Vor wenigen Tagen hat Jürgen Klinsmanns Weltmeisterschaftsprojekt endlich Tuchfühlung mit einer größeren Fangemeinde aufgenommen. Der direkte Kontakt der Deutschen mit ihren 23 Lieblingen ist immer eine heikle Angelegenheit. In Düsseldorf oblag es einem privaten Sicherheitsdienst, die deutsche Fußball-Liebe in geordnete Bahnen zu lenken. Dessen Leiter ist an diesem Tag für niemanden zu sprechen.
Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) hat ihm jegliche Auskünfte gegenüber der Außenwelt untersagt. Kein Wort also darüber, daß er und seine Kollegen genau wissen, daß auch Fußball-Liebe blind machen kann. Und in einem Stadion mit rund 42.000 Fans, die bereit sind, sich für die Aussicht auf ein Autogramm die Treppen zum Innenraum hinunterzustürzen, kann das sogar lebensgefährlich sein. Die 42.000 sind in Düsseldorf zu einem öffentlichen Training der Nationalmannschaft gekommen. So viele wie noch nie zuvor. Der Rekord lag vorher bei 20.000.
Zu gefährlich, zu kompliziert
Es ging alles gut in Düsseldorf. Die Stimmung war prächtig, obwohl die Mannschaft tags zuvor nur 2:2 gegen Japan gespielt hatte. Das Land hatte eigentlich einen Sieg erwartet, zehn Tage vor dem Beginn der Weltmeisterschaft. Aber der Zuneigung tat das keinen Abbruch. Die Profis waren beeindruckt von dem überwältigenden Empfang. Dabei war es, bei Lichte betrachtet, nur eine Pflichtübung, ein arrangiertes Treffen zwischen deutschen Fans und deutschen Fußballstars am Rhein. Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) schreibt nämlich mindestens ein öffentliches Training für alle 32 WM-Teilnehmer verbindlich vor. Sonst gibt es eine Strafe.
Ein weiteres öffentliches Training aber, bei dem die Fans den Nationalspielern wieder nahe kommen könnten, wird es mit Klinsmann während der Weltmeisterschaft vermutlich nicht mehr geben: zu gefährlich, zu kompliziert, heißt es beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Aber es liegt natürlich auch daran, daß dem Bundestrainer solche Showveranstaltungen eigentlich nicht ins Konzept passen. Für Klinsmann war der Auftritt in Düsseldorf nicht mehr als ein notwendiges Zugeständnis an die Öffentlichkeit und die Fifa-Regeln. Er spricht natürlich anders darüber. Er findet nur nette Worte für die Veranstaltung. Doch für sein Projekt bedeutet ihm die Sache nichts. "Das Trainingsprogramm ist auf das nächste Spiel ausgerichtet", sagt er. Darauf kommt es ihm an.
Die „Prioritätenliste“
Die deutsche Nationalmannschaft ist auf Unterstützung angewiesen, mehr denn je. Seit sechs Jahren hat sie nicht mehr gegen eine große Mannschaft gewonnen, und einen Ronaldinho hat sie auch nicht. Aber sie will Weltmeister werden. Ohne Heimvorteil würde nicht einmal Klinsmann von diesem Ziel reden. Aber da die Begeisterung der Mannschaft sowieso sicher ist, taucht das Thema Fanarbeit auf Klinsmanns "Prioritätenliste" auch nicht auf. Er sagt tatsächlich Prioritätenliste. Und wenn er in diesem Ton davon erzählt, was wichtig an seiner Arbeit sei, spricht er auch nicht mehr, wie Fußball-Bundestrainer früher sprachen. Früher, vor zwei Jahren. "Vielleicht kann man dafür auch andere Bezeichnungen finden. Projektleiter oder Teamchef", sagt Klinsmann über seinen Arbeitstitel. "Es ist eine faszinierende, unvergleichliche Rolle innerhalb eines Teams. Es geht nicht nur darum, seine Sache so gut wie möglich zu machen. Bundestrainer zu sein ist so komplex und vielfältig, daß einen das von ganz alleine antreibt und auf ein enormes Tempo bringt", sagt er.
