„How long do you want it, Sir? - Wie groß soll's denn werden, Sir?“ fragt ein Junge, und durch einen Hauch von Whisky murmelt Lord Kimberley of Kara: „Oh - that's actually a good question ...“ („Das ist eine gute Frage“), und tritt vier Schritte zurück. „Hmm, I would say - I would say, make it actually 20, no 22, or maybe more, let's make it 24 feet. Yes boys, let's do it 24 feet ... and eight feet high. Indeed.“ („Mach es 20, nein 22, oder vielleicht doch 24 Fuß breit und acht Fuß hoch“). Und prompt wurden im Abstand von 24 Fuß zwei Pfosten in die britische Erde gerammt.
Die Story vom Lord mag Legende sein. Was jedoch seit Ende des vorletzten Jahrhunderts feststand, steht heute festgeschrieben: Das Innenmaß des Fußballtors beträgt acht mal 24 Fuß (2,44 mal 7,32 Meter). Das ist seit damals in Erz - und einen Hauch von Whisky - gegossen. English tradition! Viele Pfosten sind seither geborsten - die Maße aber hielten stand. Bis heute. Da fragt sich mancher: Warum hat man eigentlich die Tragflächenform des ersten Motorfliegers der Gebrüder Wright so drastisch verändert? Weil die amerikanischen Pioniere weniger von Tradition hielten. Später flogen sie als erste zum Mond.
Je wichtiger das Turnier, desto weniger Tore
Themawechsel: Das Axiom der Parallelen, die sich in der Unendlichkeit treffen, ist vielen bekannt. Axiom heißt zu wissen, daß etwas ist, ohne es beweisen zu können - aber damit rechnen zu dürfen, als wäre es bewiesen. Und so verhält es sich auch hier: Beim Fußballspiel hat die Verteidigung einen Vorteil gegen den Angriff. Wir wissen es, können es aber nicht beweisen. Eine Art fußballsches Axiom.
Dieses Ungleichgewicht zwischen Angriff und Verteidigung führt verhängnisvollerweise dazu, daß die überlegene Abwehr den Angreifern immer besser und besser trotzt - und somit die Anzahl der Tore immer geringer wird. Die Statistik zeigt: je wichtiger das Turnier, desto geringer die Anzahl der Tore. Schossen die tapferen Mannen des Europapokals 1955/56 im Schnitt noch 4,38 Tore, so krachte es bei den Fußballmillionären der Champions League in der Saison 2003/04 nur noch 2,47 Mal (die Angaben sind um statistische Ausreißer bereinigt), bei den Finalspielen der EM 2004 während der regulären Spielzeit nur noch 1,85 Mal, und bei der WM 2006 schließlich passierten bis zum Finale durchschnittlich ganze 1,5 Treffer die Pfosten.
Verein „Das größere Fußballtor“
Die Statistik darf nichts beweisen - kann aber, bei vernünftig gewählten Signifikanzgrenzen, Licht in Dunkles bringen. Zu einem solchen Ergebnis (4,38, 2,47, 1,85, 1,5) sagt der Statistiker klipp und klar: Der Trend zu weniger Toren ist hoch signifikant und tendiert gegen Null. Definitiver kann die Wissenschaft sich nicht ausdrücken. Nach den Resultaten der EM 2004 habe ich am 3. Juli 2004 einen ersten Artikel zu dem Thema in der „Welt“ veröffentlicht und im September 2004 mit etwa 70 Gleichgesinnten den Verein „Das größere Fußballtor“ gegründet. Der Fußball-Olymp belächelte uns.
Karge Resultate aber bringen wenig Jubel und wirken sich folgenschwer auf jedes Turnier aus: Wenn zu wenige Tore fallen, wird das „Können“ abgewertet und das „geringere Können“ aufgewertet. Der Zufall steht - bei extrem niedrigen Scores - als dritter unsichtbarer Spielführer auf dem Rasen. Der Nachweis ist schon bei der letzten Fußball-Europameisterschaft erfolgt: Griechenland, mit seiner rein defensiven Taktik, siegte über die europäische Elite! Die eigentlich Stärkeren waren „out“, die eigentlich Schwächeren - bei aller political correctness - „in“.
