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Hooligans Die Polen kommen!

17.04.2006 ·  Zur Weltmeisterschaft werden Hunderttausende Fußballfans aus Polen nach Deutschland kommen, darunter auch gewaltbereite Hooligans. Erst jetzt erkennt die Polizei das Risiko.

Von Markus Wehner
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Marcin K. war einundzwanzig und Fan von Wisla Krakau. Seit Jahren schlagen sich die Hooligans von Wisla mit denen von Cracovia, dem anderen Erstliga-Verein der südpolnischen Stadt. Mit Baseballschlägern und Messern ziehen die Fußball-Krieger in die Schlacht, oft fließt Blut, wenn man die Schals der Gegner erbeutet. Genau vor einem Monat kam Marcin K. am Sonntag nach dem Lokalderby aus einer Kneipe. Ein Auto mit Cracovia-Fans fuhr heran, einer der Insassen sprang heraus, zückte das Messer, stach zu. Marcin K. starb im Krankenhaus. Er war das sechste Todesopfer im Krakauer Hooligan-Krieg.

Seit dem Tod des jungen Mannes ist die Angst gestiegen, polnische Hooligans könnten bei der Fußball-WM in Deutschland, die in 55 Tagen beginnt, für böse Überraschungen sorgen. Bisher fürchtete man in Europa vor allem die britischen Randalierer, auch niederländische oder deutsche „Hools“ sind für Gewaltneigung bekannt. Doch die schlimmsten Schläger könnten aus dem Osten kommen.

In Polen jedenfalls haben die „Hooligans“ oder auch „Ultras“, vom Westen unbeachtet, das Image des Fußballs seit Jahren systematisch zerstört. Jedes Wochenende prügelten sich hunderte junge Männer aus der sozialen Unterschicht rund um die Stadien. Von Messern über Beile bis zur Motorkettensäge reicht ihr Waffenarsenal, das selbst eingefleischten deutschen „Hools“ das Grauen lehrt. Im Internet kursieren Clips von den brutalen „Trainings“ der Polen - als besonderer Gewalt-Kick.

Polen hat keine Fernsehrechte für WM-Spiele

Mit einem Riesenaufgebot an Polizei lasse sich das Schlimmste verhindern, berichtet der Warschauer Polizeipräsident Jacek Kedziora. Beim Lokalderby zwischen den Hauptstadtvereinen Legia und Polonia Warschau konnten vor einer Woche tausend Bereitschaftspolizisten eine Massenschlägerei abwenden. „Trotzdem haben wir 20 Personen festgenommen. Ihre Namen werden wir nach Deutschland übermitteln“, sagt Kedziora. Mit den Polizeipräsidenten der Hauptstädte Mittel- und Osteuropas traf er sich diese Woche in Berlin. Hauptthema: Fußball-WM.

In Deutschland rechnet man mit 300.000 polnischen Besuchern während des Turniers. Die echten Fans aus dem Nachbarland haben kaum eine Wahl, als sich die WM in Deutschland anzuschauen. Denn Polen hat keine Fernsehrechte für die Übertragung der Spiele erworben, die deshalb nur eingeschränkt gezeigt werden. So werden sich viele „hauptsächlich friedliche Fans“, wie Polizeipräsident Kedziora hervorhebt, mit Bahn, Bussen und Autos nach Deutschland aufmachen, um etwa am 14. Juni in Dortmund das Spiel gegen Deutschland, den wichtigsten Gegner der Vorrunde, zu sehen.

Doch während andere Länder Routine bei „Auslandseinsätzen“ ihrer Hooligans haben, fehlt in Polen die Erfahrung. Eine Ermittlungskommission zur Fan-Gewalt wurde erst vor wenigen Wochen gegründet. Wie viele gewaltbereite Fußballschläger es in Polen gibt, weiß man nicht, denn jede Wojewodschaft führt ihre eigene Kartei. In Warschau gebe es „einige hundert“ gewaltbereite Hooligans, sagt Kedziora unbestimmt. In Deutschland sind 9500 Hooligans registriert, 3000 gelten als gewalttätig. In Polen, so wird geschätzt, seien es mehr als 20.000.