Der Projektleiter hat den Start für die letzte Phase der Mission 2006 auf Sardinien angesetzt. In Klinsmann-Deutsch heißt das "Regenerationstrainingslager". 130 Medienleute haben sich für die fünf Tage im Mai akkreditiert. Soviele hatten die deutsche Mannschaft früher zu einer Weltmeisterschaft begleitet. Früher, vor vier Jahren. Der Projektleiter aber macht sich auf Sardinien nahezu unsichtbar, von Tempo keine Spur. Zur Begrüßung richtet er auf dem Platz nur ein paar Worte an die Mannschaft. Auch in den kommenden Tagen tritt er auf dem Trainingsplatz fast gar nicht mehr in Erscheinung. Manchmal läuft er ein paar Runden mit.
Jede Pore seines Körpers atmet Fitness
Das Kommando auf dem Platz gibt Mark Verstegen. Auf englisch. Verstegen ist Amerikaner und Fitnesstrainer. Das Kraftpaket hat die Haare messerscharf rasiert, und jede Pore seines Körpers atmet Fitness. Sein Körperfettanteil ist bestimmt exzellent. Im Film könnte er Marines drillen, in der Wirklichkeit leitet Verstegen eine Fitness-Company in Phoenix. Die amerikanischen Sportstars schwören auf die Programme, die er mit seinen Helfern ausarbeitet. Klinsmann hat ihn für den deutschen Fußball entdeckt, und jetzt glauben auch die Nationalspieler an die Kraftmacher aus Arizona.
Am Ende der Einheiten kommen die Spieler zusammen und bilden einen Kreis. Verstegen sagt: "We are one ...", und die Nationalspieler um ihn herum brüllen: "Team". Es wirkt ein bißchen einfältig, wie das Motivationsritual in einer Wal-Mart-Filiale, aber die Spieler wollen es so. Sie spüren die Fortschritte am eigenen Leib. "Wir konzentrieren uns viel mehr auf die Kraft. Der Schwerpunkt ist, noch schneller zu werden. Ich merke das an mir", sagt Miroslav Klose. Der Bremer ist Torschützenkönig der Bundesliga. Auf ihm und Kapitän Michael Ballack ruhen die größten Hoffnungen während der kommenden Weltmeisterschaft. "Wenn ich so die Beine hebe, wie sich das unsere Fitnesstrainer vorstellen, und den Rücken geradehalte, kann ich viel mehr Kraft aufbauen", sagt Klose.
Glaubensbekenntnisse
Die Spieler spüren die kleinen Fortschritte, und sie sind bereit, daran zu glauben, daß es reichen wird für den großen Erfolg. Wenn Manager Oliver Bierhoff von den neuen High-Tech-Fitnessgeräten erzählt, die erst ins Stadion nach Genf transportiert wurden und nun nächste Woche nach Berlin ins WM-Quartier kommen, dann redet er mit einer Begeisterung über die glänzenden Gerätschaften, mit der Fußballprofis früher von ihrem neuen Porsche erzählten. "Fitness ist nicht alles", sagt Assistenztrainer Joachim Löw. "Aber ohne Fitness ist alles nichts." Wie wahr. Also steht Fitness auf der Prioritätenliste der Nationalmannschaft ganz oben. Und Teamgeist. Und Psychologie. Das sind die Glaubensbekenntnisse dieser Nationalmannschaft.
Klinsmann hat darauf schon als Spieler geschworen, und das Konzept, nach dem er die WM-Mannschaft zusammengestellt hat, basiert auf ureigenen Erfahrungen. Klinsmann hat sich alles hart erarbeiten müssen, mit Zusatzschichten und Extratrainern. Er war kein begnadeter Fußballspieler, genau wie die meisten aus seinem Team. Aber am Ende war er viel erfolgreicher als die zahllosen großen Talente. "Die Weltmeisterschaft ist nur eine Sache des Kopfs", sagt er. Als Spieler hat er in jedem Turnier Höchstleistungen gebracht. Er weiß, daß es funktionieren kann.
„Was passiert denn hier eigentlich?“
Jens Nowotny hat den Bundestrainer Klinsmann bis vor ein paar Wochen nicht gekannt. Er war zwei Jahre nicht mehr dabeigewesen. Nowotny hat vier Kreuzbandrisse überstanden. Eigentlich hat nur er selbst noch daran geglaubt, bei der Weltmeisterschaft dabeizusein. "Wie kann es sein, daß einer, der so weit weg war wie ich, es trotzdem schafft? Wenn man so fest daran glaubt, dann sieht man, was alles machbar ist", sagt Nowotny. An seinem Willen sollen sich die anderen ein Vorbild nehmen. Mit 32 Jahren und seiner großen Erfahrung ist Nowotny vollkommen untypisch für diese junge, formbare und noch unfertige Mannschaft. So einem macht man nichts mehr vor. Aber auch Nowotny erzählt von der Kraft, die in der Nationalmannschaft wächst.
