurs in die Esoterik eines Männersports.
Ein Beitrag zu einer besseren Welt
250 Millionen Menschen auf der Welt - ausdrücklich: Männer und Frauen - kicken, coachen oder organisieren Fußball. Jede und jeder von ihnen hat Familie und Freunde. Macht zusammen etwa eine Milliarde von Glücklichen, die mit dem schönsten Sport der Welt in Berührung sind. Wenn nun dieses Sechstel der Weltbevölkerung, rechnete Blatter vor, mit den anderen fünf Milliarden die Hoffnung teile, die Fußball bringe, sei das ein Beitrag zu einer besseren Welt.
Ohne Amen zu sagen, stieg Blatter vom Podium. Er hat schon recht: Kaum etwas bewegt die Welt derart wie der Fuß am Ball, und in magischen Momenten scheint das Spiel tatsächlich den Lauf der Welt anzuhalten. Hoffnung dürfte dabei nicht das vorherrschende Gefühl sein; das ist eher Leidenschaft. Kinder erleben sie und Erwachsene belohnen sich mit ihr in rauschhaften Begegnungen - am Ball oder auf der Tribüne. Hoffnung ist Talenten aus Entwicklungsländern vorbehalten, die an die Fleischtöpfe der westeuropäischen Profiligen wollen.
Innere Leere der Fifa-Geldmaschinerie
Damit sind wir beim vorsätzlichen Abheben des Schweizer Juristen Blatter: Er kämpft gegen den schlechten Fußball, das Böse in seiner Welt. Im Januar war er als Redner zum Weltwirtschaftsforum in Davos geladen, die bevorstehende Weltmeisterschaft in Deutschland bringt seinem Verband Milliarden. Wenn jemand ein Global Player ist, dann er. Seit März ist Blatter siebzig Jahre alt, und er scheint an seinem Vermächtnis zu arbeiten. Er weiß, daß das aufgeblasene Geschäft mit dem Ball sich um nicht mehr dreht als einen Hohlkörper. Über die "pornografischen Mengen Geldes" klagte er im Oktober; sie drohten, den Sport zu ersticken. Auch die verzweifelte Hoffnung auf einen Vertrag im Unterhaltungsbetrieb Fußball hat er erkannt, die namentlich in Brasilien zu einer modernen Sklaverei geführt hat. Gier dürfe nicht die Welt des Fußballs regieren, forderte Blatter.
Es würde ausreichen, wenn der Fußball seine Macht und seinen Einfluß auf der ganzen Welt in Verantwortung ummünzte. Er könnte viel erreichen im Kampf gegen Armut, Elend und Ausbeutung. Da wirkt es befremdlich, wenn der Fifa-Präsident den Kampf gegen die innere Leere seiner Geldmaschinerie zur Heilslehre erklärt.