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Horst R. Schmidt im Interview „Wir zwingen ja niemanden zum Ticketkauf“

06.12.2005 ·  Immer wieder diskutieren Fans um die Vergabepraxis der Fußball-WM-Tickets. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bezieht Horst R. Schmidt, Vizepräsident des OK, unter anderem Stellung zu Preisen, Klagen, Datenschutz und Sicherheitsfragen.

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Horst R. Schmidt ist seit 1992 Generalsekretär des deutschen Fußball-Bundes (DFB); von 1976 bis 1992 war er Abteilungsleiter sowie Direktor in der DFB-Zentrale. Zu seinen Aufgabenbereichen gehört auch die Pflege der Beziehungen zu den internationalen Verbänden, zum Weltverband Fifa und dem europäischen Zusammenschluß Uefa. Der 63 Jahre alte Aschaffenburger ist 1. Vizepräsident des Organisationskomitees der Fußball-WM-Endrunde 2006 (9. Juni bis 9. Juli). Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bezieht Schmidt unter anderem Stellung zum vieldiskutierten Ticketthema rund um Eintrittspreise, Klagen der Verbraucherschützer, Datenschutz und Sicherheitsfragen.

Sind Sie in diesem Jahr schon dazu gekommen, Weihnachtsgeschenke einzukaufen?

Nein. Wenn Sie mit Ihrer Frage darauf anspielen wollen, daß ich zur Zeit oder überhaupt nur noch mit dem Fußball und der Fußball-Weltmeisterschaft beschäftigt sei, sage ich nein. Irgendwann klinke ich mich schon mal aus.

Dennoch dürfte Ihre Beschäftigung mit der bevorstehenden WM in Deutschland von Woche zu Woche intensiver werden. Diese Woche vor allem hat es, ein halbes Jahr vor dem Beginn des großen Turniers, mit der Leipziger Auslosung zur WM-Endrunde 2006 in sich.

Wir leben jetzt in einem Stadium, in dem man spürt, daß es nicht einmal mehr zweihundert Tage bis zur WM-Eröffnung sind. Das ist schon ein Unterschied zu der Zeit vor einem Jahr, wenngleich die Probleme damals, als wir viele Dinge erst anfassen mußten, nicht geringer waren. Heute zeigt sich, daß man vieles erst kurz vor dem Turnier regeln kann.

Gibt es selbst für einen Fuhrmann wie Sie, der planerisch und mitgestaltend an allen Weltmeisterschaften seit 1974 beteiligt war, noch Überraschungen?

Aber selbstverständlich. Mein Musterbeispiel ist immer das Stadion. Am Fußball-Tatort Stadion waren wir unser Leben lang unterwegs. Wenn man aber heute die technische Entwicklung innerhalb der Arenen anschaut, dann gibt es dort Teilbereiche, die auch für jemanden wie mich nicht so leicht zu erschließen sind. Wir brauchen immer mehr Experten und Expertise.

Haben Sie, der ja auch noch Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes ist, manchmal den Eindruck, mit etwas zuwenig Personal im Organisationskomitee der WM 2006 ausgestattet zu sein?

Von der Zahl der Mitarbeiter her sind wir inzwischen immerhin bei 220 angelangt. Aber das ist nicht das Entscheidende. Es stellt sich in manchen Bereichen vor allem die Frage der Qualität. Der Markt gibt nicht immer die Fachkräfte her, die man für eine kurzzeitige Beschäftigung braucht. Das ist das eigentliche Problem. Bei allen WM-Projekten stellt sich immer wieder die Überprüfungsfrage: Ist das, was gemacht worden ist, gut genug gemacht worden? Die Schwächen, die sich jetzt zeigen, müssen wir in den kommenden Wochen beheben.

Da kommt man schnell auf das für alle WM-Organisatoren anscheinend nie zu aller Zufriedenheit lösbare Thema Ticketing.

Dort brauchen wir zum Beispiel eine spezielle Software, die nicht auf dem Markt ist. In der komplexen Form, in der wir an die Kartenfrage herangegangen sind, ist das bisher noch nie gemacht worden.

Den Endabnehmer kümmern Bearbeitungsprogramme wenig. Ihm geht es darum, möglichst unkompliziert an die Karten heranzukommen. Dabei hat mancher schon vor dem erstmals allein übers Internet abgewickelten Verkauf kapituliert.

Der alltägliche Ärger bei mir war schon groß, obwohl wir immer wieder versuchen, vorauszudenken und uns in vieles hineinzudenken. Aber die Leute zufriedenzustellen ist schier unmöglich. Wenn sie zu vieles verändern, allzu viel Neues kreieren, ist die Neigung, alles zu hinterfragen, riesengroß.