Soll man überhaupt etwas ändern?
Soll es nun des Fußballs Schicksal sein, durch Armut an Toren öfter und öfter den Schattenmann mit im Spiel zu haben. Seine Entscheide sind oft falsch und - Schattenmänner jubeln nicht. Weder Humboldt noch Gauß hätten den finsteren Burschen gewollt. Der erste maß, der zweite rechnete, aber beide hätten - vom Jubel abgesehen - gewollt, daß nur die edelsten und besten Recken als wahre Sieger in die Fußball-Saga eingehen. Und das müßte auch der Fifa höchstes Ziel sein.
Eine Frage scheint berechtigt: Sollte man eigentlich nach der WM 2006 überhaupt daran denken, etwas zu ändern oder zu verbessern? Am Rausch der Fans und Bürger gemessen, gäbe es dafür keinen Anlaß. Oder doch? Auch die Möwe Jonathan strebte in ihren weiten Höhen stets nach perfekteren Kurven und versuchte Unvollkommenes nicht zu wiederholen. So haben kluge Köpfe in den vergangenen Jahren versucht, dem Problem durch Regeländerungen (Abseits, Torwart, Strafraum) beizukommen. Das hörte sich an, als grübelte man über einer Gleichung mit sieben Unbekannten, die erfahrungsgemäß unlösbar ist. Löst man ein Problem, werden zwei andere brüchig. Im übrigen waren diese Versuche, Parforceänderungen herbeizuführen, statistisch kaum wahrzunehmen.
„... die Umrüstung würde Unsummen verschlingen“
Manchmal erklären Bilder bestimmte Zusammenhänge besser als komplexe Gleichungen: Ein 20 Meter breites Tor wäre sichtlich zu groß und führte zu extrem vielen Treffern. Ein zwei Meter breites Tor wäre sichtlich zu klein und führte zu extrem wenig Treffern. Dazwischen liegt das Goldene Tor. Allein die Breite des Tores ist das perfekte Zünglein an der Waage, die Torverhältnisse zu tarieren. Bereits ein halber Pfostendurchmesser an jeder Seite könnte eine Vielzahl der heutigen Pfostenschüsse zu Toren machen.
Das ist der Vorschlag, den ich im Juni 2004 bei der Fifa eingebracht habe. Darauf erhielt ich im August 2004 unter anderem folgende Antwort: „... allein schon die Umrüstung aller Fußballtore weltweit würde Unsummen verschlingen. Dieses Geld ist in vielen Ländern schlicht nicht vorhanden.“
Wer sich einen Fußballplatz leisten kann, hat auch die Mittel, vier Pfosten zu versetzen, sagt jener gesunde Menschenverstand, auf den der Homo sapiens so stolz ist. Mit Nanomikroskopen und Megateleskopen sucht die Wissenschaft immer mehr Klarheit, im Kleinsten wie im Größten, zu erreichen. Und der Krösus Fußball ist dabei, von Jahr zu Jahr die Aussagekraft seiner Turniere gegen Null fallen zu lassen - wegen zu hoher Kosten.
Der Ausgang eines großen, weltumspannenden Turniers wurde Sonntag nacht durch das stumme Phantom Zufall entschieden. Näher einer Dichtung von Edgar Allan Poe als dem Esprit von Pierre de Coubertin. Fußballfunktionäre, besinnt euch - auch Rotkäppchen mußte seine Wege durch den Wald stets neu überdenken.
Lieber Herr Sachs,
Rainer Hanke (domdewild)
- 11.07.2006, 17:24 Uhr
Größeres Fußball-Tor
gerhard hoffmann (jackett)
- 11.07.2006, 20:11 Uhr
Sehr gut!
Thorsten Pattberg (PhillipPaux)
- 11.07.2006, 22:52 Uhr