Er kennt das noch von früher, als Christoph Daum bei Bayer Leverkusen seine neuen Methoden ausprobierte. Daum war der Motivationsguru in Fußball-Deutschland. Er hätte es fast bis zum Bundestrainer geschafft, dann kam das Kokain. "Ich kann mich jetzt gut in die jungen Spieler reinversetzen. Ich habe damals auch staunend vor Christoph Daum gesessen und mir gedacht: Was passiert denn hier eigentlich?", sagt Nowotny. "Und dann gehst du da raus, und du bist so ein Stück größer und breiter. Bei Klinsmann ist es genauso." Wer das ganze Gerede und Gehabe in der Nationalelf für Hokuspokus oder einen esoterischen Spleen halte, habe die Sache nicht verstanden, sagt Nowotny. "Es wirkt. Erfolg ist planbar."
Es wird viel gelacht
Für Psychologie und Teamgeist gibt es einen zweiten Klinsmann in der Nationalmannschaft. Er heißt Hans-Dieter Hermann. Von weitem sieht der Heidelberger Sportpsychologe dem Bundestrainer zum Verwechseln ähnlich. Hermann hat die Übungen auf Sardinien mitgestaltet. Die Fußballstars spielen eine Art Rugbyhandball, bei dem Tore nur mit dem Kopf erzielt werden dürfen. Die Hierarchien lösen sich auf, neue Konstellationen entstehen. Kahn macht ein Kopfballtor. Es wird viel gelacht. Am nächsten Tag gibt es ein Beachvolleyball-Turnier, ein gemeinsames Abendessen mit den mitgereisten Familien und Gruppengespräche zum Zweck von "Stressabbau und Teamavisierung". Einmal gibt es einen Medientag im Mannschaftsquartier, die Nationalspieler sitzen für eine Stunde an kleinen Tischen und geben Auskunft. Es gibt niemanden, der nicht von der Stimmung schwärmte. Vor dem Teamgeist gibt es kein Entkommen. Sogar der Ball heißt so.
Die zweite Etappe führt nach Genf. Da ist es nicht so heiß wie am Mittelmeer. Es kann noch intensiver gearbeitet werden, und dort haben die Spieler auch ihre Ruhe vor den Fans. Aber es sind jetzt schon zweihundert Medienleute da. Manche Spieler klagen über die Härte des Trainings, aber nur leise. Im Länderspiel gegen Japan werden die Spuren der Belastung sichtbar. Aber Zweifel werden (noch) nicht öffentlich geäußert, Zeichen der Schwäche erlauben sich die Spieler nicht. "Wir sind die Gladiatoren, und von uns verlangt man auch, daß wir Stärke zeigen", sagt Christoph Metzelder. Er ist einer der reflektierenden Fußballprofis, einer aus der neuen Generation, die sich nicht nur aufs Geschäft versteht. "Als Mannschaft müssen wir uns auch abschotten, eine Wagenburgmentalität gehört dazu. Wir müssen diese Erwartungen, die in uns gesetzt werden, ausschalten. Es geht ja so weit, daß Wirtschaft und Politik von uns Großes für unser Land erwarten", sagt Metzelder.
Der innere und der äußere Zirkel
Die Welt zerfällt in diesen Tagen für die Nationalmannschaft und Klinsmann in zwei ungleiche Teile: den "inneren und den äußeren Zirkel", wie es im Team heißt. Der innere Zirkel funktioniert. Aber nur wenige haben Zutritt. Ihm gehören die 23 Nationalspieler an, Löw, Manager Bierhoff, Torwarttrainer Andreas Köpke, Verstegen, Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt und Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann. Das ist der engste Kreis neben den insgesamt rund zwanzig Helfern. Aber die freundlichen Gesten, die sein Vorgänger Rudi Völler noch jedem DFB-Mitarbeiter schenkte, sind nicht die Sache des Projektleiters. "Bei mir läuft alles zusammen", sagt der Bundestrainer. Und wer nicht spurt oder nicht mehr funktioniert, wie Kevin Kuranyi, der muß eben gehen. Zehn Tore hatte der Stürmer im ersten Jahr unter Klinsmann erzielt. Dann ließ er nach, der Bundestrainer sprach eine Warnung aus. Aber es änderte sich nicht viel. Kuranyi durfte nicht mit zur WM. Der Chef teilte ihm die Nachricht persönlich mit. Kuranyi konnte der Klinsmann-Company nicht mehr helfen. So sind die Spielregeln.
