10.05.2006 · Schnapp, Schuß, Tor: Eine ausgezeichnete Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin zeigt die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft im Spiegel der Sportfotografie.
Von Jürgen KaubeJede gelungene Fußballfotografie existiert auf dreifache Weise. Zunächst als Bild, das einen Sachverhalt wie „Das dritte Tor von Wembley“ oder „Das Lama Frank Rijkaard“, „Shilton und die Hand Gottes“ oder „Escobars Eigentor“ bezeichnet. „Fotografien sind wie Namen“, hat der Philosoph Martin Seel diese Eigenschaft einmal umschrieben. So hätte es ausgesehen, sagt die Fotografie, wenn man das Spiel hätte anhalten können.
Ein zweites Mal existiert das Sportfoto als Moment einer Erzählung. Der Fotograf John McDermott zum Beispiel hat exakt jenen Augenblick festgehalten, in dem der erst kurz vor dem WM-Turnier 2002 von einem Fußbruch genesene David Beckham im Viertelfinalspiel der Engländer gegen Brasilien aus Furcht, getroffen zu werden, mehr als einen Meter hoch über das ausgestreckte Bein Cafus springt, während Cafu wider Erwarten den Ball noch vor der Auslinie stoppt.
Der die Beine hochzog
Ein Spieler, der, seine Knochen schont, sagt das Bild. Der Anfang der englischen Niederlage in diesem Spiel, sagt die Erzählung. Denn es war, was man sowenig sieht wie Beckhams Motiv, in der zweiten Nachspielminute der ersten Halbzeit, und England wäre, hätte Beckham dagegengehalten, wohl mit einer Führung in die zweite Hälfte gegangen. So aber blieb der Ball im Spiel, kam nach vorn, schoß Rivaldo das 1:1, das Match drehte sich, und Beckham wird für immer derjenige sein, der damals die Beine hochgezogen hat.
Eine sehr gelungene Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin versammelt jetzt neben Beckhams fatalem Sprung mehr als einhundertfünfzig Fotografien aus den Fußballweltmeisterschaften seit 1930. Wie vielen Erzählungen mag das entsprechen? Wer sich die Ausstellung mit Nachwuchs anschaut, wird aufpassen müssen, nicht zu viel zu reden, so viel gibt es zu jedem Bild zu sagen. Sortiert sind die Fotografien nicht nach der Chronik der Turniere, sondern nach ihrer Zeitstelle im Spielgeschehen: Der Rundgang beginnt mit dem Weg zum Stadion und Bildern von einlaufenden Mannschaften, setzt sich über solche aus ersten und zweiten Halbzeiten fort, um beim Elfmeterschießen - dem am wenigsten dankbaren Motiv -, bei Verlierern und Siegesfeiern zu enden.
Klug kommentierte Bildauswahl
Durch die von den Kuratoren ebenso knapp wie klug kommentierte Bildauswahl lernt man eine Menge über die Geschichte des Spiels. Zum Beispiel, wie sehr sich Stadien verändert haben oder wie homogen die Massen im Hintergrund der Spielszenen früher aussahen - 1962 in Chile scheinen Abertausende von Männern dasselbe Hutmodell aufgehabt zu haben - und wie bunt es heute auf den Rängen zugeht. Eine Aufnahme von 1954 zeigt mexikanische Reservespieler, in Sakko, Hemd und Krawatte, denn damals durfte nicht ausgewechselt werden. Man kann versuchen, anhand der Bilder herauszufinden, ab wann Torhüter anfingen, Handschuhe zu tragen. Oder man sieht, daß es 1958 bis zum Halbfinale „Einpeitscher“ gab, die das Publikum mit Megaphonen heißbrüllten, und kann sich fragen, wodurch diese Einpeitscher danach ersetzt worden sind. Daß beim Unentschieden der Polen gegen die Sowjetunion in Spanien 1982 die Polizei ein Solidarnosc-Transparent entfernte, dürften auch nicht mehr viele erinnern.
Neben den kultur- und sportgeschichtlich aufschlußreichen Bildern macht sich schließlich die dritte und schönste Existenzweise der Fußballfotografie als Dokument ästhetischer Virtuosenstücke geltend. Mal sind es dabei mehr die Spieler, mal mehr die Fotografen, die den Virtuosen geben: Roberto Perfumo, der 1966 als argentinischer Verteidiger gegen Deutschland mit einem Fallrückzieher auf der eigenen Linie klärt; gewiß eine der ganz raren Übungen. Im selben Turnier, das eines der fotografisch ertragreichsten blieb - vielleicht weil der Umgang mit großen Brennweiten hier noch ganz frisch war -, kam es zur spektakulärsten aller fliegenden Pyramiden, unter Beteiligung von Nordkoreanern und Italienern. Der Kunsthistoriker und als Holstein-Kiel-Fan leidensbegabte Horst Bredekamp macht es im Katalog bei ihrer Beschreibung nicht unter einem Vergleich mit Michelangelos Jüngstem Gericht. Aus einem Bild mit Maier, Vogts, Beckenbauer und dem gestürzten Johan Cruyff aus dem Finale 1974, auf dem die Spieler dem Ball nachblicken, als handele es sich um eine höhere, furchterregende Macht und als sei Cruyff auf dem Weg nach Damaskus gestürzt, ließen sich ganz ähnliche Schlüsse für die Sportfotografie als Bildarchiv der Extremerfahrung ziehen.
Jeder Besucher wird in diesem Archiv seine Lieblingsaufnahme finden. Eine ganz außergewöhnliche ist Ferdi Hartung, einem der großen Sportfotografen, geglückt, als er einen Freistoß Pelés und eine Abwehrgeste Luigi Rivas im Finale von 1970 festhielt. Aus dem élan vital des Spielgeschehens herausgerissen, antwortet das Bild auf keine naheliegende Frage mehr: Wer schießt hier in welche Richtung, wohin fliegt der Ball überhaupt, warum steht die teilnahmslose Mauer der Italiener mit den bedeutungsvoll wirkenden Zahlen auf dem Rücken so und nicht anders? Und wo mag sich das Tor befinden? Hier hat sich die Bildkunst vom Erzählen und Dokumentieren gelöst und zeigt, daß es fotografisch gelungene Momente gibt, die nichts mit sportlichem Gelingen, sportlicher Bedeutung oder spektakulärer Athletik zu tun haben.