Massenprügelei bei Briesen

Die deutsche Polizei verstärkt derzeit die Kontakte, läßt sich in Krakau oder Warschau über die Szene informieren. In Berlin rechnet man damit, sagt Polizeivizepräsident Gerd Neubeck, daß viele Polen nicht bis zu den Spielorten ihrer Mannschaft nach Dortmund, Gelsenkirchen oder Hannover reisen werden, sich den Weg und die Kosten sparen.

Statt dessen werden sich viele die Spiele auf Großleinwänden in grenznahen Städten anschauen, vor allem in Berlin. Hier könnten polnische Hooligans etwa auf die rund tausend der Berliner Szene stoßen, von denen die Ermittlungsgruppe des Landeskriminalamtes 700 der Gruppe B („gewaltgeneigt“) und 300 der Gruppe C („gewaltsuchend“) zurechnet.

Massenprügeleien könnten am Rande Berlins oder auch im Land Brandenburg stattfinden. So wie im November, als sich hundert polnische und deutsche Hooligans in einem Wald bei Briesen verabredet hatten, um sich zu schlagen. Als das Berliner Sondereinsatzkommando eintraf, hatten die bestens vorbereiteten Polen die Deutschen schon besiegt. Die Polizei nahm die Personalien von 45 Deutschen auf. Unter ihnen waren kriminelle Türsteher, Neonazis und Rocker vom Cottbuser Motorradklub MC Gremium.

Auch Tschechien hat ein Hooligan-Problem

Einer der Beteiligten, ein vorbestrafter Mann aus Braunschweig, war am Überfall auf den französischen Gendarmen Daniel Nivel bei der Fußball-WM in Frankreich 1998 beteiligt. Die Bundespolizei konnte an der Grenze nach Polen den Bus mit den 55 polnischen Hooligans stoppen und ihre Personalien aufnehmen. Sie stammten aus Posen, eine der Hochburgen der polnischen Hooligan-Szene.

Vor kurzem waren Berliner Polizeibeamte bei ihren Posener Kollegen, um gemeinsam die Ermittlungen auswerten. „Wir konnten feststellen, daß wir damals die Richtigen, nämlich einschlägig bekannte Leute, festgenommen haben“, sagt Polizeivizepräsident Neubeck.

Freilich sind die Polen nicht die einzigen Hooligans aus dem Osten. Man habe in Tschechien ein Hooligan-Problem, das nicht kleiner sei als das in Polen oder in Deutschland, sagt Prags Polizeipräsident Petr Zelasko, und man weiß nicht, ob er es nur aus Höflichkeit gegenüber dem polnischen Kollegen tut. Vor allem gegen die Hooligans in Ostrava (Ostrau) hat man lange keine erfolgreiche Taktik gefunden, gibt Zelasko zu.

Jahreshöhepunkt für Schlägertrupps

Der Randale-Truppe des dortigen Klubs Banik Ostrava gilt unter den Hooligans im Land als „unsere Besten“, wie es auf einer tschechischen Hooligan-Seite im Internet heißt. Das böhmisch-mährische Duell mit Rekordmeister Sparta Prag ist der Jahreshöhepunkt für die Schlägertrupps. Unter anderem mit Anti-Gewalt-Teams habe man die Lage in den Griff bekommen, sagt Zelasko.

Deutschland, Polen und auch die Tschechische Republik setzen auf die Zusammenarbeit ihrer Polizeien. Neben szenekundigen Beamten in Zivil sollen polnische und tschechische Polizisten auch in Uniform während der WM präsent sein, sagt Berlins Vizepräsident Neubeck. Man gibt sich Mühe, doch die Probleme sind groß. Daß der Austausch von Informationen über alle Stufen der Hierarchie läuft, ist eins davon, die unterschiedlichen Gesetze der Länder ein zweites, die Sprachbarriere ein drittes.

Das größte Problem aber sei, sagt der Tscheche Zelasko, daß die Datenbanken und die Technik nicht kompatibel seien. Ausgleichen könne das nur der persönliche Kontakt zwischen den Beamten der Länder. Sein polnischer Kollege wiegelt ab. Und präsentiert einen Beweis dafür, wie ernst man in Polen die Lage mittlerweile nimmt: Die polnische Polizei beschäftige sich mit der WM „fast soviel wie mit dem bevorstehenden Besuch von Papst Benedikt“.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.04.2006, Nr. 15 / Seite 8
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