16.07.2006 · Der weltweit berühmteste Einwohner dieser 200.000-Einwohner-Stadt ist dort so gut wie unbekannt: Jürgen Klinsmann kehrt heim nach Huntington Beach. Wer den Ort besucht, kann ihn verstehen.
Von Daniel MeurenBob Spickard ist eine Legende in Huntington Beach. Und er lebt. Das wird spätestens klar, wenn seine Gattin Cathy auf seinen noch lange nicht zu erwartenden Tod zu sprechen kommt. Während wir gemeinsam über den „Surfing Walk of Fame“ des Städtchens an der kalifornischen Pazifikküste flanieren, blickt sie schon weit voraus: „Hier wird einmal eine Steinplatte an Bob erinnern.“ Mr. Spickard hat nämlich maßgeblich zum Ruhm seiner Heimatstadt beigetragen, Jahrzehnte bevor sich ein gewisser Klinsmann hier samt Familie in eine Wohnanlage einkaufte und die Aufmerksamkeit der Deutschen auf jenen gut acht mal neunzig Flugminuten von der Bundesliga entfernten Flecken Erde gelenkt hat.
Der heute sechzig Jahre alte Musiker ist einer der Begründer der „Surf Music“. 1963, viele Takte bevor die Beach Boys mit ihren Hits wie „Surfin' USA“ das ganz große Geld mit der Begleitmusik zum neuen, strandfixierten Lebensgefühl der Kalifornier verdienten, komponierte Spickard mit seinen Highschool-Kumpels von „The Chantays“ den ersten Nummer-eins-Hit der Surfbewegung. Wegen des esoterischen, das Gefühl einer perfekten Welle reflektierenden Instrumentalstücks „Pipeline“ wird Spickard nach dem Ende seiner Tage auf dem „Surfing Walk of Fame“, dem auf der Main Street des Surfer-Paradieses Huntington Beach ausgebreiteten Pendant zum „Hollywood Walk of Fame“, verewigt sein. Diese Ehre wird nur den größten Größen des Surfens oder aber eben den „local heroes“ von Huntington Beach zuteil.
Kein Hahn kräht nach Fußball
Ob irgendwann einmal auch für Jürgen Klinsmann eine Steinplatte in seiner Wahlheimat präpariert wird, ist mehr als ungewiss. Denn noch immer ist der weltweit berühmteste Huntington Beach Boy in der 200.000-Einwohner-Stadt so gut wie unbekannt. „Nein, auch während der vergangenen Wochen hat hier kein Hahn nach Fußball und eurem Coach gekräht“, sagt Spickard, der stets die Neuigkeiten im Ort mitbekommt, aber vor unserem Gespräch noch nie von dem weltberühmten Mitbürger gehört hat. „Hier wird nicht euer europäischer Fußball geschaut, auch wenn ihr eine Weltmeisterschaft spielt.“
Statt dessen läuft im Sommer Baseball auf den Bildschirmen in den Cafes und Restaurants auf der Main Street, wo die Surfer mittags die Energiespeicher mit Burger und Pizza auffüllen und abends mit viel Bier ihre Parties feiern. „Du hast hier keine Zeit für die Beschäftigung mit eurem Fußball. Huntington Beach ist ein Ort, an dem du früh morgens aufstehen mußt, um dann den ganzen Tag am Strand zu verbringen und Sport zu treiben“, sagt Spickard. Jetzt verstehen wir Klinsmanns Rückzug. Das klingt tatsächlich verlockender als die Aussicht auf weitere Trainingslager mit zwei Dutzend Nationalspielern.
Der tägliche Anblick des Meeres
Auf zwölf Kilometern trennt ein breiter Streifen feinsten Sandes H.B., wie die Einwohner ihr Städtchen amerikanisch-pragmatisch nennen, vom Pazifik. Die Quecksilbersäule bewegt sich das ganze Jahr über zwischen den Markierungen für 16 und 30 Grad Celsius. Die Sonne zeigt sich fast jeden Tag am Himmel und versinkt abends atemberaubend schön im Meer - der Anblick mag für Klinsmann verzückender anmuten als der Sinkflug einer von Philipp Lahm in den Torwinkel gedroschenen Lederkugel. Auf jeden Fall hat er mehrfach bekundet, dass der „tägliche Anblick des Meeres und der kalifornischen Sonne“ ihm Kraft gebe.
