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Interview mit Marcel Reich-Ranicki „Sport und Literatur sind verwandt“

29.06.2006 ·  In seinem ganzen Leben hat Marcel Reich-Ranicki nur ein Fußballspiel live im Stadion gesehen - vor mehr als 75 Jahren. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über Sport und Literatur, deutsche Fahnen und Völkerverständigung.

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In seinem ganzen Leben hat Marcel Reich-Ranicki nur ein Fußballspiel im Stadion gesehen - vor mehr als 75 Jahren. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erzählt er, warum er selbst zu einem WM-Endspiel mit Deutschland nicht ins Stadion gehen würde, warum der Sport für die Literatur uninteressant ist und warum die zahllosen deutschen Fahnen wenig mit Patriotismus zu tun haben.

Haben Sie jemals ein Fußballstadion betreten?

Ja, das war im Jahre 1930 oder 1931 in Berlin im Stadtteil Gesundbrunnen. Dort sah ich ein Match von Hertha BSC gegen irgendeine andere Mannschaft, an die ich mich nicht erinnern kann. Wohl aber kann ich mich an die Namen der bedeutendsten Spieler von Hertha BSC erinnern. Daß ich damals dabei war, hat mich dann viele Jahre später in einer gefährlichen Lage gerettet, als ich im Getto einen deutschen Soldaten freundlich stimmen konnte, weil ich die Namen der Hertha-Spieler kannte. Er, der uns Juden soeben noch gequält und erniedrigt hatte, freute sich nun, in Warschau über deutschen Fußball sprechen zu können.

Später haben Sie nie wieder ein Fußballspiel besucht?

Nein, nie wieder. Ich bin zwar in Stadien gewesen, im Berliner Olympiastadion 1936 und später während der Olympischen Spiele in London, aber da ging es nicht um Fußball, sondern um Leichtathletik. Fußball hat mich wohl nicht besonders interessiert.

Wissen Sie noch, wie Sie die Endspiele von 1954 und 1990 erlebt haben?

Im Jahr 1954 war ich noch in Polen, da habe ich von der Weltmeisterschaft nichts mitbekommen.

Und 1990?

Ach, da war auch eine Weltmeisterschaft?

Nicht so wichtig. Würden Sie denn eine Ausnahme machen und ins Stadion gehen, falls Deutschland ins Finale kommt?

Nein, selbst wenn ich eine Einladung bekäme, würde ich nicht hingehen. Und zwar aus einem einzigen Grund: Auf dem Bildschirm kann ich das Spiel sehr viel besser sehen. Ich schaue mir jetzt auch Fußballspiele im Fernsehen an, aber nie lange. Ich habe bislang kein Spiel dieser WM ganz gesehen. Es wird mir doch sehr schnell langweilig.

Woran liegt das?

Eigentlich ist der Sport an sich für die Literatur uninteressant. Das hat einen Grund. Der Sport liefert dem Publikum all das, was die Literatur auch liefert. Ein Langstreckenlauf oder Boxkampf kann dramatischer sein als viele dramatische Werke. Sportwettkämpfe sind Volksbelustigungen, die Menschen, die nichts miteinander gemein haben, für die Dauer eines Boxkampfs oder eines Fußballmatches zu fast identisch reagierenden Gemeinschaften werden lassen. Vielleicht gehen viele Menschen ins Stadion, weil das Spiel sie betäubt oder berauscht.

Wer hat mehr für die Völkerverständigung getan? Die Weltliteratur oder der Fußball?

Dazu ist zunächst zu sagen, daß die Weltliteratur für die Völkerverständigung seit Jahrtausenden wirkt, Fußball hingegen noch nicht lange. Andererseits ist mir kein einziges Volk auf Erden bekannt, das am Fußballspiel nicht interessiert wäre. Warum ist das so? Ein Kollege berichtete mir neulich von seinen Gefühlen während des Spiels. Erst zittert er, sogar mit beiden Mannschaften, mal mit der einen, dann mit der anderen Seite. Und irgendwann geht der Ball ins Tor und zappelt im Netz. In diesem Augenblick, so sagte mir mein Kollege, sei er glücklich, und um dieses Glückes willen lohne es sich, 90 Minuten im Stadion zu sitzen. Übrigens, können Sie mir vielleicht sagen, warum Fußball so ungleich viel mehr Aufmerksamkeit erhält als Handball? Die Regeln sind doch gar nicht so unterschiedlich.

Fußball ist artistischer als Handball. Ein weiter, mit dem Fuß geschlagener Paß ist eleganter als ein harter Wurf. Fußball kann Kunst sein, Handball ist immer Arbeit.