Wer nützlich ist, bekommt die ungeteilte Aufmerksamkeit. Klinsmann beschäftigt sich rund um die Uhr mit den Nationalspielern. Das geht morgens um acht los und endet in der Nacht mit der Trainerbesprechung für den kommenden Tag. Es ist in der Nationalmannschaft wohl noch nie für eine Weltmeisterschaft so intensiv gearbeitet worden wie in diesem Team. "Er macht sich auch Gedanken, ob es Kloses Zwillingen gutgeht", verrät Roland Eitel, Klinsmanns persönlicher Berater. Die Spieler spüren, daß es nur um sie geht. Im engsten Zirkel herrscht Wohlfühltemperatur, aber nach außen wird es immer kälter. Man sollte drinnen sein.
Fußball ist Stammtisch und Boulevard
Der äußere Zirkel ist viel größer als der innere. Er umfaßt nahezu die gesamte deutsche Fußballfamilie: den DFB, die Liga, die Vereine, die Altstars, die Fachleute. Dort findet der Projektleiter keine Verbündeten. "Fußball ist Stammtisch und Boulevard", sagt Eitel, "aber Jürgen ist weder Stammtisch noch Boulevard." Eitel gehört auch zum inneren Zirkel. Er hat unlängst auch einen Vertrag beim DFB bekommen.
Der Klinsmann-Kosmos und die Verbandswelt sind einander wesensfremd. Die Spannungen verschwinden nicht einmal vor der WM. Heinrich Schmidhuber, der Schatzmeister des DFB, klagt über die hohen Kosten des WM-Unternehmens: den teuren Trainerstab, die Fitness-Spezialisten aus Übersee, die Reisekosten. Nach der WM müßten die Kosten runter gefahren werden, sagte er. Der innere Zirkel rechnet ständig mit solchen Querschüssen. Ein paar Tage später meldete sich der frühere Europameister Matthias Sammer, der im April gegen Klinsmanns Willen den Posten als Sportdirektor antrat, öffentlich zu Wort. "Wenn es nach der WM zu einem Vakuum beim Bundestrainer-Job kommen sollte, sehe ich meine Aufgabe darin, meinen Beitrag dabei zu leisten, einen neuen Bundestrainer zu suchen. Da sehe ich meine Mitverantwortung", sagte er. DFB-Präsident Mayer-Vorfelder treibt die Trainerdiskussion ein paar Tage später in Genf noch ein bißchen weiter. Sammer könnte ja mal zwei Spiele machen, bis man einen Trainer habe, sagte der DFB-Präsident. Die Klinsmann-Diskussion ist entbrannt, bevor der Bundestrainer mit seiner Mannschaft Deutschland erreicht hat.
Macht über die Bilder gewinnen
Mit der Ankunft im WM-Land ist die Nervosität auch beim Bundestrainer gewachsen. Die Japaner legten beim 2:2 mehr Mängel in der deutschen Mannschaft frei, als Klinsmann lieb sein konnte. Am nächsten Tag ist ihm die Anspannung bei der Pressekonferenz ins Gesicht geschrieben. Als die Fotografen ihn ablichten, während er den Finger unter sein Auge hält, blafft Klinsmann: "Können die Fotografen nicht Schluß machen? Bei jeder Bewegung Halligalli." Der kleine Gefühlsausbruch wird live übertragen, er wirkt ein wenig rätselhaft. Klinsmann aber hat sich antrainiert, bei Pressekonferenz die Hände ruhig zu halten. Das sagen zumindest die Fotografen, die ihn seit zwei Jahren begleiten. Angefangen hat das nach dem Länderspiel gegen Italien. Die Deutschen verloren im März 1:4, und die Fotos danach waren unvorteilhaft. Seitdem versucht der Bundestrainer vor den Fotografen stillzuhalten. Klinsmann bewegt die Hände nicht mehr. Er will auch die Macht über die Bilder gewinnen.
