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Hörbücher zur WM Qualität kommt von Quälen

02.06.2006 ·  Daß man ein Fußballspiel lesen kann, gilt als beschlossene Sache. Aber eignet sich das Spiel auch zum Hören? Pünktlich zur WM wollen etliche Hörbucher zur akustischen Einstimmung beitragen - mal poetisch, mal amüsant.

Von Andreas Rosenfelder
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Daß man das Fußballspiel lesen kann, gilt inzwischen nicht nur unter Germanisten als beschlossene Sache. Aber eignet sich das Spiel - jenseits der Schlußkonferenz - auch zum Hören? Nimmt man die Atemlosigkeit eines aufgeheizten Radiokommentars zum Maßstab, dann muß ein Fußballhörbuch immer zu langsam, zu gedehnt, kurzum: zu pomadig klingen. Besonders die professionellen Sprecher reden ja, als hätten sie alle Zeit der Welt! Und das, obwohl ein durchschnittliches Hörbuch noch nicht einmal neunzig Minuten dauert.

Doch verabschiedet man sich einmal von der am Samstag nachmittag geschulten Vorstellung, auch das gesprochene Fußballwort müsse immer auf Ballhöhe sein, bieten sich zahlreiche Möglichkeiten der akustischen Einstimmung auf die Weltmeisterschaft. Und ganz wie die Interviews und Expertenrunden nach Abpfiff können sie gelingen oder scheitern. Das Mammutprojekt „Dichter am Ball“ zum Beispiel, auf dem fünfzig Schriftsteller ihre Fußballgedichte vortragen, fächert die ganze Bandbreite von hehrem Bardentum über fachkundige Abschweifungen und bezaubernde Pointen bis hin zum verunglückten Laienkick auf.

„Eumeniden am Spielfeldrand“

Natürlich lassen sich die Dichter ihren poetischen Mehrwert nicht abschöpfen und schreiben auch über die markenrechtlich geschützte „Fifa WM 2006“ so, als hätte man sie zu einem Sängerwettstreit im alten Griechenland zusammengetrommelt. Schon Ludwig Harig wählt in seinem Eröffnungsgedicht „Fritz Walter spielt das Spiel“ das archaische Spielsystem des Sonetts: „Im großen Augenblick entscheidet sich's, du weißt es:/ Der starke Körper wird zur Hypothek des Geistes,/Der sie zurückbezahlt mit Zins und Zinseszins.“ Mit solchen Huldigungen kann man zwar im modernen Fußball keinen Blumentopf gewinnen, wohl aber lyrische Lorbeeren. Schließlich tut es auch ein Altmeister wie Robert Gernhardt nicht unter einem „Akrostikon-Sonett“, und Raoul Schrott nimmt es sogar mit den „Eumeniden am Spielfeldrand“ auf.

Eine wunderbare, trocken vorgetragene Erinnerungsreise über die Äcker der untersten Spielklassen bietet Jürgen Becker im Telegrammstil: „Hoch im Oberbergischen, zwischen Weidenzäunen und Kühen, Bezirksklasse (Rasensport Waldbröl).“ Besonders witzig ist das kurze Denkstück von Peter Esterhazy, der das WM-Finale von 1954 zugunsten der Ungarn korrigiert - und im Nachspann im verquälten Tonfall die Folgen dieses kleinen Eingriffs der poetischen Gerechtigkeit einräumt, nämlich das Ausbleiben des Wirtschaftswunders in Westdeutschland sowie des 1956er Aufstands in Ungarn. Ulla Hahns zartfühlende Verse (“Es sehnt sich ewig jeder Ball ins Weite“) rettet sicher auch der Kalauer in der Schlußzeile (“auch der Kahnste muß mitunter passen“) nicht für die Ewigkeit, aber insgesamt gibt „Dichter am Ball“ doch eine ebenso amüsante wie individuelle Sammlung von Gelegenheitsgedichten. Nur das gräßlich nach Kulturradio klingende Gitarrengeklimper zwischen den Gedichten stört das Ballgefühl.

Delle, Waldi und Trollinger

Einen sehr einheitlichen und fast schon als Markenzeichen taugenden Tonfall haben dagegen die Günter-Hetzer-Kolumnen von Philipp Köster aus dem Magazin „11 Freunde“. In der Sammlung „Ballgefühl und Rassehasen“ liest der Autor eine Auswahl dieser erfundenen Erlebnisberichte vor, in denen ein verfremdeter Günter Netzer über seine derben Abenteuer mit „Delle“ (Gerhard Delling), „Waldi“ (Waldemar Hartmann) und „Trollinger“ (Gerhard Mayer-Vorfelder) berichtet. Kösters Kunstcharaktere, die den Tonfall des Herrenwitzes mit Jugendzimmerslang und Ibiza-Partysprache kreuzen, färben längst auf die realen Charaktere ab - auch wenn die sich nach Sendeschluß höchstens ein Weißbier gönnen und Sätze wie „Im Bayern-Zimmer ging tatsächlich schon die Möhre ab“ niemals in den Mund nehmen würden. Als Parodie auf die männliche Vetternwirtschaft im Funktionärsfußball und auf die intime Nähe der Medienprofis zur Nationalmannschaft sind die Günter-Hetzer-Texte immer wieder großartig - auch wenn die ständigen Lagebesprechungen über „Puppen am Start“ und die Organisation von „Reiswein, bis die Flöte juckt“ nach einer gewissen Hördauer ihren Reiz verlieren.