Könnte sein, daß Sie recht haben. Wie auch immer, Sport und Literatur sind nahe Verwandte, die sich ähneln. Sie ähneln sich zu sehr, um sich aufrichtig lieben zu können. Es sind im Grunde feindliche Brüder. Beide appellieren auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln an dieselben Gefühle. Die fundamentalen Emotionen, mit denen sich die Literatur befaßt - Heldentum, Leidenschaft, Solidarität, Ruhmsucht -, dominieren auch in den Sportwettkämpfen, nur sind sie ungleich einfacher, oberflächlicher, direkter. Was die Literatur dem Leser bietet, kann man auch im Stadion finden, ohne Verschlüsselung, ohne Intellekt, ganz und gar unkompliziert. Nichts zeigt die Brutalität des Lebens deutlicher als ein Boxkampf, und vielleicht ist ein Langstreckenlauf eine Art Parabel vom Kampf ums Dasein. Das Sporterlebnis, soviel scheint mir jedenfalls sicher, macht für viele Menschen die Kunst überflüssig. Sport ist Kunstersatz.

Womöglich ersetzt Sport ja auch noch etwas anderes. Wie gefallen Ihnen eigentlich die zahllosen deutschen Fahnen, die jetzt an Autos und Balkonen zu sehen sind?

Die enorme Zahl der Deutschlandfahnen hat der chinesischen Wirtschaft vermutlich sehr geholfen, denn die meisten dieser Fahnen sollen ja aus chinesischer Produktion stammen. Die Zeiten, da die Fahnen etwas Ehrenwertes, wenn nicht gar Heiliges waren, sind natürlich längst vorbei. Wenn die deutschen Farben auf den Gesichtern von Mädchen zu sehen sind, wenn Hüte und Hemden diese Farben zeigen, dann wird das Feierliche, das der Flagge doch anhaften sollte, vernichtet. Ich glaube, daß die ungeheuerliche, die noch nicht dagewesene Fahneninflation während dieser WM im Grunde mit Patriotismus kaum etwas zu tun hat.

Warum nicht?

Das Flaggenmeer zeugt vor allem von einer Hinwendung zu dem für unsere Zeit so charakteristischen Medienspektakel. Ich erinnere mich noch sehr gut an Berlin im Jahre 1936. Während der Olympischen Spiele gab es auch viele Fahnen, aber es war bei weitem nicht so ein Spektakel wie heute.

Die Spiele von 1936 waren ein wichtiges Propagandainstrument der Nazis. Ist die WM heute Ihrer Ansicht auch ein Propagandainstrument?

Das kann man nicht miteinander vergleichen. Diese WM ist etwas vollständig anderes, als die Olympischen Spiele von 1936 es waren. Aber natürlich ist auch diese WM auf gewisse Weise ein Propagandainstrument. Denn sämtliche Nationen, die daran teilnehmen, möchten sie dazu machen. So ist das nun einmal, denken Sie nur an 1954 und den Satz „Wir sind wieder wer“. Ob sie dann gelingt, die Indienstnahme, das ist eine andere Frage.

Viele Beobachter nehmen das neue Verhältnis vieler Deutscher zu ihren nationalen Symbolen als positiv, als zwanglos und unverkrampft wahr. Teilen Sie diese Wahrnehmung?

Ja, durchaus. Es stimmt, hier zeigt sich ein unverkrampfter Umgang. Der Erfolg dieser WM ist aber wohl mehr noch eine Frage der Organisation. Man hat sich schrecklich viel Mühe gegeben, und jetzt wird man dafür belohnt.

In zweimal 45 Minuten kann man eine ganze Menge lesen. Welches Buch würden Sie der deutschen Mannschaft zur Zeit empfehlen?

Ich glaube, ich werde der deutschen Nationalmannschaft vorerst kein Buch zur Lektüre empfehlen, das könnte ich in der jetzigen Situation kaum verantworten. Aber die Spieler sollten täglich eine große Tageszeitung aufmerksam lesen, das kann ihnen nicht schaden.

Bitte vollenden Sie den folgenden Satz: Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, dann ist Fußball..."

Diesen Satz könnte wohl nicht einmal Shakespeare vollenden. Mein Lieber, die Musik und die Liebe sind unvergleichlich, sie sind einzigartig. Da kann der Fußball nicht mit.

Die Fragen stellte Hubert Spiegel.

Quelle: F.A.Z., 29.06.2006, Nr. 148 / Seite 40
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