Ebenso gefalle ihm das lockere Treiben am Beach. Vor allem rund um den Huntington-Beach-Pier, die einzige bauliche Attraktion der Stadt, tobt den ganzen Tag das Strandleben. Dutzende Beach-Volleyball-Felder fordern zum Ballspiel im Sand auf, dem auch der ehemalige Bundestrainer fast täglich frönen soll, wie uns seine Biographen berichten. Ebenso soll „Klinsi“ jeden Tag eine Stunde lang am Meer joggen und auch mit dem Surfbrett in den Wellen zu sichten sein, so denn einer in H.B. nach ihm suchen würde. „Ich habe Klinsmann bisher zwar nur ganz selten gesehen, gehe aber mal davon aus, dass er häufig da draußen mit dem Board unterwegs ist“, sagt Silvia Schneck, eine Deutsche, die vor zwei Jahren nach Huntington Beach geheiratet hat. „Wenn er das nicht tun würde, dann wäre er sicher nicht hierher gezogen.“
Wer hier lebt, muss in den Wellen reiten
In der Tat muss in den Wellen reiten, wer in Huntington Beach lebt. Sonst gibt es in dem alles andere als hübschen Städtchen, eine Dreiviertelstunde vom Stadtrand von Los Angeles entfernt, wenig zu tun. Typische amerikanische Shopping Malls rund um die aufs Meer zulaufende Main Street bieten arg begrenzte Möglichkeiten zum Zeitvertreib, eine naturgeschützte Sumpflandschaft lädt zu einem Ausflug ins Vogelreich ein, und dann kommt schon bald ein Disc-Golf-Kurs, eine Art Golf für Frisbee-Liebhaber, als nächstgrößere Attraktion.
So wenig inspirierend das Freizeitangebot klingen mag, so perfekt ist H.B. für Wellenreiter. Viele Rankings der Surf-Experten zählen den Ort gar zu den beliebtesten Revieren der Vereinigten Staaten oder sogar der Welt. Der Strand ist komfortabel wie nirgends sonst zu erreichen, die Wellen kommen in einer Konstanz und Häufigkeit, wie man sie an den Hotspots der amerikanischen Surfwelt fern von Hawaii vergeblich sucht.
„In H.B. surft man, wenn man sicher sein will, dass man ständig vom Meer eine Welle geschenkt bekommt“, sagt Erik Hansen, ein Beach Boy, der jedes Geheimnis vor den Küsten Kaliforniens zu kennen vorgibt. „In Malibu oder an anderen Orten mit tollen Stränden gibt es vielleicht die größere Welle, aber dafür mußt du erst mal Felsen runterklettern und eine Viertelstunde auf die Welle warten.“
Die perfekte Normalität
In Huntington Beach ist hingegen alles „easy going“: Die Wellen sind für ängstliche Anfänger wie für furchtlose Fortgeschrittene geeignet. „Für Familien mit Kindern dürfte H.B. einer der besten Plätze auf der Welt sein“, sagt Erik Hansen. „Das Klima ist super, die Stadt ist sicher, du kannst deine Kinder ohne Bedenken alleine an den Strand schicken.“ Außerdem herrsche hier - anders als im 15 Minuten entfernten noblen Millionärs-Eldorado Newport Beach - die perfekte Normalität, also genau das, was Klinsmann nach eigenem Bekunden als Voraussetzung für eine bodenständige Erziehung seiner Kinder ansieht und bei seinem Rücktritt mit dem Wunsch nach einer „Rückkehr in die Normalität der Familie“ meinte.
Die findet der Ex-Bundestrainer in Downtown Huntington Beach, das gerade einmal aus der Main Street und dem Pier besteht, zur Genüge. Beispielsweise auch im „Ruby's“. Das bereits mehrfach von winterlichen Flutwellen ins Meer gerissene Restaurant dürfte aufgrund seiner faszinierenden Lage am Ende des Piers ein beliebter Ort sein, an dem Klinsmann seine Kinder zum Abendessen mit Burger und Pommes frites ausführt. Von den Tischen aus blickt man weit aufs Meer, während sich zehn Meter tiefer die Surfer in die Wellen stürzen.
Surf City USA
Besonders wagemutig geschieht dies während der jedes Jahr in der letzten Juliwoche stattfindenden US Open of Surfing. Dann kommen die weltweit besten Surfer nach H.B., und bis zu 250.000 Menschen schauen ihnen zu - von kommender Woche an vermutlich auch der Erholung und Ablenkung suchende Ex-Bundestrainer.