Philipp Köster ist auch der Herausgeber des Hörbuchs „Jahrhunderttore“, wo der aus dem „Wunder von Bern“ bekannte Schauspieler Peter Lohmeyer Texte verliest, in denen Autoren von „11 Freunde“ herausragende Treffer der Fußballgeschichte verewigen. Historische Lektionen hält dieses Hörbuch durchaus bereit - etwa über die nordkoreanischen „Fußballsoldaten“, die 1966 als kalte Krieger zur WM nach England führen und Italien in der Vorrunde schlugen.

„Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!“

Die trockene Beschreibung des entscheidenden Tors, als „ein schneller Konter wieder einmal die italienische Abwehr entblößt und Pak Do Ik frei zum Schuß kommen läßt“, führt allerdings vor, daß sich große Fußballmomente nicht immer in Worte fassen lassen. Besser gelingt dies bei jenem Tor, das Jay Jay Okocha 1993 beim Spiel der Frankfurter Eintracht gegen Karlsruhe erzielte - was allerdings daran liegt, daß sich dieser traumhafte Alleingang mit seinen zahlreichen Haken und Wendungen in Zeit und Raum erstreckte und somit besser zur Erzählung anbietet als ein trockener Schuß aus kurzer Distanz.

Ganz in seinem Element ist das Sprechen natürlich nur dort, wo es sich mit dem Sprechen beschäftigt - also zum Beispiel im Hörbuch „Der Ball ist rund - Fußballweisheiten“, das sprachkritische Glossen über den unerschöpflichen Sentenzenschatz des Fußballs versammelt, bereits in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und bei Radio Bremen als Serie gelaufen. Da wird Matthias Sammer (“Das nächste Spiel ist immer das nächste“) als Meister des postmodernen Denkens enttarnt oder Felix Magath (“Qualität kommt von Quälen“) als Wortgeschichtler gewürdigt. Und Manni Breuckmann versucht Andy Möller (“Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!“) als Satiriker zu retten, auch wenn sein Argument, der Kicker habe das „stetig zusammenwachsende Europa“ im Blick gehabt, etwas schwach ausfällt.

Aufbrühen von Assam-Tee statt Fußballspiel

Daß der O-Ton im Fußball immer eine unverwechselbare Note enthält, die kein Kommentar einholt, davon zeugt nicht nur die Fritz-Walter-Dokumentation „Zauberer am Ball“, die wahre Schätze aus den Archiven versammelt - zum Beispiel eine ihrerseits schon historisch anmutende Reportage zum sechzigsten Geburtstag des legendären Pfälzers aus dem Jahr 1980 und lange Gespräche zwischen Fitz Walter und Rudi Michel, in denen der Fußballer in seinem unnachahmlich weichen Dialekt von den „berühmten Kalorienspielen“ der Nachkriegszeit spricht, bei denen es für jedes Tor einen Sack Kartoffeln gab. Die schönste O-Ton-Entdeckung aber ist das Hörbuch „Der Ball spricht“ von Günther Koch, wo der von der ARD nicht für die Weltmeisterschaft nominierte Fußballreporter seine Erlebnisse in Katakomben und Mannschaftsbussen ausbreitet.

Kochs Erinnerungen bilden das reale Gegenstück zu den Günter-Hetzer-Kolumnen - ob er von den deutschen Journalisten berichtet, die 1999 bei der dramatischen Wendung des Champions-League-Finales zwischen Bayern München und Manchester United in den letzten Spielsekunden schon im Aufzug des Camp-Nou-Stadions von Barcelona steckten, oder von einem russischen Linienbus, den die Münchner Bayern 1994 unter Einsatz von Dollarnoten für die Fahrt zum Flughafen kaperten. Wie Koch 2000 im Highbury-Stadion in London die bange Wartezeit während eines Bombenalarms damit überbrückte, den Zuhörern die Kunst des Aufbrühens von Assam-Tee zu schildern - das zeigt eine Kunst des genauen Beschreibens, die den Ball gar nicht unbedingt benötigt. Um so schöner, wenn er ihr vor die Füße kullert.

„Dichter am Ball“. 50 neue Fußballgedichte. Gelesen von den Autoren. Eichborn Lido Verlag, Frankfurt 2006. 1 CD, 89 Min. 14,95 [Euro].

Philipp Köster: „Ballgefühl und Rassehasen“. Die Günter-Hetzer-Kolumnen. Gelesen vom Autor. Hörbuch Hamburg Verlag, Hamburg 2006. 1 CD, 49 Min., 9,90 [Euro].

Philipp Köster (Hrsg.): „Jahrhunderttore“. Gelesen von Peter Lohmeyer. Hörbuch Hamburg Verlag, Hamburg 2006. 1CD, 57 Min., 9,90 [Euro].

„Der Ball ist rund“. Fußballweisheiten. Gelesen von Guido Gallmann, Peter Kaempfe, Holger Postler und Gabriela Maria Schmeide. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2006. 1CD, 63 Min., 10,-[Euro].

„Zauberer am Ball“. Fritz Walter. Reportagen, Gespräche und O-Töne. Jumbo Verlag, Hamburg 2006. 1CD, 77 Min., 12,79 [Euro].

Günther Koch: „Der Ball spricht“. Gelesen von Günther Koch. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2005. 2 CDs, 153 Min., 14,95 [Euro].

Quelle: F.A.Z., 03.06.2006, Nr. 128 / Seite 34
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