Neu ist zum Beispiel der Begriff des Optionstickets, mit dem rund 150.000 Karten, die dem Ausrichter zurückgegeben werden, gegen Vorkasse und Zahlung einer Bearbeitungsgebühr erworben werden können. Wie erklären Sie sich den Ärger und die Proteste von Verbraucherschützern in dieser Angelegenheit?

Gerade dieses Produkt hat uns von Anfang an beschäftigt, weil wir die leeren Plätze, die wir von anderen Weltmeisterschaften kennen, unbedingt vermeiden wollen. Wir haben uns in dem Prozeß der gesteuerten Kartenkontingente für Nationalverbände oder Sponsoren gefragt, wie kann man gegebenenfalls noch auf Karten zurückgreifen, die schon verkauft worden sind? Wie kann man zurückgegebene Karten so behandeln, daß sie dem neuen Abnehmer mit dessen Namen und den veränderten IT-Daten überstellt werden? Das ist etwas anderes, als wenn ich einen Kiosk öffne und sage: Das Ticket kostet fünfzig Euro, damit ist die Sache erledigt. Weil die Dinge diesmal etwas anders sind, bieten wir diese Optionstickets an. Daß der potentielle Kunde dann sagt, das ist aber viel verlangt, wenn ich für etwas vielleicht 150 Euro bezahlen soll, ohne genau zu wissen, ob ich am Ende auch im Stadion dabei bin, kann ich nachvollziehen.

Verschafft sich das OK mit den Einnahmen aus den Optionstickets nicht eine Art Kredit beim Kunden?

Davon kann überhaupt keine Rede sein. Die Einnahmen aus den jetzt verkauften Tickets - wer am Ende keines bekommt, erhält sein Geld für die Karte im Sommer 2006 zurück - fließen nun einmal dem OK zu. Das müssen sie auch, denn die Gelder aus dem Kartenverkauf sind unsere wichtigste Einnahmequelle. Der Umsatz, den wir machen müssen, kann nicht in den letzten vier Wochen getätigt werden. Im übrigen zwingen wir ja niemanden, von den Optionstickets zu den jedermann zugänglichen Bedingungen Gebrauch zu machen.

Verstehen Sie es, wenn Interessenten an einem der Optionstickets darüber klagen, daß sie eine Bearbeitungsgebühr von fünf Euro zusätzlich zahlen müssen?

Wir haben uns bei den Preisen für die normalen Tickets bemüht, alles einzuschließen, was eigentlich Bearbeitungsgebühr ist. Es ist die Vorverkaufsgebühr inkludiert sowie die Umsatzsteuer und die Informationstechnologie-Gebühr sowie die Nahverkehrsabgabe. Es ist alles im Preis enthalten. Auf der anderen Seite haben wir einen Kartenlieferanten (die Firma cts eventim/die Redaktion), der sagt: ,Ich habe mit dem OK einen Vertrag gemacht über die Abwicklung des Ticketings. Wenn ich jetzt neue Programme für zusätzliche Tickets entwerfen soll, dann will ich auch eine zusätzliche Vergütung haben.' Ich bin überzeugt, daß niemand an den Dingen, die wir jetzt zusätzlich machen, zusätzlich Geld verdient. Ich bin sogar sicher, daß die Zusatzoperation teurer wird als das durch die Bearbeitungsgebühr generierte Geld.

Lassen Sie sich das Geld für die Optionstickets auch deshalb von vornherein überweisen, weil sie beim normalen Kartenverkauf schon schlechte Erfahrungen mit der Zahlungsmoral gemacht haben?

Wir haben eines gelernt: Es gibt Möglichkeiten, Zahlungen zu verhindern, die von Kreditkarten abgebucht werden sollen. Das Risiko, daß wir dann, wenn es soweit wäre, plötzlich das Geld nicht hätten, ist nicht gering zu schätzen. Das haben wir beim normalen Kartenverkauf erlebt, bei dem 40.000 Tickets auf diese Weise nicht bezahlt wurden. Das sind fünf Prozent aus dem Gesamtangebot.

Sie müssen sich der Kritik der Verbraucherschützer und Datenschützer stellen, die der Meinung sind, das OK erhebe mehr Daten als notwendig. Neuerdings begehrt auch die Europäische Kommission Auskunft über das WM-Kartenverkaufssystem. Was steckt dahinter?

Die Kommission sagt: Ihr müßt prüfen, ob ihr den Verkauf unter Beachtung der europäischen Rechtslage gestaltet habt. Sie sagt, es könne nicht angehen, daß ein Kunde in England für den Geldtransfer mehr bezahlen muß als ein Kunde in Deutschland. In der EU gibt es unterschiedliche Banksysteme mit unterschiedlichen Kosten für die Kunden. Von uns aber wird verlangt, daß wir den englischen und den holländischen Kunden gleichstellen. Das hat zur Folge, daß wir zum Beispiel zusätzliche Vereinbarungen mit der europaweit agierenden Dresdner Bank zu treffen haben, so daß Mehrkosten, die dabei entstehen, von uns zu übernehmen sind.

