13.06.2006 · Versicherungspolicen rund um die WM sind so vielseitig wie die Gefahren. Bei einem Diebstahl des Siegerpokals muß die Hamburg-Mannheimer 350.000 Euro an die Fifa überweisen. Aber was ist der Wert von Zuschauern, Funktionären und Fußballstars?
Der Titel des Weltmeisters wird für die Deutschen im derzeitigen Fußballturnier wohl unerreichbar bleiben. Sollten sie aber die Trophäe verlieren, dann winkt zumindest finanziell Ersatz. Dies und einiges andere hat die Hamburg-Mannheimer, einer der Hauptsponsoren, versichert. Wird der knapp fünf Kilogramm schwere Siegerpokal trotz seiner auffallenden Häßlichkeit gestohlen, muß die Hamburg-Mannheimer 350.000 Euro an den Weltfußballverband Fifa überweisen.
Die Weltmeisterschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem großen Wirtschaftsereignis entwickelt. Während sich in den Anfängen in den dreißiger Jahren ein knappes Dutzend Ländermannschaften zum sportlichen Vergleich traf, ist heute die halbe Welt dabei. An den Fernsehbildschirmen werden angeblich im Durchschnitt 500 Millionen Zuschauer erwartet. Entsprechend hoch ist der Wert der Werbung.
Katastrophenanleihe über 260 Millionen
Allein die Einnahmen des Weltverbandes Fifa und des deutschen Organisationskomitees summieren sich schätzungsweise auf 2,5 Milliarden Euro. Es ist also kein Wunder, daß sich die beiden Institutionen gegen den Ausfall des Turniers abgesichert haben: Das von dem ehemaligen Fußballer Franz Beckenbauer geführte Organisationskomitee hat sich mit einer Versicherungssumme von 158 Millionen Euro bei einem von der Hamburg-Mannheimer geführten Konsortium abgesichert; die Fifa hat dagegen statt einer Versicherung eine sogenannte Katastrophenanleihe über 260 Millionen begeben. Diese muß im Fall, daß das Turnier nicht ausgerichtet werden kann, nicht getilgt werden. Finanzielle Absicherungen gegen den Ausfall wurden erstmals für die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland abgeschlossen - "damals aber in einem viel geringeren Umfang", erinnert sich Jürgen Görling, ein Urgestein der Sportversicherung. Seit drei Jahrzehnten versichert er vor allem Fußballspiele und Fußballspieler. "Beine und Vereine", so drückt er das aus. Auch die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf deutschem Boden war schon ein Wirtschaftsfaktor, allerdings im Vergleich zu heute ein wesentlich kleinerer. Entsprechend lag die Versicherungssumme für den Ausfall damals bei etwa 40 Millionen DM.
WM-Policen so vielseitig wie die Gefahren
Anfangs arbeitete Görling für die Albingia. Doch die Weltmeisterschaft 2002, ursprünglich mit 1,5 Milliarden Franken gegen den Ausfall abgesichert, brachte eine Zäsur. Die Albingia war inzwischen von der französischen Axa gekauft worden. Alarmiert von den Terroranschlägen auf New York im Jahr 2001, scheute sie das Risiko und zog die Deckungszusage zurück. Seitdem hat der Konzern einen schwierigen Stand in der Sportversicherung. Und Görling wechselte mit seinem Team den Arbeitgeber. Übrigens ist die Angst der Axa vor Terror gar nicht so unbegründet. Pläne für einen Anschlag soll es schon bei der WM in Frankreich gegeben haben.
Die Gefahren sind bei dem größten Sportereignis der Welt zahlreich, und ebenso vielseitig sind die Versicherungspolicen. Ein Dutzend unterschiedliche Verträge wurde abgeschlossen. "Die Palette reicht von der Haftpflichtversicherung für den Veranstalter über die Kraftfahrzeug-Flottenversicherung für den Fuhrpark bis zur Unfallversicherung der Zuschauer", sagt Kai Bockelmann, der für Aon, den zweitgrößten Makler der Welt, Sportversicherungen vermittelt.
Beckenbauers Tod mit 130.000 Euro versichert
Und so mußten sich die Versicherer auch über den Wert von Zuschauern, Funktionären und Fußballstars Gedanken machen. Sollten beispielsweise die Mitglieder der Nationalmannschaft mit dem Flugzeug abstürzen, was sich niemand wünscht, so erhält der Deutsche Fußballbund je Verstorbenen 100.000 Euro, zusätzlich zur dauerhaft abgeschlossenen Police. Ein allfälliger Tod von Franz Beckenbauer während des Turniers ist mit 130.000 Euro versichert. Stirbt ein Fan bei einem Unfall im Stadion, so erhalten die Hinterbliebenen 10.000 Euro. Stolpert einer der Fans so unglücklich, daß er Invalide wird, fließen 70.000 Euro. In einem vergleichbaren Fall würden die hauptamtlichen Mitglieder des Organisationskomitees 260.000 Euro erhalten.
Die Unfallversicherung erhalten die Zuschauer kostenlos mit der Eintrittskarte. Das gleiche gilt auch für die Rechtsschutzversicherung für den Fall, daß ein Ereignis im Stadion zu einem Rechtstreit führt. Kosten bis zu 35.000 Euro übernimmt die Hamburg-Mannheimer.
Wesentlich teurer könnte es werden, wenn die Ausrichter-Haftpflichtversicherung des Organisationskomitees in Anspruch genommen wird. Durch einen Fehler könnte zum Beispiel einer der 736 Spieler zu Schaden kommen. Wenn der Veranstalter haftet, ist er mit einer Deckungssumme von bis zu 140 Millionen Euro versichert.
Trotzdem ein gutes Geschäft
Trotz dieser Summen waren die Weltmeisterschaften für die Versicherer bisher ein gutes Geschäft, weil größere Schäden ausblieben. Die Hamburg-Mannheimer, die sich "Offizieller Versicherer der Fifa WM 2006" nennen darf, zahlt allerdings dem Vernehmen nach für ihr Recht, als Sponsor aufzutreten, mehr, als sie an Prämien erhält.
Auch außerhalb des eigentlichen Turniers mischt die Assekuranz mit. "Im Prinzip ist jedes Glied in der Wertschöpfungskette betroffen, wenn die WM ausfällt", sagt Kai Bockelmann vom Makler Aon. Das reiche von Hotelketten über Reiseveranstalter, Rechtehändler, Fernsehanstalten bis hin zu den Werbetreibenden.
Darüber hinaus hat sich der französische Fußballverband 1998 dagegen versichert, daß seine Mannschaft den Titel gewinnt. Man wollte so die dann fälligen Prämien finanzieren. Prompt gewannen die Franzosen und konnten die sogenannte Prize-Idemnity-Versicherung in Anspruch nehmen. Übrigens gibt es auch für den Diebstahl des Pokals einen Präzedenzfall. 1966 kam die Trophäe den Engländern abhanden. Glücklicherweise wurde sie in einem Gebüsch wiedergefunden. Sonst hätte die Versicherung zahlen müssen.