Weil sich eben alles um das Surfen dreht, wirbt die Stadt seit wenigen Jahren recht erfolgreich mit dem geschützten Titel „Surf City USA“. In der Tat wurden in H.B. wohl die ersten Bretter vom Kontinent aus in die Wellen geschoben, nachdem die Leidenschaft von Hawaii auf das Festland übergeschwappt ist.
Um 1910 herum soll der Stadtgründer Henry E. Huntington erstmals einen hawaiianischen Pionier an seinen Strand eingeladen haben, um den Kaliforniern die Kunst des Ritts über das Wasser zu zeigen. Wenige Jahre später ritt auch der Hawaiianer Duke Kahanamoku, zwischen 1912 und 1920 dreimal Olympiasieger im Schwimmen und der große Star der Frühzeit des Surfens, über die Wellen vor Huntington Beach und brachte dem Ort somit endgültig den Ruf des Surfer-Mekkas ein.
Das beliebte Restaurant „Duke's“ direkt am Strand und eine überlebensgroße Bronze-Statue am Pier erinnern heute an den Großmeister des Surfens. Das „International Surfing Museum“, wenige Meter von der Main Street entfernt gelegen, widmet Kahanamoku eine ganze Ecke. In einer anderen stehen in Vitrinen einige Cover von Bob Spickards Hit-Single „Pipeline“. Darüber hängen an der Decke auch Bretter von eher weniger berühmten Menschen aus dem Showbusiness, die in H. B. auf der ein oder anderen Welle geritten sind. Ein Board von Jürgen Klinsmann sucht man vergebens. „Und ich fürchte, dass das noch lange so sein wird“, sagt Don Strout, der Direktor des Museums. „Denn ich weiß ja überhaupt nicht, wer das ist!“
Beste Reisezeit Wie überall in Südkalifornien kann man es in Huntington 365 Tage im Jahr aushalten. Die Temperaturen bewegen sich höchstens zwischen 16 und 30 Grad, die Stadt ist auf ihre Kriminalstatistik stolz, denn Jahrzehnte rangierte Huntington Beach unter den zehn sichersten Städten der Vereinigten Staaten. Das Highlight des Jahres sind die US Open of Surfing, die jetzt im Juli (vom 21. bis 30.) wieder die besten Surfer der Welt anlocken. Weitere Informationen un-ter www.usopenofsurfing.com oder http://surfcityusa.com.
Anreise Von Frankfurt aus fliegen derzeit am preisgünstigsten Continental Airlines (via Newark, ab 850 Euro etwa), Virgin Atlantik (via London-Heathrow, circa 880 Euro); direkt fliegen die Lufthansa und United Airlines. Vom internationalen Flughafen Los Angeles fährt man etwa eine Dreiviertelstunde bis Huntington Beach.
Unterkunft In Huntington Beach gibt es Hotels und Pensionen für fast jedes Reisebudget: Am oberen Ende ist das „Hyatt Regency Huntington Beach Resort & Spa“ angesiedelt; hier hat Jürgen Klinsmann den Journalisten gerne Interviews - mit Meerblick - gegeben. Preis für ein Zimmer ab 250 Dollar (Huntington Beach, CA 92648, www.huntingtonbeach.hyatt.com). Ab 21 Dollar kann man im Schlafsaal des „Huntington Beach Hostel“ übernachten (421 8th Street, Huntington Beach, CA 92648, www. surfcityhostel.com, surfcityhostel@ yahoo.com). Die internationale Surfszene verweilt am liebsten im „Huntington Surf Inn“, in Sichtweite der Wellen. Preis ab 89 Dollar - für längerfristige Aufenthalte gibt es Sonderraten auf Anfrage. Nach der jüngsten Renovierung kann man auch wieder von einem sauberen Hotel sprechen (Huntington Surf Inn, 720 Pacific Coast Highway, Huntington Beach, CA 92648, www.huntingtonsurfinn.com).
Museum In der sogenannten „Surfcity“ der USA ist vor allem das internationale Surfmuseum ein Pflichttermin. Hier gibt es ein Brett des legendären Duke Kahanamoku zu bestaunen oder die Kamera von Bruce Brown, die er benutzte, um den Surffilmklassiker „Endless Summer“ zu drehen (International Surfing Museum, 411 Olive Avenue, Huntington Beach, CA, www.surfingmuseum.org - im Sommer von 12 bis 17 Uhr geöffnet). (kaka)