Nun sind Sie vom Bundesverband der Verbraucherschützer verklagt worden. Beunruhigt Sie dies?

Wir finden es sehr bedauerlich, daß es soweit gekommen ist, zumal wir uns mit hohem Aufwand den Anliegen der Verbraucherschützer gewidmet haben. Der Bundeszentrale Verbraucherschutz geht es nicht um gute Lösungen im Interesse der Verbraucher. Hier geht es der Institution und einzelnen Personen darum, die öffentlichkeitswirksame Plattform „WM 2006“ in populistischer Art und Weise zu nutzen. Ungeachtet unserer fristgerechten Antworten auf Fragen der Verbraucherschützer war der Entschluß zur Klage doch längst gefaßt. Zuvor schon haben wir in vielen Gesprächen immer wieder die Gesamtzusammenhänge dargestellt und viele gute Gründe für unser Vorgehen genannt - insbesondere aus der Sicht der Fans und Verbraucher. Die andere Seite wollte uns nicht verstehen. Nun sehen wir einer Klage insgesamt gelassen entgegen.

In Korea und Japan 2002 sorgte die teilweise zu späte Auslieferung der WM-Karten für massiven Ärger. Können Sie so etwas diesmal ausschließen?

Bereitstellung der Daten zum rechtzeitigen Druck der Karten und damit zur rechtzeitigen Auslieferung: Da sind wir von Anfang an hinterher. Ich denke, eine zu späte Auslieferung können wir uns nicht leisten.

Wieweit können Sie Sicherheit in den Stadien garantieren nach den ärgerlichen Zwischenfällen beim Confederations Cup in diesem Sommer, als Zuschauer in mehreren Stadien plötzlich über den Rasen flitzen konnten?

Wir haben geprüft, wie wir die ersten Reihen im direkten Tribünenbereich absichern können. Wir werden baulich das eine oder andere machen und vor allem Personalmaßnahmen ergreifen müssen, um wirklich eine ganz genaue Beobachtung der Bewegungen auf den Tribünen zu gewährleisten. Es wird ein sensibilisiertes Ordnungspersonal im Innenraum geben, das auch fit ist und entsprechend ausgebildet sein wird. Dazu werden wir versuchen, die ersten Reihen mit Leuten zu besetzen, die verläßlich sind. Wir werden darüber hinaus von Fall zu Fall auch Dinge wie das sogenannte Wembley-Gitter einsetzen, um das Übersteigen von Barrieren zu erschweren. Mit dieser Kombination von Maßnahmen streben wir einen hundertprozentigen Wirkungsgrad an.

Glauben Sie, daß die Sicherheitsfrage bis zum Beginn der WM unaufgeregt erörtert werden kann?

Natürlich wird ein Restrisiko verbleiben. Ich habe aber das Gefühl, daß sich die für die Sicherheit zuständigen Behörden des Themas mit großer Konzentration und Gelassenheit annehmen.

Verändert sich für Sie etwas durch den Wechsel in der Bundesregierung von Rot-Grün auf Schwarz-Rot?

Das glaube ich nicht. Wir setzen aus Erfahrung auf Kontinuität. Wie gut die Zusammenarbeit mit der Vorgängerregierung war, zeigt schon, daß der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder beim außerordentlichen DFB-Bundestag in Leipzig am Freitag zum DFB-Ehrenmitglied ernannt werden soll. Der ehemalige Innenminister Otto Schily bleibt uns im Aufsichtsrat erhalten, und wir freuen uns auch im Aufsichtsrat auf seinen Nachfolger Wolfgang Schäuble, der schon unser bewährter Partner war, als Deutschland 1990 in Italien Weltmeister wurde.

Wie bewerten Sie den Stand der Dinge in Sachen WM-Stadien?

Die Entwicklung der letzten Monate hat uns beruhigt. Es gibt keine erkennbare Schwachstelle. Selbst in Kaiserslautern nicht, wo es ja gerade am vergangenen Wochenende einige Probleme gab. Dort hat man uns versichert, daß alle Arbeiten am Fritz-Walter-Stadion fristgemäß abgeschlossen werden und die Probleme keinerlei Auswirkungen auf die WM-Spiele haben werden. Unser Problem ist nicht die Fertigstellung der Stadien, sondern die rechtzeitige Bereitstellung von Flächen und Räumen, damit die WM-Vorarbeiten beginnen können. Wir brauchen Spezialverabredungen mit den Städten und den Bundesliga-Vereinen. Wir berühren Punkte, an denen es weh tut, werden aber alle Fragen mit ein bißchen Goodwill lösen können.

Das Gespräch führte Roland Zorn.

Quelle: F.A.Z., 06.12.2005, Nr. 284 / Seite 36
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